Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis, 28. Juni 2026

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Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis, 28. Juni 2026

28.06.2026

über Hiob 28 (Lut17); gehalten zum Berggottesdienst anlässlich des 39. Freiberger Bergstadtfestes im Freiberger Dom St. Marien von Dr. Gunnar Wiegand, Pfarrer des Freiberger Doms

Der Predigttext Hiob 28 (Lut17) wurde als alttestamentarische Lesung wiedergegeben.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Bergbrüder, liebe Bergschwestern, liebe Gemeinde,

Sie sind zum Teil von weit hergekommen… heute in etwas kleinerer Versammlung, weil die Bergparade wegen Hitze abgesagt ist… trotzdem ein wunderbares Fest, das Bergstadtfest erwartet Sie… im Herzen haben Sie Ihre Bergbautradition mitgebracht… sie steht für Ihren Landstrich… das, was Ihre Region reich macht oder reich gemacht hat… und Sie alle wissen, was Bergbau wirklich bedeutet… abseits der schönen Uniformen ...abseits der Musik und bunten Fahnen: Bergbau ist eine harte Angelegenheit, harte Arbeit… Bergbau ist dreckig… Bergbau hinterlässt Spuren in der Landschaft… Bergbau hat Familien geprägt… eine Mischung aus Entbehrung und Stolz… Armut und Reichtum nah beieinander…. Abhängigkeit vom Berg… von den Bodenschätzen… und vor allem eins… Bergbau – egal welcher Art – braucht viel, viel Wissen… es braucht handfeste Erfahrung… eine fundierte Ausbildung, wie sie z.B. hier in Freiberg die TU Bergakademie bietet… Kenntnisse der Landschaft, Kenntnisse der Gesteinsformationen, Kenntnisse der Statik, Kenntnisse der Abbautechniken, Kenntnisse in der Weiterverarbeitung der Bodenschätze – wie es hier Freiberg Unternehmen mit großem Knowhow tun.

Der Bergbau bei Hiob

Mich hat es erstaunt, wie fundiert schon Bergbauwissen im alten Orient bekannt war und in einem Lied der Weisheit Gottes – wie es die Lutherbibel nennt – im Hiobbuch niedergeschrieben wurde. Wir haben es vorhin als Lesung gehört. Und es ist eines der ältesten Beschreibungen vom Bergbau überhaupt. Hiob zeichnet ihn mit beeindruckender Genauigkeit. Er spricht von Silber, das seine Gänge hat, von Gold, das an einem bestimmten Ort geläutert wird, von Eisen, das aus der Erde gebrochen wird, und von Kupfer, das aus dem Gestein geschmolzen wird. Dieser Mann wusste genau, was es bedeutet, in die Tiefe eines Bergwerks zu steigen.

Ich stelle mir vor: Noch vor Tagesanbruch machten sich die Bergleute auf den langen Weg zu den abgelegenen Minen, die fern jeder Siedlung in der kargen Wüste lagen. Dort öffneten sich enge, kaum körperbreite Schächte in den Fels – Orte, die nur durch spezielles menschliches Wissen gefunden werden konnten. An Seilen ließen sich die Männer in die Finsternis hinab, hingen zwischen Himmel und Erde, umgeben von stickiger Luft und nur vom flackernden Licht einer Lampe begleitet. Unten begann die harte Arbeit: Mit Hämmern, Meißeln und Feuer bearbeiteten sie den Fels, trieben Stollen in die Klüfte und folgten den feinen Linien der Erzadern. Ihre Erfahrung – oft von Sklaven oder Wanderarbeitern getragen – entschied darüber, wo die Schätze verborgen lagen.

Während oben Felder bestellt und Herden geweidet wurden, herrschten unten Hitze, Staub und Gefahr. Jeder Schlag konnte einen Einsturz auslösen, Gase freisetzen oder Grubenwasser zum Problem werden lassen, das ohne Pumpen nur mit Eimern bewältigt wurde. Die Männer arbeiteten leicht bekleidet, litten unter der dünnen Luft und häufigen Krankheiten. Und dennoch stiegen sie immer wieder hinab, getrieben von der Aussicht auf die kostbaren Materialien im Dunkel: Edelsteine, Gold, Kristalle – Reichtümer, die Könige begehrten und Handelshäuser mächtig machten.

Doch warum steht da mitten in diesem Hiobbuch eine solche genaue Bergbaubeschreibung?

Der Bergbau als Inbegriff menschlichen Wissens und Fortschritt

Der Bergbau ist für Hiob der Inbegriff des menschlichen Wissens und Fortschritts – bis heute. Nicht umsonst haben wir hier in Freiberg eine eigene TU Bergakademie, die genau dieses spezialisierte und hochkomplexe Wissen immer wieder an neue Generationen weitervermittelt. Mit dem Oberbergamt haben wir auch eine zentrale Behörde zur staatlichen Überwachung, Genehmigung und Sicherung des Bergbaus in der Region. Auch wenn natürlich die Grundzüge der Erschließung und Weiterverarbeitung von Bodenschätzen aus den biblischen Zeiten oder dem Mittelalter noch heute gelten: ihr wisst alle, dass die Methoden der Erschließung sehr viel präziser sind als früher, Berechnungen genauer, Schutzmaßnahmen zielführender, Umweltstandards gestiegen sind, die Ausbeute im besten Fall höher ist. Und das geht nur, weil diese Wissenschaft so exakt arbeitet und durch immer mehr Kenntnisse bereichert wird…. Man könnte jetzt den Bogen sogar noch weiter spannen: der Bergbau ist ein Bild für den wissenschaftlichen Fortschritt insgesamt… für das Wissen der Menschen… in allen berufen, in allen Bereichen der Wissenschaft – weit über den Bergbau hinaus… und damit ist Hiobs Bild auch immer zeitgemäß und betrifft jede und jeden… viele von Ihnen haben familiäre Wurzeln im Bergbau – aber vermutlich arbeiten Sie häufig auch in ganz anderen Berufen… im Handwerk, in der Verwaltung, in der Landwirtschaft, im öffentlichen Dienst, als Unternehmer… meistens doch mit Liebe und Herzblut…

Das Bergwerk als Bild für die Seelentiefe

Und dann ist da noch etwas... das Bild des Bergbaus spricht ja auch aus sich selbst… in einem Bergwerk muss man immer tiefer hinab… ins Dunkel der Erde… dort wo es immer kühl ist… da wo es einsam ist… da wo es gefährlich ist… wo schnelle Hilfe oft nicht da sein kann… Der Bergbau beschreibt einen Seelenzustand… da ist jemand ganz unten… dem geht es dreckig…

diese Person ist verloren in den Tiefen ihrer Seele… kennen Sie das in Ihrem Leben… dass Sie ganz tief unten waren oder ihr Leben lag… Einsamkeit, Trauer, Angst – obwohl nah außen hin alles glänzend wie Edelstein wirkte… obwohl ihr ein gutes Auskommen hattet… ja sogar Ehrgeiz und Ziele… und trotzdem dieser dunkle Abgrund im Inneren…

Dieser Text ist ja inmitten des Hiobbuchs… er markiert eine Lebenswende für Hiob… bis dahin ging es ständig bergab für ihn… er hat alles verloren: seinen Besitz, seine Kinder, seine Gesundheit… sogar seine Freunde waren bei ihm und haben ihm sogar noch Vorwürfe gemacht … Hiob ist also ganz unten… und die Frage ist… wie kommt er da wieder heraus? …

Weisheit Gottes als Ausweg aus den Seelentiefen

Erst einmal gar nicht so richtig… er tut etwas sehr Menschliches… er wird wütend und klagt Gott – im Anschluss an dieses Lied – für seinen elenden Zustand an…

Hiob hat etwas überhört… in diesem Bergbaulied… denn zwischen den Zeilen taucht da immer wieder so eine leise Frage auf… so ein Refrain… „Wo will man aber die Weisheit finden? Und wo ist die Stätte der Einsicht?“ …

Es gibt da etwas, das außerhalb der eigenen verfahrenen Situation liegt… es gibt da noch etwas, das sogar noch ein Gegengewicht zu unserem ganzen menschlichen Streben… Weisheit bei Gott… diese Weisheit kann ich mir eigentlich gar nicht aneignen, die kann ich mir nicht einstudieren – wie es die Zöglinge der TU Bergakademie machen oder gemacht haben –, die kann auch nicht aus eigener Kraft erreichen. Diese Weisheit schenkt mir nur meine Lebenserfahrung und das Wissen: Gott leitet mich immer durch das Leben – auch wenn ich es vielleicht in den Dunklen Momenten nicht spüre. Welche Rolle spielt Gott, ja Gottes Weisheit in ihrem Leben?

Gottes Weisheit und die Folgen für das eigene Leben

Und dieses Leben im Vertrauen auf Gottes Weisheit hat dann auch sehr konkrete Folgen:

  1. Immer wieder auf das eigene Tun reflektieren… den eigenen Standpunkt hinterfragen… nie denken, dass die eigene Position der Weisheit letzter Schluss ist – wie man sagt… manches wird erst nach gründlicher Abwägung klar… oder es klärt sich sogar von selber… ein Vorbehalt… erst mal zu wissen: eigentlich weiß ich gar nichts! Wissenschaftlich gesprochen: Methoden und Kanonwissen immer wieder überprüfen… Neues ausprobieren… nur so kommt es zu neuen Erkenntnissen… nur so gelangt man manchmal aus unsinnigen Hirngespinsten wieder heraus.
  2. Gleichzeitig aber immer wieder das Ganze im Blick behalten… aus Gottes Schöpfung stammt alles ab… dort ist der Anfang… diese Einheit immer wieder suchen… mein Gefühl ist, dass sich das menschliche Wissen oft in Spezialistentum verzettelt, sich isoliert… es ist wichtig, dass das, was ich beruflich mache, in einen großen Zusammenhang einbinde… immer wieder verstehe, warum bestimmte Handgriffe, Formulare, Regelungen eigentlich da sind… prüfen und dann vielleicht auch wieder mal etwas verwerfen, wenn es dem großen Zweck gar nicht dient..
  3. Und dann ist da bei Hiob noch die Rede von der Schöpfung… er erinnert: Gott hat diese Welt geschaffen… für mich heißt das vor allem eins: wenn wir etwas tun, dann immer in Verantwortung… so wie Gott zu seiner Schöpfung immer wieder wertgesprochen hat: Und Gott sah, dass es gut war. Der Beruf und die Wissenschaft sind in ein Verantwortungsgeflecht eingebunden. Jedes Handeln hat ethische Folgen… Sie wissen, wofür die zu erschließenden Bodenschätze eingesetzt werden… für gute zivile Zwecke aber auch für Rüstungsindustrie… Sie wissen welche Folgen für die Umwelt, die Eröffnung oder der Betrieb eines Bergwerks haben… Hier gilt es immer auch ethische Folgen des Handelns im Großen im Blick zu behalten. Was würde Gott dazu sagen? Dient es dem Allgemeinwohl oder bewirkt es her langfristige Schäden?

Liebe Bergbrüder und Bergschwestern, liebe Gemeinde,

wenn wir all das bedenken – die Tiefe des Bergwerks, die Tiefe der Seele, die Tiefe des Wissens – dann bleibt doch Hiobs Frage bestehen: „Wo will man aber die Weisheit finden?“

Diese echte Weisheit bei Gott ist kein Bodenschatz, den wir heben können. Gott schenkt sie uns wenn wir tief unten sind. Sie begleitet, wenn wir uns verirren oder auf gedankliche Abwege kommen. Wichtig ist nur: Gott im Blick behalten. Dann stärkt er uns und führt uns wieder ans Lich – wie einen Bergmann, der heil aus dem Schacht emporkommt… so wie Hiob am Ende wieder ein Segensreiches Leben empfangen hat.

Für mich sind das die wichtigste Botschaft dieses alten Liedes:

  • Dass Gott uns nicht im Dunkel lässt.
  • Dass er uns Wege zeigt, wo wir keine sehen.
  • Dass er uns Weisheit schenkt, wo unser Wissen endet.

Dann wird unser Tun – ob im Bergbau, in der Wissenschaft, im Handwerk, in der Verwaltung oder in der Familie – zu einem Teil von Gottes großem Werk in dieser Welt.

Und so gehen wir gleich hinaus in dieses Bergstadtfest, in die Freude, in die Gemeinschaft mit dem Wissen: Gott begleitet uns dabei. Glück auf!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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