22.03.2026
über Hebräer 13,12-16 (Lut17); in der Annenkapelle des Freiberger Doms St. Marien von Dr. Gunnar Wiegand, Pfarrer des Freiberger Doms
Gnade sie mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen. Stille…
Verlesung des Predigttextes Hebräer 13,12-16 (Lut17)
Liebe Gemeinde,
an diese kurzen Sätze kann man mit zwei völlig unterschiedlichen Blickwinkeln gedanklich anknüpfen.
Da spüre ich im ersten Moment diese Unerträglichkeit… jemand muss weg… hinaus… vor das Lager… vor das Tor… vor die Stadt… die Zukunft verheißt Besseres als die Enge der Gegenwart in dieser Stadt… Stadt als Gefühl der Bedrängnis…
Ich sehe förmlich das Kind vor mit, das sich sein Lager baut… vielleicht ein heimliches Baumhaus… bei mir war es ein Riesenkarton im Keller… mit Polstern ausgestattet… ein Rückzugsort… geheim… da durften meine Eltern nicht hinein… ja ein fast heiliger Ort… ohne bestimmte Absicht… Weltflucht? Flucht vor Pflichten? Ein anarchischer Raum der Freiheit?
Welcher ist ihr Freiheitsort vor den Stadttoren? Ist es ihr Hobbykeller mit Modeleisenbahn… oder die eigene Heimbrauerei, wie sie ein Freund von mir betreibt? Ist es die Gartenlaube mit Blick auf das eigene Grün oder den heimatlichen Ort? Ist es der Verein? Die Gemeinschaft einer Interessengruppe? Oder schaffen Sie oder haben Sie Teil an Traumwelten in den Social Media?
Ich versetze mich in die Situation des unbekannten Predigers im Hebräerbrief… ja da erreicht mich die versteckte Botschaft der Weltflucht… aber da schwingt auch noch das Mitleiden der Geschichte um Jesus mit… aber eben nicht nur das Mitleiden, sondern vor allem auch das eigene, unausgesprochene Leiden… vermutlich durch ganz handfeste Anfeindungen, Verfolgungen… und dann ist da noch etwas: der Schreiber blickt auf Jesus zurück… er wird wie ein besonderer Hohepriester nach der Ordnung des Melchisedek gedeutet… und nach den Riten der Leviten opfert sich Jesus, dieser besondere Hohepriester selbst… nicht im Tempel… sondern außerhalb der Stadt. Und damit ist dieser schmachvolle Tod Jesu am Kreuz in etwas Positives umgedeutet… Jesus hat sich selbst als Hohepriester für die Menschen gelitten und sich geopfert. Das macht das eigene Leiden, die eigene Schmach – wie es Luther übersetzt – erträglich…
Diese Menschen ziehen sich also nicht nur weltflüchtend in eine Kuschelhöhle oder einen Hobbykeller zurück… der Weg nach draußen vor die Tore der Stadt ist nicht nur ein Wanderausflug ins Grüne oder eine Wellness-Erfahrung in einem Hotel-SPA… hier geht es um endgültige Erlösung… hier geht es darum: Unrecht wird zu Recht… Unrechtserfahrung wird zu einer Teilhabe des Richtigen… Zeugnis für Jesus zum höchsten, was auf der Welt passieren kann… Teilhabe am Göttlichen…
Und dafür nimmt der Brief sogar in Kauf, die erhabene, die ersehnte Stadt Jerusalem (wir haben ein Lob auf sie in der letzten Woche gesungen) zu verlassen… sie taugt nicht mehr zum Heiligtum, ja sie erstickt… sie treibt den falschen Gottesdienst… da ist kein „Wie lieblich sind Deine Wohnungen Herr Zebaoth… [im Tempel]“ (Ps 84,2), da ist kein „Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt!“ (Jes 66,10)… diese Stadt taugt nicht mehr für die Gotteserfahrung … „denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“. Und damit entzieht dieser Schreiber den Menschen den Ort der Gottesbegegnung… er kann überall sein… in der Zukunft… dort, wo Jesus bezeugt wird… durch sein Wort… oder eben das Gedächtnis an seinen Tod im Sakrament….
Ich habe mich neulich mal gefragt: warum bin ich eigentlich überhaupt Pfarrer geworden? Warum stehe ich im Dienst der Kirche?... ich könnte doch theoretisch auch etwas anderes tun… diejenigen, die mich kennen, wissen, dass ich ja auch mal Kantor war, dass ich auch Musikwissenschaftler war… und es gab auch Momente, in denen ich ernsthaft über ein Lehramts- oder Medizinstudium nachgedacht habe… da gab es Scheidepunkte… Krisen… aber ich bin den Weg so gegangen und bin heute hier… und wenn ich so nachdenke: es ist doch irgendwie die Sehnsucht nach diesem Reich Gottes, die mich da im inneren antreibt… diese Sehnsucht nach „der zukünftigen Stadt“… dieser ganz anderen Realität bei Gott… ja dieser Ort, der im Hebräerbrief als Opferstädte Jesu beschrieben wird… nicht geradlinig, vielmehr holprig… Und d.h.: ich habe keine Berufungsgeschichte (so wie der Apostel Paulus)… es ist bei mir eher eine Suchbewegung, dieser Weg immer wieder nach draußen, der mich antreibt… für mich ist das Gott folgen… keinesfalls an diesem Reich bauen… das tut Gott selber… denn Golgatha war ein Ort des Todes… ein Ort des Opfers, an dem sich Jesus hingegeben hat – wie es der Hebräerbrief deutet.
Gab es in Ihrem Leben diese Krisensituationen oder Situationen des Umbruchs? Was haben Sie da getan? Welche „Stadt“ haben Sie aufgesucht? Welche Veränderungen haben Sie durchgemacht? Welche Rolle hat Gott dabei gespielt? Warum sind Sie heute hier im Gottesdienst?
Und dann ist da noch eine zweite Perspektive… der Blick auf Jesus selbst – was vorhin erst indirekt eine Rolle gespielt hat. „Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.“… vielleicht ist es dieser erste Satz, an den Sie im ersten Moment besser anknüpfen können… dieser Mensch, Jesus, der sich da außerhalb der Tore befindet… ausgestoßen aus der eigentlich heiligen Stadt… der nicht mehr richtig dazugehört… ein Opfer… gedemütigt…
Ich habe einen Bericht gelesen von Gefangenen… da lese ich über Sehnsucht nach Zugehörigkeit… wieder Teil der Gesellschaft werden… „Vor den Toren der Stadt, am Rande [der Stadt] müssen sie leben, umgeben von hohen, mit NATO-Stacheldrahtzaun gekrönten Mauern, ein- und damit ausgeschlossen in einer 9qm großen Zelle. Sie sind schuldig geworden. Dafür müssen sie büßen. Als Strafe ist ihnen die Freiheit entzogen worden. Fortan sind sie getrennt von allem, was ihr Leben bisher ausgemacht hat. ‚Schmach‘, Demütigungen gehören tagtäglich dazu. Sehnsüchtig warten sie auf den Tag, an dem sich die Tore öffnen. Gott sei Dank ist die JVA […] für sie kein ‚bleibender Ort‘. Eines Tages werden alle wieder frei sein. Manche sind auf der Suche nach einem „zukünftigen Ort“, weil in ihrer Heimat niemand mehr auf sie wartet.“ (Dieter Kümmel: Judika. Draußen vor dem Tor 22. März 2026 Hebräer 13,12-14, pfarrerverband.de 22.3.26)
Ist es dieses umgekehrte Bild, an dem Sie vielleicht besser anknüpfen können? Die Isolation, die Einsamkeit, vielleicht Scham oder Schuld die Sie lähmen… und dann die Sehnsucht nach einem anderen Ort… nach einer Gemeinschaft, nach Gesellschaft, nach Anerkennung.
Und zuletzt stellt sich dann noch einmal die Frage – über das jeweils persönliche Anknüpfen hinaus): was hat dieses Bild den Menschen gebracht, die den Hebräerbrief, diese gewaltige Predigt wahrgenommen haben? Und was bringt es uns heute hier und jetzt?
- Ich empfinde da zunächst Trost, in dem ungewöhnlichen Bild dieses Priestertums durch Jesus… diesen einmaligen Opfertod… der Glaube an Gott geht weiter auch ohne den realen Tempel in Jerusalem… der ja im traditionellen Judentum so einen hohen Stellenwert hat. Wir brauchen keine Tempel mehr in Jerusalem, wir brauchen keine Opfer mehr, denn Jesus hat sich bereits hingegeben. Im Abendmahl ist er bis heute bei uns, sinnlich gegenwärtig. Und dadurch wird auch deutlich, dass dieser furchtbare, absurde Tod von Jesus… dieses menschliche und soziale Versagen unter Pontius Pilatus sinnvoll, ja sogar notwendig war… Um es in Bildern zu sagen: das Folterkreuz wird zu einem Triumphkreuz, das schwache Lamm wird zum Herrscher und Gottkönig. Und damit haben auch wir im Glauben an Jesus Teil an dieser Erhöhung… gerade in der Schwäche, im Versagen.
- Das Bild macht Mut, schenkt Zuversicht. Ich stelle mir vor, wie die Menschen zur Zeit des Hebräerbriefs erlebt haben, wie ihre Mitbrüder und Mitschwestern Verfolgung erleiden mussten – ich hatte es bereits erwähnt. Auch Jesus ist es so ergangen… auch er wurde schmachvoll hingerichtet… seine Gottesmission hat vermeintlich abruptes Ende gefunden durch die Macht Anderer…. Dieser Tod war notwendig, ein einmaliges letztes Opfer… und die Tode der Märtyrer stehen im Licht dieses Opfertodes Jesu … Jesus ist ihnen im Glauben vorangegangen, und sie sind durch das Martyrium nachgefolgt… diese Worte stärken, machen Mut weiter an Jesus im Zeugnis dranzubleiben. Sie alle sind dazu berufen, Jesus zu bezeugen, von Jesus zu sprechen, Menschen zu erreichen für unsere Kirche
- Und zuletzt spricht der Hebräerbrief eine Folgerung selbst aus: „Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.“ … Der Glaube an Jesu Opfertod hat Folgen für das Handeln. Der Glaube an Jesus ermutigt zur tätigen Liebe. Ganz konkret: Gutes tun und teilen… Ich habe heute noch das Kreuzganggespräch vom letzten Donnerstag ganz präsent vor Augen… die Verstrickungen bestimmter religiöser Kreise in den USA mit der dortigen politischen Macht… Liebe ist aber nicht an Macht gebunden, liebe ist nicht an Gebärden der Stärke gebunden und gewiss nicht an präventive Bomben und Militäreinsätze – so nativ das vielleicht auf politischer Ebene klingen mag. Schlicht Gutes tun und teilen… ich denke Sie alle haben ein gutes Gespür, was das konkret für Sie und ihr Leben bedeutet.
Ja, ein schlichter Satz aus einer gewaltigen Predigt… er bietet Anschluss an die Sehnsucht nach Erlösung… er bietet Anschluss an die Situation des eigenen Leids… aber er zeigt auch auf: Jesu Opfertod hat Folgen für das eigene Leben – Trost, Mut und Liebeshandeln.
Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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