04.07.2026
von Superintendentin Hiltrud Anacker
Bibeltext: Die Erinnerung an Gottes Liebe und Treue zu Israel
6Du, Israel, bist ein besonderes Volk, du bist heilig für den Herrn, deinen Gott. Der Herr, dein Gott, hat dich erwählt: Als einziges Volk unter allen Völkern der Erde sollst du ihm gehören. 7Nicht weil ihr zahlreicher seid als alle Völker, empfindet der Herr Zuneigung zu euch. Nicht deswegen hat er euch ausgewählt. Denn du bist ja das kleinste von allen Völkern. 8Sondern aus Liebe zu euch hat der Herr es getan. Er hält sich an den Eid, den er euren Vorfahren geschworen hat. Darum hat euch der Herr herausgeführt. Mit starker Hand hat er euch aus der Sklaverei befreit – aus der Gewalt des Pharao, des Königs von Ägypten. (5. Mose 7,6-8)
Liebe Leser und Leserinnen!
Zuerst will ich von der Rahmenerzählung berichten: Das Volk Israel war nach langer Wanderung durch die Wüste endlich an der Grenze des Landes angekommen, das Gott ihnen versprochen hatte. Es sollte zu dem Ort werden, an dem sie endlich wirklich zu Hause sein könnten. Danach sehnten sie sich. Ewig und mit viele Umwegen waren sie unterwegs gewesen. Wer sehnt sich da nicht nach einem Ankommen. Da gehört viel dazu, das Glas als halbvoll zu betrachten. Zum Greifen nah war das Ziel. Mose wusste, er würde nicht mit hineinkommen. So holt er zu einer großen Rede aus. Er erinnert noch einmal an alles, was Israel erlebt hatte. Gut gerüstet und mit einer starken Beziehung zu Gott sollten sie in das Land einziehen. Wie war das mit den Geboten (5. Mo. 5)? "Höre Israel!" Es klingt wie eine sehr kompakte Beschreibung Gottes. Das Vertrauen auf ihn - und nur auf ihn - sollte sie leiten (5. Mo. 6). So geht es fort. Nach seiner langen Rede stirbt Mose. Mit Josua an der Spitze zieht Israel in das sog. "gelobte Land". Gott hatte sie ans Ziel geführt, aus der Sklaverei heraus. Das Glas würde sich wieder füllen, dessen waren sie gewiss. Gott hatte sein Versprechen, sein Bundesversprechen gehalten.
Nun möchte ich Ihnen erzählen von der Zeit, in der das 5. Buch Mose in großen Teilen geschrieben wurde: Aus ein paar Sippen, denen alle der Glaube an den Gott, der die Gebote geschenkt hatte, wichtig war, war ein sesshaftes Volk geworden. Mit Saul und David begann das Königtum. David hatte Jerusalem zur Hauptstadt werden lassen. Salomo errichtete den Tempel. Schon nach ihm zerfiel das Reich in Nord und Süd mit unterschiedlichen Königen. Ein kleines Land dort am östlichen Ende des Mittelmeeres (und noch ein paar Ländchen mehr) drängten sich zwischen großen und mächtigen Reichen. Es gab die Assyrer, die Ägypter, die Babylonier, die Perser, … später auch die Römer. Was soll da werden. Immer wieder wechselten die Vorherrschaften. Die Assyrer zerstörten das Nordreich. Es ging gnadenlos unter. Das Südreich hielt sich noch ein wenig länger durch unterschiedliche Verbündete. Dann aber überzogen die Babylonier das Land. In mehreren Deportationen wurde die Oberschicht nach Babylon weggeführt. Wer zu Hause blieb, musste sich irgendwie durchschlagen. Die Propheten interpretierten: "Ihr habt Gott nicht vertraut. Seine Gebote waren euch egal. Das ist nun das Ergebnis." Auch das babylonische Reich ging unter. Die Perser übernahmen. Das Glas war wirklich nicht einmal mehr halbvoll. Wie soll es weiter gehen? Es hilft, zurück zu denken. Wie war das doch gleich? In diese Situation hinein erinnern sich einige an die Geschichten der Rettung aus Ägypten. Und sie erzählen sie. Gott hatte damals auch geholfen. Schließlich war es gut geworden. Hatte er sich nicht damals an sein Versprechen gehalten? Er hatte. Israel war noch immer sein Volk, kein mächtiges, ein kleines. Aber es war und ist Gott noch immer wichtig, auch wenn auch wenn sie als Antwort auf Gottes Bund, sich nicht immer um seine Gebote gekümmert hatten. Gott lässt sie einfach nicht los. Seine Zuneigung zu ihnen ist die Ursache dafür. Wenn Gott damals schon geholfen hat, könnte er es wieder tun. Einen Vers weiter heißt es, Gott ist ein verlässlicher Gott. Im hebräischen Wort für "verlässlich" (haneäman) steckt das Wort "Amen" drin, "so soll es sein". Die Erzählung macht Mut.
Ist das alles lange her! Am 6. Sonntag nach Trinitatis, mitten in der festlosen Zeit wird dieser Abschnitt im Gottesdienst vorgelesen, der sich thematisch mit der Taufe beschäftigt. Was hat dieser Text so ziemlich am Anfang der Bibel mit der Taufe zu tun? Was auch passiert, wir haben in der ganzen Bibel mit diesem verlässlichen Gott zu tun, von dem hier erzählt wird. Getaufte dürfen sich daran erinnern. Dieser Gott hat versprochen, durch das ganze Leben mitzugehen, auch wenn das Glas mal leerer als halbleer ist: Amen - "so soll es sein!" (Und wenn es voller als halbvoll ist, darf man auch dankbar dafür sein.)
Welcher Typ sind Sie? Sehen Sie das Glas halbleer oder halbvoll? Uns wird erzählt von einem Gott, der Katastrophen nicht einfach verhindert, der aber mitgeht und nie im Stich lässt. Nicht ohne Absicht wurde ein sehr bekannter ebenfalls alttestamentlicher Bibelvers über die ganze Woche gesetzt, der bei Taufen zum Ritual gehört. Gott spricht: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein." Das hat er versprochen. Er wartet auf Antwort.
Amen.
Gebet
Von allen Seiten und überall bist du da.
Aus ausweglosen Lagen führst du heraus,
auf ungekannten Wegen leitest du uns durchs Leben.
Hilf uns, dieses Angebot anzunehmen und dir zu vertrauen.
Vieles verstehen wir, wenn überhaupt, erst im Nachhinein,
doch du sagst: Du bist mein! Heute, morgen und jederzeit.
Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.
Segen
Der Friede Gottes sei bei dir, jetzt und alle Zeit. Amen.
Herzlich grüßt Sie
Hiltrud Anacker, Superintendentin
Kommentar hinzufügen
Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.