01.01.2026
über Johannes 14,1-6 (Lut17); gehalten im Freiberger Dom St. Marien von Dr. Gunnar Wiegand, Pfarrer des Freiberger Doms
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen. Stille…
Verlesung des Predigttextes Johannes 14,1-6 (Lut17)
Liebe Gemeinde,
kennen Sie diese Situation beim Wandern: Sie folgen immer brav den Wegmarkierungen und dann kommen Sie an eine Abzweigung, an der diese Markierung fehlt. Vielleicht wurde ein Baum mit der Markierung gefällt oder jemand hat das Schild abgerissen… dann stehen Sie da… der Blick in die Karte hilft auch nicht recht weiter… Unsicherheit… Wie soll es jetzt weitergehen? Wut … auf die Situation… warum ist das jetzt nicht besser ausgeschildert? Vielleicht sogar ein wenig Angst… was passiert, wenn ich jetzt in der unbekannten Öde einen falschen Weg einschlage? Komme ich dann noch zu einer Schutzhütte oder ins Tal oder den Ausgangspunkt der Wanderung zurück?
Und in genau so einer Situation bräuchten Sie etwas, das Ihnen hilft… einen Wegweiser, ein freundliches Wort… etwas, das Ihnen nun die Entscheidung erleichtert.
Erschrecke nicht! – sagt Jesus. Er will damit den Menschen Mut zusprechen in genau einer solchen Situation der Unsicherheit… wenn der Weg nicht mehr ausgeschrieben ist… wenn sich, wie heute ein neues Jahr auftut… mit vielen Unbekannten… mit vielen Projekten oder Entscheidungen… ein Jahr in dem wir weiterhin den Mächten und Mächtigen dieser Welt ausgeliefert sind… und für uns einen guten Weg finden müssen, wie wir mit den Konsequenzen umgehen. Jesus sagt: Erschrecke nicht! Habe Mut… für dieses neue Jahr 2026.
Und Jesus bleibt nicht nur bei der Aufforderung „Erschrecke nicht!“… Gefühle lassen sich ja nicht einfach wegdrücken, beiseiteschieben oder davonreden… Ängste, Unsicherheiten sind ja erst mal da. Und dafür gibt er den Menschen etwas an die Hand. Er selbst hatte erst kurz zuvor seinen Jüngern deutlich gemacht… und er spürte diese Angst und Unsicherheit bei ihnen… … ja, ich werde nicht immer unter euch sein… aber das muss euch nicht beunruhigen… hier habt ihr etwas, das euch Mut macht – es ist euch ja eigentlich schon mit auf den Weg gegeben… ihr müsst es jetzt nur für euch und euer Leben ausgestalten… Glaubt an Gott und glaubt an mich! 2In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.
Wohnungen. Ich verstehe das zum einen sehr konkret. Da sind die Orte dieses nun neuen Jahres, in die ich eintreten werde… mein Zuhause… vielleicht will ich mal das Dach neu decken, mein Lieblingszimmer neu gestalten… oder ich nehme mir vor, einen bestimmten Ort wieder neu zu entdecken, den ich lange nicht aufgesucht habe… oder ein Ort der Sehnsucht… vielleicht eine Reise in ein unbekanntes Land – ich freue mich jetzt schon auf unsere Sommerreise nach Ostpolen… oder sie nehmen sich vor: „ich besuche ganz bewusst einen Gemeindekreis oder einen Kurs bei der vhs… oder ich statte einem Freund, den ich lange zeit nicht gesehen habe, einen Besuch ab. Welcher Ort tut Ihnen gut?
Zum anderen verstehe ich Wohnung aber auch im übertragenen Sinn… da ist meine Lebensgeschichte mit meinen verlorengegangenen und wiedergefundenen Hoffnungen, meine Befürchtungen oder meine Zukunftswünsche… was davon will ich zurücklassen, muss ich zurücklassen? Was will ich in das Leben in diesem neuen Jahr integrieren? Wie kann das gut gelingen? Da kommt mir wieder das Bild von der Wanderung… das Leben wie eine spannende Wanderung… wir folgen den Markierungen, können sie aber auch mal verlassen oder verirren uns… ein spannendes und aufregendes Bild. Wie soll diese Lebenswohnung nun ausgestaltet werden?
Jesus stellt den Glauben als neuen Wegmarker, Mutmacher an die Seite – womit eigentlich doch schon alles gesagt ist. Und dann auf einmal diese verstörende, nervig nachgehakte und doch ehrlich-aufrüttelnde Frage des Thomas (er hat ja im Johannesevangelium die Rolle des Zweiflers): Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen? Jesus antwortet ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.
Was für ein ungewöhnlicher Satz, den Jesus von sich selber sagt… ob diese Antwort Thomas wirklich befriedigt hat?
Für mich ist dieser Satz vor allem verständlich, wenn ich bedenke: Jesus hat zu diesem Zeitpunkt den konkreten Weg ans Kreuz vor Augen – womit das Ganze zugegebener Maßen aus dem heutigen Zusammenhang von Neujahr fällt. Aber die Botschaft erschließt sich für mich mit dieser unmittelbaren Leidens- und Todeserwartung besser:
Denn in diesem Sinn meint Jesus mit „Ich bin der Weg“, dass Menschen sich an seinem Leben orientieren sollen. Sein Weg führte durch Leiden und Kreuz und zeigt, was Verantwortung, Wahrheit und Vertrauen auf Gott bedeuten. Für mich heißt das auch in diesem neuen Jahr:
- Verantwortung für das eigene Leben übernehmen und aus Fehlern lernen – egal wie es sich im nun neuen Jahr eröffnen wird.
- Das eigene Leben an Jesus orientieren und seinen Weg der Hingabe nachgehen.
- Und dann im Gebet Kraft und Orientierung suchen.
Jesus begleitet Menschen durch ihr Leben, gibt Hoffnung und führt am Ende zu Gott. Dadurch ist mir ein Kompass gegeben, eine Wegmarkierung – gerade, wenn ich unsicher bin oder Angst habe. Ich kann dieses Leben in allen Herausforderungen angehen, ohne mich zu verstecken oder einzuigeln oder die Realitäten zu leugnen…. Denn ich wähle diesen Weg von und mit Jesus.
Zurück zur Wanderung. Letzten Sommer waren wir als Familie auf dem Mont Gallus im Val Pellice in den italienischen Westalpen. Wir folgten den Wegweisern und den seltenen Markierungen. Beim Abstieg gelangten wir schließlich auf ein offenes Plateau. Es war über und über bedeckt mit Farnkraut und in der Mitte eine verlassene steinerne Ruine einer verwaisten Alm. Die Karte hatte den Ort eingezeichnet… aber der Weg war völlig verloren und überwuchert. Wir irrten auf dem Plateau über verfallene Mauern und ehemalige Weiden umher… die Hänge am Abgrund steil… kein rechter Weg, der weiterführte… Aufregung, Wut,… in meinem Inneren plante ich schon einen alternativen Abstieg, der uns aber mehrere Stunden gekostet hätte… bis schließlich mein Sohn aufgeregt rief: „Papa, Papa… hier ein Weg, da geht‘s weiter…“ Wir fanden glücklich ins Tal zurück.
Jesus sagt: 1Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! Und Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.
Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Kommentar hinzufügen
Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.