06.04.2026
über Lukas 24,36-45 (Lut17); gehalten im Freiberger Doms St. Marien von Dr. Gunnar Wiegand, Pfarrer des Freiberger Doms
Vor der Predigt ist die Kantate Ein Herz, das seinen Jesum lebend weiß BWV 134 von Johann Sebastian Bach erklungen.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
ich stelle mir vor: da sind die Jünger in einem Haus in Jerusalem versammelt… eine Mischung aus Angst und Panik… die Römer hatten mit Jesu Hinrichtung ja ein ganz schönes Exempel statuiert… es könnte ja auch noch weitere treffen… und dann natürlich die Trauer, dass Jesus tot ist… mit all den furchtbaren Folterungen, die vorher passiert sind… der Freund, der Rabbi Jesus weg… Orientierungslosigkeit… wie soll es jetzt weitergehen? … dann klopft es… Angst… sind es Römer… die Erleichterung… es war Kleopas und der andere, die in Emmaus waren… und dann diese verrückte Geschichte: Der Herr ist auferstanden… und Simon Petrus habe es bezeugt…
Also noch eins drauf: haben Sie sich veräppelt gefühlt? Wollen sich die beiden über sie oder gar Jesus lustig machen?... Wut… was soll das? …
Und dann auf einmal…
Lesung des Predigttextes Lukas 24,36-45 (Lut17)
Ja, liebe Gemeinde, ein Gefühlschaos… dem noch eins drauf gesetzt wird Furcht und Schrecken…, wie wenn ein Geist erschienen wäre… und langsam legt sich dieser Gefühlssturm… das was Kleopas und ein Gefährte erzählt haben stimmte wirklich… Jesus ist wirklich da… Fleisch und Knochen, die Wundmale zeigen es… und dann noch diese deftige Ansage: „jetzt habe ich erst mal Hunger…“ „42Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. 43Und er nahm’s und aß vor ihnen“… jetzt war die Freude vollkommen… Jesus ist wirklich da… nicht nur eine Erscheinung, ein Geist… Jesus mit Fleisch und Blut.
Eine Geschichte, die einen Weg aus der Angst und dem Gefühlschaos hin zur Freude und Gewissheit führt… eine Geschichte also mit gutem Ausgang… aber auch eine Geschichte, die doch erhebliche Fragen aufwirft… ja Zweifel… wie soll das eigentlich gehen? Wie soll ein Toter, dieser Jesus, von den Toten auferstehen und den Leuten auch noch so sinnlich erscheinen? Ja fast so, also ob nichts gewesen wäre… er setzt sich hin und isst Fisch. Naturwissenschaftlich doch völliger Unsinn…
Ja ich denke, Lukas mutet uns da sehr viel zu… gerade unserer heutigen so durchrationalisierten Zeit… wie oft höre ich, dass Menschen mit dem christlichen Glauben nichts anfangen können, weil da so oft von naturwissenschaftlichen Unmöglichkeiten die Rede ist… und dann kommt mir jede mal… denk doch erst einmal über die Geschichte nach… das Evangelium ist doch kein Lehrwerk der Medizin oder Botanik, kein Buch über Physik oder Quantenmechanik…
Lassen wir diese Geschichte doch einfach mal so stehen wie sie ist… in all ihrer Wiedersprüchlichkeit… in all ihrer Herausforderung… Hier erscheint Jesus diesen Jüngern wie ein Superheld… wie Neo aus Matrix oder wie Gandalf in Herr der Ringe… aber eben mit Fleisch und Blut… real… und wir haben nicht mehr als das, was bei Lukas steht… also dreizehn Leute, die Jesus schmausen gesehen haben… und es hat sie getröstet… ja fröhlich gemacht… und die Spannung zischen durchrationalisierter Welt und diesem Auferstehungszeugnis bleibt… wir können sie glauben oder nicht… weiter kommen wir nicht…
Viel wichtiger aber scheint mir doch bei dieser Geschichte zu sein: was will sie uns heute für unser Leben sagen? … ohne wütend auf die Anfechtung meiner naturwissenschaftlichen Welt fokussiert zu bleiben…
Stellen Sie sich eine Szene in einem Gasthaus vor… da sitzen alte Menschen, Menschen mittleren Alters… zwischen den Tischen wuseln fröhlich die Kinder… es ist eine gedämpft, traurig-fröhliche Stimmung… die Großmutter ist verstorben und wurde gerade bestattet… man tauscht sich über die öde Predigt des Pfarrers aus… der Trompeter hat zweimal gekiekst… der Sarg aber wunderschön aus Eichenholz… aber nicht der ganz teure… na und dann natürlich die Großmutter, die Mutter, die Freundin oder ehemalige Arbeitskollegin selbst… ihre Liebe, wenn sie vor vielen Jahren abends am Bett saß, wenn das Kind oder Enkelkind krank war… die aber auch temperamentvoll-aufbrausend sein konnte… ja eine herzlich-bestimmte Kollegin… eine Freundin, der man alles sagen konnte…
Ja, diese Verstorbene ist ganz da in dieser Gemeinschaft… bei diesem sinnlichen Schmaus… das tröstet… Auferstehung mitten im Leben… die Geschichte des Lukas hat es bereits gezeigt…
Oder ich stelle mir vor… eine Kriegssituation… Frauen, Kinder vielleicht ältere Männer in einem Keller irgendwo in der Todeszone mitten in der Ukraine… versteckt, ängstlich vor den Drohnenangriffen der Russen… da auf einmal Schritte auf der Kellertreppe… Angstschweiß… Panik… sind es russische Soldaten? … da klopft es bestimmt … ein Fremder tritt herein... er spricht… Friede sei mit euch… ja Friede… keine Gewalt… Trost… Erleichterung… ja Freude… Jesus hat es in der Geschichte des Lukas vorgelebt… und damit berührt mich dieses „Schalom“… „Friede sei mit euch“… ganz unmittelbar…
Er erinnert mich auch an unsere Gottesdienste in der nun folgenden Osterzeit… in all den alten Gesängen der Abendmahlsliturgie ist ein kurzer Moment der Unterbrechung… Der Friede des Herrn sei mit euch… Friede sei mit Dir… dann das Zeichen des Friedens… wir nehmen einander gegenseitig wahr… berühren uns… umarmen uns… für mich der schönste Moment im Gottesdienst… und das Zeichen, dass Gott im Mahl in Brot und Wein sinnlich gegenwärtig ist… so wie damals in Jerusalem in diesem Zimmer mit den Jüngern.
Und dann ist da noch etwas, was mich total anspricht… wie muss der Himmel sein nach der Auferstehung… wir sind da so versammelt… eine fröhliche Gemeinschaft… in einem Raum bei einem guten Essen… hier ein Fisch… da wird meine Fantasie getriggert… Der Fisch liegt zart und glänzend auf dem Teller, als hätte er gerade erst das Licht des Ozeans eingefangen. Ein feiner Duft von Kräutern und Zitrone steigt auf, leicht wie Meereswind. Beim ersten Bissen zerfällt das Fleisch butterweich, mild und doch voller Tiefe – ein kleiner Wellenschlag aus Salz, Wärme und Frische. Dazu ein paar karamellisierte Gemüsestückchen, die wie farbige Tupfer den Geschmack abrunden. … wenn nicht so… so doch ganz elementar… einfach … wir müssen da nicht Hunger leiden … Der Himmel… die Ewigkeit… was für eine herrliche Aussicht auf den Tod!
Aber die Geschichte des Lukas bleibt nicht bei dieser Auferstehungserfahrung verharrend… sie öffnet noch ein Fenster hin zu dem, was aus dieser Erkenntnis der Auferstehung, aus diesem Glauben an die Auferstehung folgt… Da öffnete Jesus ihnen das Verständnis für die Schrift… die Schrift wird zum einen als erfüllt bezeugt… und gleichzeitig steckt darin für mich auch der Aufruf Jesu Geschichte weiterzuerzählen… und genau das war offenbar der Hauptgedanke, den der unbekannte Textdichter der Kantate „Ein Herz, das seinen Jesum lebend weiß“ verfolgte… ursprünglich als weltliche Köthener Huldigungskantate komponiert (was ihre eigenwillige italienische Urform mit Rezitativbeginn erklärt), hat sie Bach 1724 zum dritten Osterfesttag erstmals umgearbeitet… sie bezog sich auf eben diese Geschichte der Erscheinung Jesu bei den Jüngern… dabei erstaunt es, dass sie auf die engeren zusammenhänge bei Lukas eigentlich gar nicht richtig eingeht… sie ist die reine Verkündigung des Auferstandenen, wie ihn die Jünger im Evangelium bezeugen… so haben wir es am Beginn gehört:
Rezitativ Tenore: Ein Herz, das seinen Jesum lebend weiß, empfindet Jesu neue Güte und dichtet nur auf seines Heilands Preis. (Alto.) Wie freuet sich ein gläubiges Gemüte. Aria Auf, Gläubige! auf, Gläubige, singet die lieblichen Lieder, auf, auf! euch scheinet ein herrlich verneuetes Licht.
Und schließlich endet sie mit dem Triumphalen Lobpreis:
Erschallet, ihr Himmel, erfreue dich, Erde, lobsinge dem Höchsten, du glaubende Schar. Es schauet und schmecket ein jedes Gemüte des lebenden Heilands unendliche Güte, er tröstet und stellet als Sieger sich dar.
Oder anders gesagt: Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Amen.
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