31.12.2025
über Hebräer 13,8-9b (Lut17); gehalten in Großschirma von Dr. Gunnar Wiegand, Pfarrer des Freiberger Doms
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen
Lasst uns in der Stille beten…
Liebe Gemeinde,
der letzte Tag des Jahrs 2025! Sie sind hierhergekommen. Noch einmal in die Kirche zu einem Gottesdienst. Was bringen Sie mit? Gott danken? Gott loben? Oder mit Gott hadern? Trauer oder Freude? ... für das vergangene Jahr, das, was passiert ist… noch einmal abrunden im Gedanken… abschließen oder mit ins neue Jahr nehmen?
Meine Jahreserinnerung an 2025 ist zweigeteilt. Da sind auf der einen Seite die Ereignisse in der Politik, in der Welt – welche mehr oder weniger ihre Schatten auch in das Private werfen…
· Immer leicht belastend die Konflikte in der Welt: Ukraine, Israel, Sudan… mit all den Bedrohungen… oder dem ein oder anderen Hoffnungsschimmer auf Frieden. Erst zum Heiligabendgottesdienst habe ich eine junge Frau aus St. Petersburg kennengelernt… was für eine schwierige Situation für sie hier in Deutschland.
· Die vorgezogene Bundestagswahl mit neuer Regierungsbildung und den großen Herausforderungen, vor denen unser Land steht: Rezession, Gesundheitsreform, Wehrpflichtdebatte. In unserer Gemeinde hatten wir erst im Oktober dazu ein Kreuzganggespräch.
· Der Tod von Papst Franziskus und die Wahl des Nachfolgers Leo XIV – Trauer, Soge und Hoffnungen für unsere katholischen Geschwister
· Die Weltklimakonferenz in Belem. Ich habe damals einen Expertenpodcast gehört, der mich innerlich wirklich aufgerüttelt hat. Ich bin seither ein klarer Verfechter für das Klimaschutzkonzept unserer Landeskirche, das wir als Kirchgemeinden ja mit ganz konkreten Maßnahmen künftig umsetzen werden.
· In der Kirche stehen wir vor einem grundlegenden Veränderungsprozess: Durch die sinkenden Mitgliederzahlen reagiert unsere Landeskirche mit einem Prozess „Kirche im Wandel“. Er wird die Arbeit unserer Kirche in den nächsten Jahren prägen.
Und dann sind da auf der anderen Seite die eher persönlichen Ereignisse, die das Jahr geprägt haben – oft ganz erfreuliche Ereignisse:
· Mir stehen immer nach ganz lebendig unsere Jubiläumswochen der Goldenen Pforte vor Augen…. Die Andachten… Konzerte… das Symposium
· Der Mitarbeiterausflug zur Felsenbühne Rathen mit unserer abenteuerlichen Rückfahrt und das Gemeindefest im August… die Silbermanntage im September
· Das Kulturhauptstadtjahr Chemnitz 2025, bei dem vor allem meine Frau zahlreiche Veranstaltungen begleitet hat… aber auch der wunderbare Kulturkirchentag im August.
· Die Vereinigung unserer JGs am Dom und Petri…
· Der Adventsmarkt Ende November…
· Im Privaten… ist mein Sohn jetzt auf’s Scholl-Gymnasium gewechselt – mit allen Umstellungen. Außerdem spielt er jetzt beim SV Linda Fußball.
· Aber am prägendsten waren wohl die Begegnungen mit verschiedenen Leuten… bei Tauf-, Trauer- oder Seelsorgegesprächen… wenn ich Freunde besucht habe… so z.B. eine Freundin und methodistische Pfarrerin in Biella im Piemont im Juli. Oder neue liebgewordene Bekanntschaften bei der Familien-Singe-Freizeit in Schmannewitz im März.
Was bringen Sie aus dem Jahr 2025 mit in diesen Abend? Wir nehmen uns einen Moment der Stille…
Begeben wir uns gedanklich in ein unbekanntes Jahr in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts. Ein Synagogal-Prediger – vielleicht im ägyptischen Alexandrien oder irgendwo auf der italischen Halbinsel – denkt über die vergangene Zeit nach, vielleicht ein vergangenes Jahr. Keine schöne Zeit… es gab Christenverfolgungen, der Tempel in Jerusalem war zerstört, viele Juden aus dem heiligen Land vertrieben… Unsicherheit, vielleicht Trauer oder Angst… wie kann er da Orientierung geben? Für ihn sind es die Heiligen Schriften der jüdischen Tradition… das was sich für das Gottesvolk viele Jahrhunderte bewährt hat… und für ihn ist es auch dieser Jesus Christus, der wenige Jahrzehnte zuvor in Jerusalem gekreuzigt worden war… er findet ganz eigene Spuren von Jesus in den hebräischen Schriften – vor allem in der priesterlichen Tradition:
· Dieser Jesus ist Gottes Sohn
· Dieser Jesus ist der eigentliche Hohepriester nach der Ordnung des Melchisedek (Ps 110,4) und damit größer als das Priestertum, das mit dem Fall des Tempels in Jerusalem keine Aufgabe mehr hat…
· Und Jesus ist das einmalige, das vollkommene Opfer… es braucht keine Opfer mehr im Tempel und darüber hinaus…. Ich muss mich nicht aufopfern für den Glauben – Jesus hat das schon längst getan.
· Und Jesus ist der Mittler des neuen Bundes – wie ihn Jeremia angekündigt hat… dieser Bund ist gegründet auf Vergebung, Herzensveränderung…
Ich stelle mir vor, wie dieser Rabbi da sitzt… er ringt um geschliffene Worte, rhetorisch ganz ausgefeilt in griechischer Sprache… damit er die Menschen auch wirklich erreichen kann… es fehlt ihm jetzt noch eine treffende Formulierung für einen guten Schluss… in dem diese verschiedenen Seiten von Jesus Christus auf den Punkt bringt… da zwei Gedanken (Hebr 13,8-9):
„Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.
Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.“
Das ist ein ganz einfaches Bekenntnis: Jesus Christus – kurz und bündig. Ein Christusbekenntnis in Reinform. Eigentlich gibt es dem kaum etwas hinzuzufügen. Und dieses Bekenntnis ist unser Predigttext zum Jahresausgang. Schauen wir uns dennoch die kurzen Gedanken genauer an:
1. Mir fällt auf: Der erste Satz bringt die beiden zeitlichen Dimensionen der hebräischen Sprache zum Ausdruck… da gibt es nur Vergangenheit und Zukunft (keine Gegenwart). Und das heißt: Jesus Christus erfüllt die gesamte irdische Zeit. In anderen Worten: Jesus Christus bietet in den Wirren der Zeit, in den Krisen und damit verbundenen persönlichen Sorgen und Ängsten eine klare und verlässliche Orientierung. So wie der Schreiber des Hebräerbriefs die Spuren Jesu schon in der alten Priesterordnung des Melchisedek gefunden hat… ganz am Anfang der Bibel… so bleibt diese Ordnung bis ans Ende der Zeit bestehen (ob die Leute nun dran glauben oder nicht, allen Krisen zum Trotz).
Das erinnert mich ein letztes Mal an das 1700ste Jubiläumsjahr des Nizänischen Glaubensbekenntnis. Auch hier haben 325 unsere christlichen Vorfahren versucht, das Wichtigste von Jesus in ein allgemeines Bekenntnis zu bringen…. Also u.a. das, was dieser Autor des Hebräerbriefs vorgedacht hatte… „Für uns Menschen und zu unserm Heil ist (Jesus Christus) vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden“ – heißt es darin. Gott ist Mensch geworden, ganz so, wie wir es in den letzten Tagen, an Weihnachten, gefeiert haben. Wenn wir uns als Menschen in Frieden begegnen, in der Kirche, auf dem Christmarkt, bei Weihnachtsfeiern oder im Familienkreis über die Feiertage, dann sind wir – glaube ich – sehr dicht an dem, was der Hebräerbrief über Jesus Christus in unserer Welt schreibt… da werden im Angesicht der Krippe die Krisen der Welt, ja selbst familiäre Konflikte oder persönliche Schmerzen auf einmal ganz klein.
„Jesus Christus… derselbe auch in Ewigkeit“ – ist der zweite Teilsatz im Predigttext. Und er drückt die zweite Dimension von Jesus aus… Jesus als Gottessohn, oder wie es im Nicäno-Constantinopolitanum heißt:
„Ich glaube an den einen Herrn Jesus Christus,
Gottes eingeborenen Sohn,
aus dem Vater geboren vor aller Zeit:
Gott von Gott,
Licht vom Licht,
wahrer Gott vom wahren Gott,
gezeugt, nicht geschaffen,
eines Wesens mit dem Vater;
durch ihn ist alles geschaffen.“
Das ist die eigentliche Absurdität unseres christlichen Glaubens, aber die wichtige Grundkonstante, durch die wir uns von anderen Religionen unterscheiden. Obwohl Jesus Mensch war, ist er zugleich auch Gott – und damit auch Gott zugleich Mensch.
2. Soweit diese eher abstrakten Voraussetzungen. Dann aber wird der Hebräerbrief auch ganz persönlich und fragt: was hat diese Christusbekenntnis konkret mit mir zu tun? Da steht: lasst euch nicht von „mancherlei und fremden Lehren umtreiben“. Es gibt so Vieles, was verunsichert: Ideen, die uns versprechen, wir könnten uns selbst retten; Stimmen, die uns sagen, wir seien nicht genug und dann Selbstoptimierungsangebote gleich noch nachschieben; Ängste, die uns antreiben oder lähmen – von den Krisen dieser Zeit habe ich ja anfangs gesprochen. Und in dieses Stimmengewirr spricht nun der Vers: „Es ist ein köstliches Ding, dass das Herz fest werde.“ Ein festes Herz ist kein hartes Herz – wie im Kalten Herz, das wir im Sommer in Rathen gesehen haben. Es ist ein Herz, das Ruhe und Orientierung gefunden hat – wie ein Baum, dessen Wurzeln tief reichen und der darum auch im Sturm nicht fällt.
Und jetzt stellt sich mir die Frage: wie wird ein Herz fest? Der Hebräerbrief sagt: Es geschieht durch Gnade. Gnade ist Gottes tragende Kraft. Sie ist die Hand, die uns hält, wenn wir selbst keinen Halt mehr finden. Sie ist der Raum, in dem wir nicht leisten müssen, um angenommen zu sein. Sie ist die Zusage, dass wir nicht uns selbst festhalten müssen, weil Gott uns festhält. Ein Herz, das in dieser Gnade ruht, wird nicht mehr so leicht umgetrieben. Es hört die vielen Stimmen, aber es folgt ihnen nicht blind. Es kennt die Angst, aber es lässt sich nicht von ihr bestimmen. Es weiß: Meine Identität, mein Wert, meine Zukunft hängen nicht an mir, sondern an Christus.
Mich fordert das zugegebener Maßen ganz schön heraus. Denn das heißt: nicht durch eigene Anstrengung, nicht durch immer mehr Wissen, nicht durch Disziplin – Tugenden finde ich dieses feste Herz… in anderen Worten: der Glaube gibt es von selbst. Und das, wo mir eigene Anstrengung, Disziplin und Wissen persönlich sehr wichtig sind.
Und so lädt dieser Vers ein, die Unruhe loszulassen und unser Herz neu in der Gnade zu verankern. Nicht in dem, was wir tun, sondern in dem, was Gott getan hat. Nicht in wechselnden Meinungen, sondern in der beständigen Liebe Gottes – „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“ – formuliert der Hebräerbrief. Dort wird das Herz fest. Dort findet es Frieden. Dort findet es Heimat.
Der letzte Tag des Jahrs 2025! Sie sind hierhergekommen. Noch einmal in die Kirche zu einem Gottesdienst. Ich kenne Ihre Gedanken und Ihre Gefühle, Ihre Sorgen und Nöte nicht bis ins Letzte… aber mit diesen Worten aus dem Hebräerbrief will ich Sie einladen, den Ballast dieses Jahres hinter sich zu lassen, das Gute mit ins neue Jahr zu nehmen. Jesus Christus als die Mitte und das Gute von ihm in Gnaden im Herzen zu empfangen.
Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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