30.12.2025
über Matthäus 1,18-25 (Lut17); gehalten in der Kirche zu Kleinwaltersdorf von Dr. Gunnar Wiegand, Pfarrer des Freiberger Doms
Der Predigttext Matthäus 1,18-25 (Lut17) wurde als Evangelium verlesen.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
„Josef aber, Marias Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu verlassen.“ – ist für mich der wichtigste Schlüsselsatz im heutigen Evangelium. Denn er führt uns mitten in die Gedanken und Gefühlswelt des Joseph hinein. Und dabei fühle ich mich diesem Mann so nah… wäre ich er, ich würde mir die gleichen Gedanken machen, hätte die gleichen Gefühle… Trennung von meiner Verlobten, die von jemand anderem Schwanger geworden ist… Eifersucht… Zweifel… liebt die mich überhaupt… was soll das aber für eine Zukunft sein… mit so einem Bastard. Und gleichzeitig aber zeugt dieser Satz auch von einer unendlichen Gottergebenheit: Joseph wollte Maria nicht in Schanden bringen, nicht bloßstellen – um es im heutigen Deutsch zu sagen. Es ist also nicht zuerst die Eifersucht, sondern der unbedingte Glaube daran, dass Gott Mensch wird. Und das auch noch über die eigene Verlobte, Maria.
Ja, das heutige Evangelium nimmt den Joseph in den Fokus – ein Mann, der im Evangelium dann kaum mehr eine Rolle spielen wird. Aber hier eben ganz dicht, mit Blick in seine Seele…. Ein eigenartiges Bild – wie so oft in den Evangelien – so alltagsnah und doch so distanziert schematisch… mitten in die Seele… voll auf Jesus und Gott zentriert… Äußerlichkeiten – die in unserem bildgeprägten Socialmediazeitalter so eine wichtige Rolle spielen – sind hier völlig bedeutungslos.
Josef… mir gehen da vor allem die Gestaltungen der alpinen Krippen durch den Kopf, wie sie mein Urgroßvater noch selber als Holzbildhauer geschaffen hat: Bauern oder Handwerker, wie sie im 18. Jahrhundert im Alpenbereich gekleidet waren, auf Moos oder in einem almenartigen Stadel gestellt. Oder vor einer orientalisch-anmutenden Szene – wie bei den neapolitanischen Krippen, die ich bei meinen Stadterkundungen in Neapel in der Via San Gregorio Armeno – der Krippenstraße immer durchschlendert habe. Oft hat so ein geschnitzter Josef eine fromme Geste, ist ins Gebet versunken oder hat einen verklärten Blick auf das Jesus-Kind. Und dann natürlich die Joseph-Gestalten der Krippenspiele, wie es die Jugendlichen erst vor zwei Tagen an Heiligabend hier in Kleinwaltersdorf aufgeführt haben – ein eher stiller oder fürsorglicher Begleiter der Maria auf dem Weg zum Stall…. Aber eigentlich wissen wir kaum etwas über ihn. Er war Zimmermann und er erweist sich als fromm – wie es auch im Evangelium angesprochen wird.
Josef gedachte, Maria heimlich zu verlassen… hadert und zweifelt er… so menschlich echt. Man vermutet: jetzt müsste es erst richtig losgehen… da müsste doch jetzt der große Bruch kommen… die Riesendiskussion, die Eheszene, das Geschrei, der Krach… Trennung oder verzweifelter Neuanfang. Wie ist ihr Weihnachtsfest verlaufen?... wenn alle zusammenkommen. War es friedlich-idyllisch oder haben sich da, dicht auf dicht gedrängt, die Gräben der Vergangenheit oder ganz neue Gräben aufgetan?
Oder: wie war das in der Geschichte Ihrer Familie? Gab es in Ihren Familienzusammenhängen ungewollte Schwangerschaften? Wie sind Sie damit Umgegangen? Offen? Oder mit Scham? Oder mit Wut? Oder gelassen oder gar mit Freude?
Doch die heutige Geschichte ganz anders, ein völliger Gegensatz zu so mancher Lebenserfahrung: „Josef gedachte, Maria heimlich zu verlassen… Als er noch so dachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum“ – heißt es weiter. Eine Traumgeschichte und gar nicht die Weihnachtsgeschichte – wie angekündigt (die wird erst noch kommen). Eine Traumgeschichte… noch ehe Josef überhaupt ausrasten kann... der „Deus es Machina“, der Engel. Der Ärger wird im Keim erstickt. Noch ehe der Ehekrach erst richtig losgehen kann, ein Appell an die Frömmigkeit, eine Vordeutung der Weihnachtsgeschichte:
- Hier herrscht Gottes Wille. Die Geburt dieses Kindes Jesu: Gott wird am Ende dieser Schwangerschaft Mensch. Jesus ist nicht nur geschaffen – wie man es naturwissenschaftlich vermuten könnte – bloß Mensch. Und damit: Jesus ist nicht nur von Gott adoptiert – wie es früher einige geglaubt haben. Und Jesus ist nicht nur ein begabter Prophet – wie es die Moslems bis heute glauben. Jesus ist Gott. Oder wie es das Nicänische Glaubensbekenntnis, das dieses Jahr 1700 Jahre alt wird, formuliert:
Ich glaube an den einen Herrn Jesus Christus,
den Sohn Gottes,
der als Einziggeborener aus dem Vater gezeugt ist, das heißt: aus dem Wesen des Vaters,
Gott aus Gott, Licht aus Licht,
wahrer Gott aus wahrem Gott,
gezeugt, nicht geschaffen,
eines Wesens mit dem Vater.
Und Joseph ist der erste Mann, der das anerkennt… gegen seine inneren Zweifel, seine Betroffenheit… fast unglaubwürdig-stoisch, ja heldenhaft fügt sich dieser Mann in sein Schicksal, die Vaterschaft dieses Gott-Kindes zu übernehmen. Er nennt dieses Kind: Jesus – so wie es ihm der Engel im Traum befohlen hat.
- Und dann ist da noch der zweite Name, dieser Titel Immanuel „Gott mit uns“ – eine Anspielung auf die Ankündigung durch den Propheten Jesaja (7,14). Jesus errettet das Gottesvolk von ihren Sünden. Nicht als erhöhter Herrscher, nicht als Heerführer, sondern als einfacher Mensch, ein Kind in einer Krippe, in einem Stall in Bethlehem – wie wir es vorgestern im Krippenspiel durch die JG vor Augen geführt bekommen haben. Diese Sündenvergebung durchzieht dann auch das Matthäus-Evangelium wie ein roter Faden. Nur bei Matthäus münden auch die Abendmahlsworte in den Satz „zur Vergebung der Sünden“… Ja, Immanuel „Gott mit uns“. Es klingt wie ein Motto. Und es beschließt das Evangelium. Das letzte Wort Jesu an die Menschen lautet: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Mt 28,20).
Josef erwacht und fügt sich aufgeklärt, belehrt und geläutert in sein Schicksal. Er ist mit sich und seinen Gefühlen und Gedanken im Reinen. Die Geburtsgeschichte kann dann vorbehaltlos erzählt werden. Ich denke, es ist deutlich geworden: hier geht es weder um die Frage, ob eine Jungfrauengeburt überhaupt möglich ist. Noch geht es hier überhaupt nicht um die Beschreibung dieses Josefs – so dicht in seine Gefühle hineingeschmissen, bleibt er doch schemenhaft… wenig greifbar. Seine Geschichte lenkt unmittelbar zu Jesus, der da kommen wird… und für uns ja schon da ist.
Aber was können wir aus der Geschichte mitnehmen?
1. Weil wir Menschen sind, weil wir Gedanken und Gefühle haben, spüren wir immer wieder Lebenskrisen… so wie dieser Josef. Da sind die Brüche in den Familien… da sind ungewollte Schwangerschaften, mit denen wir umgehen müssen… da sind Streitigkeiten… und bei Josef wäre diese Krise auch fast ausgebrochen. Wir müssen oder können auch gar nicht perfekt sein… die perfekte oder heile Familie… die gibt es doch gar nicht…
Aber Josef hat diesen Traum von Gott, von Gottes Engel… und dieser Traum zeigt: bleib am anderen Menschen dran… schaff einen Vertrauensraum, in dem sich dein Mitmensch entfalten kann – obwohl Du in Deiner Wut eigentlich genau das Gegenteil tun wolltest. Bei Josef kam Jesus als Gotteskind.
2. Josef jedenfalls hat durch seinen Sinneswandel einen Raum für Gott in der Welt geöffnet. Jesus, Immanuel, kein starker Held oder Superprophet… Jesus ist Gott und vor allem Mensch für alle Menschen.
Und dadurch hat er einen Blickwechsel ermöglicht: weg vom Superhelden, hin zu diesem absurden Jesuskind-Bastard. Er zeigt: auch mein Blick kann sich so auf die Welt verändern, ich habe ich einen Maßstab für mein Handeln und für meine Sünden… aber diese vergibt mir Jesus.
Oder kurz gesagt: der Glaube an Gott verändert die Sicht auf die Dinge… er verkehrt Krisen in Heil… bis an der Welt Ende. Und das alles begann auf der Welt mit dem völlig berechtigten Zweifel durch Josef.
Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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