02.11.2026
über Matthäus 10, 21-26; gehalten von Pfarrer Justus Geilhufe im Freiberger Dom
Menschenfurcht - Gottesfurcht
Liebe Schwestern und Brüder,
In der Bibelübersetzung nach Martin Luther ist das heutige Evangelium überschrieben mit den Worten „Menschenfurcht und Gottesfurcht“. Es redet heute von der Furcht, die man nicht vor jenen haben soll, die am Ende nur an unserem Leib Schaden anrichten können. Und es redet von der Furcht, die wir haben sollen vor dem, der am Ende unsere Seele bewahrt.
Es geht also um die Frage nach unserer Orientierung. Kommt sie von den Dingen hier unten oder jenen dort oben. Das, gerade heute sei das gesagt, sind die Alternativen. Entweder oben oder unten ist es, was unser Leben bestimmt. So scheint es zumindest beim Hören der Heiligen Schrift.
Aber sie sind es nur scheinbar, liebe Schwestern und Brüder. Diese beiden Gegensätze sind nur scheinbar Alternativen. Schauen wir auf unser eigenes Leben, unseren Alltag. Ist dort nicht immer beides? Wir haben durchaus das da oben im Blick, durchaus ändert das dort oben etwas von unserem Begegnen mit dem hier unten - und doch hat das hier unten seine Macht und wir unsere Schwächen. Kurz: Beides ist für unser Alltägliches immer miteinander bestimmend. Beides. Das Oben und das Unten.
Wie gehen wir aber damit um, wenn die Heilige Schrift es am Ende so scharf voneinander trennt Und - heute müssen wir natürlich auch fragen -: Ist Martin Luther der, der diese scharfe Trennung beinahe unermesslich macht und uns damit auch heute ganz schön bedrängt?
Zur ersten Frage: Wahrscheinlich müssen wir uns eingestehen, dass wir immer in unserem Leben beides haben werden. Die Botschaft von dem da oben, der uns erlöst, von dem hier unten und eben uns hier unten, die dieser Botschaft nie ganz, nie umfassend folgen können.
Zur zweiten Frage: Ja! Vielleicht hat Luther diese Trennung des Oben und Unten wieder sehr stark eingeführt. So hat es zumindest Joseph Ratzinger als Papst Benedikt XVI in seiner berühmten Regensburger Rede thesenartig ausgeführt. Diese Rede habend die Protestanten damals sehr schlecht aufgenommen. Das hat sie nicht verdient, weil sie uns Protestanten gut erklärt, wer wir sind. Und was man dann davon hält, ist ja jedem selber überlassen.
Benedikt XVI. verurteilt in seiner Rede die „Enthellenisierung des Christentums“. Also die Verdrängung des griechisch-philosophischen Denkens aus unserem Glauben. Von dieser Verdrängung hat es laut Ratzinger drei Wellen gegeben. Und er sagt: „Die Enthellenisierung erscheint zuerst mit dem Grundanliegen der Reformation des 16. Jahrhunderts verknüpft“. Luther, wird in der Vorlesung namentlich nicht erwähnt, wohl aber sein „Sola Scriptura“. Mit diesem reformatorischen Prinzip ist Luther sozusagen Vater der Enthellenisierung geworden, weil er in der Forderung „Sola Scriptura“ abseits der Philosophie die reine Urgestalt des Glaubens suchte – so Benedikt XVI. Er schreibt weiter: Die Reformatoren haben sich gewehrt gegen eine „Fremdbestimmung des Glaubens durch ein nicht aus ihm kommendes Denken.“ Das ist für den päpstlichen Professor eine Unmöglichkeit, weil es für ihn und sein Kirchen-Denken nur die gottgewollte Verbindung von „was im besten Sinne griechisch ist und dem auf der Bibel gründenden Gottesglauben“ gibt. Seit seiner Antrittsvorlesung in Bonn im Jahre 1959 ist für Joseph Ratzinger das Christentum die „Synthese von Glaube und Vernunft“ - der griechische Philosoph Aristoteles und der katholische Theologe Thomas von Aquin gehören zusammen. Nochmals aus der erwähnten Vorlesung in Bonn: „Der christliche Gottesglaube nimmt die philosophische Gotteslehre in sich auf und vollendet sie. Scharf gesagt: Der Gott des Aristoteles und der Gott Jesu Christi ist ein und derselbe, Aristoteles hat den wahren Gott erkannt, den wir im Glauben tiefer und reiner erfassen dürfen.“ (Dieser Abschnitt stammt von Wilhelm Drüse)
Und dann kommt Martin Luther und hat keine Furcht, keine Ehrfurcht vor dem, was unser Denken und Gottes Wort gemeinsam tun können. So wie es bei der Synthese von Aristoteles und Thomas der Fall sein kann. Im Gegenteil: er fürchtet nur die Gedanken und Ergüsse von eben dem da oben. Nur Gottes Wort allein, dass sollen sie lassen stahn, wie es in der Hymne der Reformation heißt.
Das Evangelium des heutigen Tages, es bekommt wie ich finde, eine besondere Tiefe mit eben jener Analyse. Der Analyse eines Papstes: Ja, wir, die Lutheraner, wir bringen in das Leben, wo immer beides ist, eben jenes ein, was uns am Ende doch nur und ganz allein an dem da oben orientiert. Enthellenisierung hin oder her.
Aber stopp: Bevor wir das nun falsch verstehen und vorschnell dem vor-vorletzten Papst seine Kritik zugestehen. Damit ist noch nicht alles gesagt:
Die eigentliche Leistung Martin Luthers ist nämlich, dass er über das, was Benedikt hier beschreibt tatsächlich hinaus geht.
Was Martin Luther geschafft hat, ist mitten in dieser Welt, ohne so zu tun, als wäre der und das da oben von uns aus erreichbar und er und wir einfach so miteinander vereinbar, den dort oben mitten in unser Leben zu bringen und zu halten, indem er ihn wieder zu uns reden lässt und zwar als der, der deshalb allein dort oben angebetet wird, weil er ganz hier unten war. Diesen Christus, der alles von uns kennt und mitträgt, hat uns Luther wieder vor Augen gebracht.
Daran hat Martin Luther erinnert mit allen Konsequenzen, für ihn und für die Kirche Europas. Wir feiern Reformationstag in der Erinnerung an diese große Tat. Wir feiern ihn aber auch in dem Schmerz darüber, dass Joseph Ratzinger nicht Teil unserer Kirche ist. Im Schmerz darüber, dass die Einheit, zu der uns Christus berufen hat, zerstört worden ist.
Beides ist heute in uns. Und der Frieden, den Christus schenkt, weil er bis in die letzen Ecken und Enden unseres Lebens gekommen ist und damit höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in der guten Botschaft. Amen.
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