Predigt zum letzten Sonntag des Kirchenjahrs, 23. November 2025

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Predigt zum letzten Sonntag des Kirchenjahrs, 23. November 2025

23.11.2025

über Matthäus 25,1-13 (Lut17); gehalten im Dom St. Marien zu Freiberg von Dr. Gunnar Wiegand, Pfarrer des Freiberger Doms

Der Predigttext Matthäus 25,1-13 wurde als Evangelium verlesen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

unser Freiberger Dom ist schon ein erstaunliches Bauwerk. Während an diversen mittelalterlichen Portalen die zehn Jungfrauen aus Jesu Gleichnis die Figuren am Portal links und rechts prägen, stehen sie bei uns mitten im Hallenlanghaus. Die klugen Jungfrauen auf der Nordseite und damit im Licht der Sonne, die törichten Jungfrauen auf der Südseite im Schatten der großen Säulen. Wir, die Gemeinde mitten drin, ja, praktisch mitten in das Gleichnis hineingestellt. Und dann ist da noch etwas: wenn man am Westeingang unter der Orgelempore einen guten Blickwinkel einnimmt, den Blick auf die Figuren konzentriert, fällt auf, dass das Mittelschiff des Doms wie eine solche riesige Pforte gestaltet ist. Wir sitzen sozusagen mitten in einem gigantischen Portal, zu dem die bescheidene romanische Goldene Pforte, die ja dieses Jahr 800 Jahre feiert, ganz klein wirkt. Sie ist wie ein Vorgeplänkel zu diesem riesigen Eingang, der Weg des Bräutigams in einen Feierraum. Dieser Dom nimmt uns in einem gewaltigen Portal mit in das Gleichnis hinein, und stellt uns Menschen damit unmittelbar vor das Himmelreich… oder gar in das Himmelreich? Für mich ist diese architektonisch-bildnerische Anordnung eine ständige Erinnerung: wir stehen als Menschen in der Spannung zwischen den Extremen dieses Jungfrauenspaliers und das Himmelreich ist nahe – das ist der Kern des christlichen Glaubens. Gerade weil Du Mensch und fehlbar bist, sei achtsam. Erhalte diesen Glauben wach, besonnen, fokussiert und vernünftig. Das erzählt dieses Gleichnis.

Wie kommt das? Werfen wir einen Blick in Jesu Rede. Eine alltägliche und zugleich besondere Szene. Eine Hochzeit – alltäglich und besonders zugleich… ich vermute jede und jeder von Ihnen hat das vermutlich schon einmal selber miterlebt – freilich unter ganz anderen Voraussetzungen. Hier im Gleichnis eine Hochzeitsgesellschaft von jungen Frauen, die auf einen Bräutigam wartet. Ich stelle mir junge Frauen vor, vielleicht im Alter von 15 bis 25… aufgewühlt von der Feier, aufgeregt durch die Verantwortung, vielleicht ein bisschen beschwipst, neugierig… „wie ist so eine Hochzeit? … was wird sie selber mal erwarten? … wie ist der Bräutigam? … kann man sich diesen Jüngling an seiner Seite vorstellen? … oder an der Seite der Braut?“ … Und diesem Bräutigam müssen sie in stockdunkler Nacht den Weg leuchten – eine öffentliche Beleuchtung der Straßen gab es damals noch nicht. Er soll heil in der Feierhalle ankommen.

Und dann dieser Clou: fünf von den Jungfrauen haben Öl dabei fünf haben zu wenig dabei. Sie sind ausgerechnet dann nicht da, wenn der Bräutigam kommt.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen damit geht… mich berührt diese Szene eigenartig peinlich. Und es stellen sich mir im ersten Moment auch viele Fragen: warum sind da nur Jungfrauen? Welche Rolle spielen diese Frauen wirklich? Wo sind die anderen Gäste? Warum geht der Bräutigam nachts diesen Weg? Wo ist die Braut? Müsste die Feier spätnachts nicht schon vorüber sein? Aber warum fängt sie offenbar hier erst an? Warum helfen sich die jungen Frauen nicht einfach gegenseitig mit Öl aus? Und warum ist dieser Bräutigam so unleidlich gegenüber seinen Gästen? Was ist das für ein Miesepeter – im Angesicht der eigenen Hochzeit… so zornig… er schließt die fünf Jungfrauen aus. Wie soll hier noch unbefangen und fröhlich gefeiert werden? Was mag das bei so einem Mann für eine Ehe werden?

Sie merken – da sind so viele Spannungen und Fragen… unaufgelöst. … na ja und irgendwie dann doch so am Alltag der Menschen vorbei… man kommt da nicht weiter… das vermeintliche Alltagsbild ist offenbar wirklich nur ein Trigger, ein Aufhänger…

Treten wir einen Schritt zurück und schauen Jesu Rede aus einem anderen Blickwinkel an. Mir fällt auf: das Gleichnis wirkt irgendwie ganz statisch – trotz des vermeintlichen Alltagsbezugs. Da sind klare Verhältnisse, rechts und links, hell und dunkel, eindeutige symmetrische Zahlenanordnungen. Folgt man der zur Zeit Jesu verbreiteten pythagoreischen Deutungen, steht die Zahl 10, die 10 Jungfrauen, für die Vollkommenheit. Das ergibt sich aus der Summe 1+2+3+4 und ist idealtypisch im Tetraktys (göttliches Dreieck) abgebildet. Die Grundlage dafür ist die Zahl Vier – eine heilige Zahl. Im Bild des himmlischen Jerusalems in der Offenbarung kann man sie wahrnehmen… vier Seiten der Stadt, vier Flüsse (übrigens leitet sich daher auch die perfekte Konsonanz der Quarte her). Die 10 Jungfrauen auf dem Weg der Vollkommenheit. Die Hälfte davon, also 5, erhalten Zutritt zum Feierraum. Die Zahl 5 steht bei den Pythagoreern für die Ehe – fünf Jungfrauen erhalten Zutritt zum Feierraum. Die anderen müssen draußen bleiben. Jesus lenkt also den Blick weg vom Hochzeitsalltag hin zur Vollkommenheit, dem Himmelreich. Und dabei sind wir in eine doppelte Spannung gestellt:

-        Mit einem Bein noch auf der Erde – einer Hochzeit. Mit dem anderen Bein aber schon abgehoben, praktisch auf dem Weg in den Himmel – symbolisiert durch die Zahl 10. Drinnen sind wir noch nicht. Die Hochzeit feiern nur 5 Jungfrauen.

-        Und dann die zweite Spannung – für mich ist sie die zweite zentrale Aussage des Gleichnisses. Das Jungfrauenspalier ist für mich die menschliche Existenz, das Dasein, unser menschliches Leben. Sie bewegt sich im Spannungsfeld zwischen den klugen und den törichten Jungfrauen. Denn wir Menschen leben doch nicht nur klug oder töricht… manchmal sind wir ganz fromm, manchmal beten wir sehr viel… haben das Gefühl… „ja, Jesus komm in diese Welt… ich warte auf dich!“ …  und dann sind da doch genau die anderen Momente der Gottferne – so wie letzte Woche in der Geschichte des Hiob, der sich nach dem Totenreich sehnte, um seine Gottesbeziehung nicht mehr spüren zu müssen. Da ist dieses Gefühl: „was soll das alles mit dem Glauben? Es geht doch gut im hier und jetzt… da muss ich doch nicht an Gott denken… ja Gott gibt’s doch gar nicht… wozu also Öl oder andere Dinge für seine Ankunft bereithalten?“

Ja, wir sitzen hier mitten in diesem Kirchenschiff – umgeben vom Gleichnis der Jungfrauen. Wir sind mitten in den Spannungen unserer Existenz – zwischen den Extremen… und wir kommen aus diesem Dilemma nicht heraus – wie so oft bei Gleichnissen Jesu. Aber so ist doch genau unser Leben – widersprüchlich…

Und nun noch ein Schritt in die Dynamik des Gleichnisses… zu den Frauen, die in den Hochzeitssaal eintreten. Und damit kommen zur Frage, die sich vermutlich den Meisten sofort aufdrängt: „bin ich da dabei?“ Oder: „wie kann ich mit in den Feierraum hineinkommen?“ In der griechischen Sprache werden hier zwei Begriffe gegenübergestellt fronimos und moros. Sie werden den zwei Jungfrauengruppen zugesprochen – Luther übersetzte diese Wörter mit „klug“ und „töricht“. Aber eigentlich schwingt da noch viel mehr mit. Die Fronesis beschreibt eine Person, die mit Bedacht handelt, überlegt entscheidet und nicht nur aus dem Bauchgefühl heraus handelt. In der klassischen griechischen Philosophie (z. B. bei Aristoteles) wird „φρόνησις“ (phrónesis) als praktische Weisheit verstanden – die Fähigkeit, im Alltag richtige Entscheidungen zu treffen. Das Gegenteil davon beschreibt das Wort moros... Unverantwortlichkeit, nur aus dem unmittelbaren Bedürfnis handelnd, ja richtiggehend dumm.

Die Botschaft ist also: Sei achtsam. Erhalte den Glauben wach besonnen, fokussiert – ja mit Vernunft. Jesus wird kommen und dich in das Himmelreich mitnehmen. Und ich würde noch etwas ergänzen. Wichtig ist für mich: es geht nicht darum, in unruhige Geschaftelhuberei/Geschäftigkeit zu verfallen. Ich muss nichts tun für Jesu Ankunft – so wie es die törichten Jungfrauen ja machen. Zur Geschichte des Jungfrauenzyklus im Freiberger Dom gehört auch: man hat diese Figuren fast 200 Jahre in die Götzenkammer oben im Turm verbannt und erst im 19. Jahrhundert wieder hervorgeholt. Vermutlich war genau das der Gedanke: diese Geschichte der Jungfrauen birgt eben auch die Gefahr sie verkehrt zu deuten, nämlich in religiöse Unruhe zu verfallen, zu glauben, ich könnte etwas für den Eintritt in das Himmelreich tun – aber das wäre für mich die falsche Fährte.

Es reicht der Glaube allein… in meiner inneren Haltung Jesus im Blick zu haben und zu hoffen, dass das Öl dann schon mit dabei ist. Und sie merken:

-        Im Grund genommen ist das ein ganz schöner Kontrast zu dem, wie ich die nun wieder anstehende Adventszeit oft erlebe… mit der Unruhe der Weihnachtsfeiern, der Vorbereitungen, der Geschenkebesorgungen. Es reicht, dass das Licht leuchtet und wir hierin Jesus erwarten.

-        Es ist ein starker Kontrast zu unserer von Selbstdarstellung, einer sich selbst schönredenden Welt der Oberflächlichkeit, des kurzen Scheins.

-        Und es ist so ein starker Kontrast zur Egomanie der internationalen politischen Bühne… Menschen, die sich selbst in den Mittelpunkt rücken. Verträge, die auf lange Dauer angelegt sind, um Frieden zu erhalten, werden kurzerhand ignoriert und durch das Agieren im Eigeninteresse gebrochen oder ersetzt.

Heute ist Ewigkeitssonntag. Die Ewigkeit verortet die Christenheit außerhalb von Raum und Zeit. Mit dem Gleichnis sind wir für einen kurzen Moment ans Ende der Zeit gestellt und erheischen einen Blick in die Ewigkeit hinein… diese Tür, durch die die Jungfrauen durchgehen.

Und heute sind Angehöre und Freunde von Verstorbenen Gemeindegliedern im Gottesdienst – wir gedenken im Anschluss an sie. Diese Toten sind uns einen Schritt voraus. Sie sind bereits außerhalb von Raum und Zeit… und um im Bild zu bleiben, hinter der hell-erleuchteten Tür zum Festsaal. Meine Frage: wie stellen Sie sich diesen Raum vor? Was denken Sie, wo sich Ihre Angehörigen oder Freunde jetzt befinden? Welche eigene Vorstellung von dieser Ewigkeit hatten Ihre verstorbenen Angehörigen? 

Ich denke, es gibt keine klare Antwort darauf. Denn all das, was da in der Ewigkeit sein wird, können wir hier, mit dem einen Bein noch auf der Erde auch nur in menschlich-irdischen Bildern beschreiben. Aber eine fantastische Antwort darauf, was sich hinter der Tür zum Festsaal befindet, liefern unsere Konfis.

Sie haben vielleicht am Eingang diese gebastelten Kartons gesehen. Die sind von unseren Konfis mit viel Ehrgeiz am Konfitag zu Tod und Sterben gestaltet worden. Und wie ich finde, ganz wunderschön, kreativ mit viel Fantasie… Da sind Glitzerbilder auf Wolken, Regenbogen, da sind Skaterbahnen oder Zockerzimmer… Orte an denen es Jugendlichen gut geht… kreative Bilder des neuen Jerusalems.

Aber unsere Konfis sind ja nicht die Ersten am Dom, die sich überlegt haben, wie es hinter der Tür zum Hochzeitssaal aussieht. Auch dieses Gebäude des Freiberger Doms selbst, diese gewaltige Pforte zum Himmelreich gibt eine Antwort auf diese Frage. Aber wo ist jetzt hier die Tür zum Himmelreich, zur Ewigkeit, was erwartet uns?

Es liegt auf der Hand: Ich würde sagen, ganz räumlich… da vorne der Chorraum, das was heute die Grablege ist. Da ruhen schon die Toten, die toten Kurfürsten und warten zusammen mit uns auf die Ewigkeit. Und oben drüber unser „sixtinisches Fresco“ von Giovanni Battista Nosseni. Der Himmel öffnet sich, Jesus erscheint… und um ihn ein ganzes Orchester mit musizierenden Engeln…. Musik, Harmonie, ja perfekte Harmonie… ein Symphonieorchester nach Maßstäben der Musik um 1600… Trommeln, Trompeten, Posaunen, Geigen, Gamben, Flöten, Schalmeien und Lauten… Musik als Paradies. Was für eine großartige Vorstellung… so wie die wunderbare Musik des Brahms-Requiems und der vielen Musiken, die diesen Ort Woche für Woche durchziehen.

Und dann ist da aber noch etwas: Der Chorraum ist ja im Ursprung nicht nur Grablege, sondern vor allem der Ort des Gebets und des Sakraments. Damit öffnet die Tür sich symbolisch hin zu dem Ort, wo Himmel und Erde ganz unmittelbar zusammenkommen… im Heiligen Abendmahl, in dem Christus ganz sinnlich gegenwärtig ist… so wie einige von Ihnen ein Abendmahl auf dem letzten Weg Ihres Angehörigen gefeiert haben. Anders gesagt: Wir sind – zusammen mit unseren Verstorbenen – zur Hochzeit, zur Gemeinschaft mit Gott, eingeladen, und diese Einladung ist schon ein Teil der Feier. Trotz der Trauer – auch Freude.

Unser Leben ist die Vorbereitung auf das große Fest, das Gott für uns ausrichtet. Wir noch mitten in den Spannungen des Lebens – zwischen den Reihen der Jungfrauen. Unsere Verstorbenen sind, so hoffen wir, schon im Festsaal. In der Vorfreude auf die gemeinsame Feier können wir sagen: „Darum wachet, denn ihr wisst weder Tag noch Stunde!“

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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