09.08.2026
über Römer 11,25-32 (Lut17); gehalten im Freiberger Dom St. Marien von Dr. Gunnar Wiegand, Pfarrer des Freiberger Doms
Der Predigttext Römer 11,25-32 (Lut17) wurde als Epistel verlesen
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Stelle…
Liebe Gemeinde,
ich stelle mir vor: Paulus in einem Zimmer in Korinth… in ihm reift der Gedanke einer umfassenden Spanienmission… es zieht ihn nach Westen… denn in Jerusalem ist es schwierig geworden… da kann er nicht mehr so recht hin… der erste jüdische Aufstand bahnt sich an… Israel radikalisiert sich… gegen die Römer… aber auch gegen Abweichler in den eigenen Reihen… er, als ehemaliger jüdischer Apostel, kann sich da nicht mehr gut blicken lassen… „Nach dem Evangelium sind die Juden zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen“ – beschreibt er den Römern seine innere Zerrissenheit… ja er selbst überzeugter Jude, dem aber Christus lebenswichtig geworden ist… da ist die Tradition aus der er kommt… und diese Bewegung um den in Jerusalem gekreuzigten Jesus… Altes und Neues in Paulus Herz vereint… und damit indirekt doch auch eine ganz grundlegende Frage: wieso gibt es die Trennung überhaupt? Warum sind nicht alle von Christus überzeugt? Paulus gibt in einer etwas holprigen Argumentationskette eine Antwort darauf:
Also erbarmt sich Gott aller Menschen… in Paulus Worten: „Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.“
Ja, da ist diese Diskrepanz zwischen den Juden und Jüdinnen und uns Christen und Christinnen… gepaart mit diesen versöhnlichen Überlegungen aus den Ambivalenzen in Paulus‘ Lebensweg… im schriftlichen Erbe der Bibel mitgegeben…
Und wie sieht es heute aus im Verhältnis von Christinnen, Christen und Jüdinnen, Juden? Ein realistischer Blick in unsere Lebenswelt zeigt doch: hier bei uns in Freiberg spielt das Judentum doch eigentlich keine Rolle… ja, an der Synagoge in Dresden kommt man öfter mal vorbei… aber das Gebäude wirkt von außen ja eher wie eine Trutzburg… das Judentum ist durch die furchtbaren Verfolgungen in der Shoa durch uns Deutsche völlig ins Abseits gedrängt worden… mich berühren Paulus Worte kaum persönlich – weil ich so gut wie keine Begegnungen mit Juden habe…
Oder diese Beziehung bekommt sofort einen abstrakten, ja eigenartig-staatstragenden Charakter… die Frage nach dem Verhältnis von Christinnen, Christen und Jüdinnen, Juden verliert die eigentlich religiöse Dimension und gleitet zu einer Frage der Staatsraison ab… also in die Frage, welche Verantwortung das deutsche Volk vor den Juden hat… schnell wird diese Frage überlagert von den Wahrnehmungen der Politik der aktuellen Israelischen Regierung… mit z.T. horrenden militärischen Eskalationen im Territorium um Israels Kernland… und dann ist da die krude deutsche Realität… immer noch von Antisemitismus geprägt… obwohl es kaum konkrete Vorstellungen von Judentum mehr in unserem Land gibt… undifferenziert… oft von Radikalen, die völlig Blind für die Entartungen der deutschen Geschichte sind… und damit der Verantwortung, die Deutschland gegenüber dem Judentum hat…
Ganz anders waren meine Erfahrungen auf meinem dreiwöchigen Polen-Urlaub… wir waren in Krakau, einer Stadt, die im Mittelalter durch eine tolerante Religionsauffassung Juden im großen Stil Ansiedlungen ermöglichte. In Kazimierz war eines der größten jüdischen Viertel Europas… ebenso in Warschau… im dortigen Ghetto wurden ca. 300-400 Tsd. Menschen durchgeschleust und starben durch verschiedene Gewaltaktionen der Nazis, durch Hunger oder im Vernichtungslager Treblinka… die größten Vernichtungslager der Nazi-Deutschen befinden sich auf heutigem polnischen Territorium… was natürlich die Beziehungen zu Deutschland seltsam-abstoßend bis heute mitprägt… Von den einst ca. 3 Mio. polnischen Juden gibt es heute in Polen nur noch ca. 10-20 Tsd. … immerhin…
Tief beeindruckt hat mich der Besuch des Jüdischen Museums Warschau, das die Geschichte der Juden in Polen hervorragend dokumentiert und nachzeichnet. Im letzten Raum wurde ein Film mit Interviews gezeigt. Polnische Jüdinnen und Juden von heute sollten sagen, ob sie sich mehr polnisch oder mehr jüdisch fühlten… die Interviews zeigten ein großes Mosaik an verschiedensten Positionen… ganz treue jüdisch-religiöse Patrioten, Leuten, denen die Religionszugehörigkeit oder Nationalität eher Wurst war, die meisten hatten wohl eine moderate Doppelhaltung… und ganz am Schluss das Statement eines kleinen Mädchens im Kindergartenalter… „ihr sei das eigentlich nicht wichtig“…
Sie zeigt, wie absurd doch vielleicht diese Alternativfrage nach der Zugehörigkeit ist: alle Menschen müssen mit ihren Sehnsüchten, ihrem Glauben in einer Gesellschaft dazugehören dürfen… wie in Polen so auch bei uns in Deutschland… so wie diese Leute Polen und Juden zugleich sind. Das ist für mich so selbstverständlich, wie Paulus sagt: Denn Gott erbarmt sich am Ende aller! …
Am 23. August kommt übrigens der Sächsische Landesrabbiner Zsolt Balla zu einem Mopedgottesdienst nach Großschirma… eine wunderbare Gelegenheit, gemeinsam mit unseren jüdischen Geschwistern Gottesdienst zu feiern.
Liebe Gemeinde,
kehren wir noch einmal zu Paulus zurück: nüchtern betrachtet ist das Konzept des Apostels ja immer noch nicht realisiert… wie würde es heute Paulus, 2000 Jahre nachdem er seine Zeilen in Korinth aufgeschrieben, hat, gehen? Welche Bilanz würde er für sich ziehen nach einer langen Geschichte von Pogromen gegen Jüdinnen und Juden und der grausamen Shoah des 20. Jahrhunderts?
Tauchen wir noch einmal in die Worte des Paulus ein: bei der Vorbereitung der Predigt, bin ich über den Begriff der Heiden gestolpert… Paulus unterscheidet zwischen den Juden, also dem ursprünglichen Gottesvolk und den Heiden, die an andere Götter glauben, aber sich zu dem Gott Israels bekennen… Und diejenigen, die dann an Christus glauben sind Juden-Christen oder Heiden-Christen… Man könnte vielleicht auch etwas verkürzt sagen: die Juden stehen für die Tradition… Heiden sind diejenigen, die da irgendwie neu dazugekommen sind… Aber was all die Leute zur Zeit des Paulus einigt: sie glauben!...
Wenn ich heute von Heiden spreche, dann sind das ja eher Menschen, die gar keinen Glauben haben… und genau hierin stehen das Judentum und das Christentum doch auf einer gemeinsamen Seite… denn die für mich zentrale heutige Frage… hier bei uns… in Freiberg… in Deutschland ist doch viel mehr: wie finden Menschen (Heiden) eigentlich überhaupt zu einem Glauben an Gott? Ist unsere Tradition, der lutherische Gottesdienst, sind unsere Bekenntnisse für Menschen in unserer Gesellschaft überhaupt anschlussfähig… ohne es einfach nur zu behaupten. Was muss passieren, dass viele Freiberger wieder an Gott glauben? Und welche Rolle kommt dabei Jesus dem Christus zu? Oder wie gehen wir mit den Geschwistern muslimischen Glaubens um… die heute weitaus mehr in unserer Gesellschaft sind als Jüdinnen und Juden?
Ich denke, dass unsere christliche Religion – was die Anschlussfähigkeit betrifft – vor einem ähnlichen Problem stehen, wie die jüdische Religion… in anderen Worten: Paulus‘ Problem hat sich völlig verlagert.
Ich habe keine einfache Antwort darauf, wie man Mehrheiten unserer Gesellschaft von Gott überzeugen kann… es ist nicht einfach… es braucht Geduld… einen langen Atem. Aber vielleicht kann Paulus‘ Zeugnis eine Hilfe geben… er selbst war überzeugter Jude, dem aber Christus lebenswichtig geworden ist… da ist auf der einen Seite die Tradition aus der er kommt… und auf der anderen Seite diese Bewegung um den in Jerusalem gekreuzigten Jesus… ein Mann, der radikal für Liebe eingetreten ist. Das hat Paulus bis tief ins Mark erschüttert… mit dieser Diskrepanz, aber der Hoffnung auf Erlösung des ganzen Gottesvolks, ja der ganzen Menschheit hat er gelebt.
25Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist. 26Und so wird ganz Israel gerettet werden…
In dieser kleinen versteckten Phrase ist für mich der zentrale Kern von Paulus Botschaft verborgen: „haltet euch nicht selbst für klug“… vielleicht ist doch das Problem unserer Religion, ja der Menschen überhaupt… die Überheblichkeit und Besserwisserei… die in so vielen Leuten steckt… etwas weniger davon… aushalten von Spannungen, Offenheit, sich selbst dem anderen unterordnen… den eigenen Standpunkt hinterfragen… die Einigkeit suchen… auf der einen Seite: weniger Angst vor dem, was die Tradition mitbringt… auf der anderen Seite: weniger Angst vor dem Unbekannten, den neuen Blickwinkeln, die uns als Kirche bereichern… oder sogar verändern… oder wie es Christus gelehrt hat: Liebe statt Gewalt… vermutlich wäre die Welt dann friedlicher… und so „wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob“. Lasst uns gemeinsam harren und vor allem daran bauen!
Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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