Predigt zur Abendandacht am Pfingstfest, 24. Mai 2026

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Predigt zur Abendandacht am Pfingstfest, 24. Mai 2026

24.05.2026

über Apostelgeschichte 2,1–21(Lut17); gehalten in Kleinwaltersdorf von Dr. Gunnar Wiegand, Pfarrer des Freiberger Doms

Der Abend legt sich sanft über uns, und das Licht wird weicher. Die Geräusche der Umgebung treten deutlicher hervor: ein Rascheln im Gras, ein Vogelruf, vielleicht ein leises Gespräch in der Runde. Es ist eine Atmosphäre, in der man spürt, dass Gott mitten unter uns sein kann – in der einfachen Schönheit dieses Moments.

So ähnlich stelle ich mir die Stimmung vor, in der die Jüngerinnen und Jünger damals zusammensaßen. Sie waren beieinander, verbunden durch die Erwartung, dass Gottes Verheißung Wirklichkeit werden würde. Sie wussten nicht, wie sich das anfühlen würde, aber sie hielten sich bereit. Und dann geschieht es: Ein Brausen erfüllt den Raum, ein Klang, ihre Herzen weckt und sie aufrichtet. Es ist, als würde ein neuer Atem durch die Welt gehen. Dieser Wind trägt die Kraft des Anfangs in sich – wie der Atem Gottes, der Leben schenkt.

Inmitten dieses Brausens erscheinen Feuerzungen, die sich auf jede und jeden von ihnen legen. Da spüre ich Wärme und Klarheit. Feuer, das Orientierung gibt. Feuer, das Menschen zusammenführt. Jede Flamme ist ein Zeichen dafür, dass Gottes Geist jede und jeden persönlich berührt und zugleich miteinander verbindet. Die Gemeinschaft wächst, weil jede und jeder etwas empfängt, das weitergegeben werden kann.

Die Jünger beginnen zu sprechen, und ihre Worte finden Wege in die Herzen der jeweils anderen. Jede und jeder hört die Botschaft in der eigenen Sprache. Dieses Wunder zeigt, wie sehr Gottes Geist Verständigung ermöglicht. Er öffnet Türen zwischen Menschen, die sich zuvor fremd waren. Er schenkt Worte, die ankommen, weil sie getragen sind von Offenheit und Vertrauen. Pfingsten ist ein Fest der Verständigung – ein Fest, das zeigt, wie viel möglich wird, wenn man sich einander wirklich zuhört.

Ich will das mit dieser Laterne verdeutlichen: Eine Laterne… sie steht hier im Freien… nachher wird die Dunkelheit zunehmen. Sie ist unscheinbar, solange sie nicht brennt. Doch wenn eine Flamme hineingesetzt wird, verändert sich alles. Das Licht breitet sich aus, es schafft Orientierung, es zieht Menschen an. Und es bleibt nicht bei der einen Laterne. Man kann mit ihr eine zweite entzünden, und eine dritte, und plötzlich entsteht ein Kreis aus Licht, der größer wird, je mehr Menschen ihre eigene Laterne dazustellen.

So wirkt der Geist Gottes. Er entzündet in jedem Menschen ein Licht, das weitergegeben werden kann. Ein Licht, das Gemeinschaft schafft. Und wie bei einer Laterne braucht es nicht viel: ein Funke genügt, und schon beginnt etwas zu leuchten.

Petrus tritt hervor und spricht mit einer Klarheit, die aus diesem inneren Licht erwächst. Er erinnert an die Worte des Propheten Joel: Gott gießt seinen Geist über alles Fleisch aus. Diese Zusage umfasst alle Generationen, alle Lebenswege, alle Menschen, die sich nach Orientierung sehnen. Sie trägt eine große Weite in sich. Sie sagt: Gottes Geist erreicht uns in unseren Fragen, in unseren Hoffnungen, in unseren Träumen.

Wenn wir heute hier draußen sitzen, unter freiem Himmel, dann spüren wir vielleicht etwas von dieser Weite. Der Himmel über uns, die Stimmen der Natur, die Gemeinschaft, die uns trägt – all das erinnert daran, dass Gottes Geist überall wirken kann. Er stärkt uns, er inspiriert uns, er schenkt uns Mut für neue Wege. Er wirkt in der Stille und im Gespräch, im Gebet und im Lachen, im Teilen und im Zuhören.

Pfingsten lädt uns ein, uns diesem Geist zu öffnen. Er schenkt uns Worte, die Frieden bringen. Er schenkt uns die Fähigkeit, einander mit neuen Augen zu sehen. Und er schenkt uns die Kraft, Hoffnung weiterzugeben – gerade in einer Welt, die diese Hoffnung so dringend braucht.

So wird Pfingsten zu einem Fest des Aufbruchs. Ein Fest, das uns daran erinnert, dass Gottes Geist uns begleitet, wohin wir auch gehen. Er erfüllt uns mit Licht, das wir weitertragen können. Er verbindet uns miteinander, auch wenn unsere Wege unterschiedlich sind. Und er schenkt uns die Zuversicht, dass Neues wachsen kann – in unseren Gemeinden, in unseren Beziehungen, in unserem eigenen Leben.

Möge dieser Abend uns daran erinnern, wie nah Gottes Geist ist. Möge er uns stärken, uns inspirieren und uns miteinander verbinden. Und möge er uns den Mut schenken, das Licht, das wir empfangen, in diese Welt hineinzutragen. Amen.

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