Andacht zum 2. Sonntag nach Trinitatis, 14. Juni 2026

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Andacht zum 2. Sonntag nach Trinitatis, 14. Juni 2026

13.06.2026

von Prof. Dr. Klaus Husemann (Prädikant in der Petri-Johannis-Gemeinde in Freiberg)

Entschleunigung

Meine Seele sei stille zu Gott, der mir hilft. (Psalm 62, 2) 

Liebe Leserinnen und Leser,

beim Wort Entschleunigung werden viele denken: Was soll denn das? Jesus zum Beispiel hat das Wort nie in den Mund genommen. Und im gesamten Alten und Neuen Testament kommt das Wort Entschleunigung selbst in der aktuellen Lutherübersetzung nicht vor. Es ist zugegebenermaßen ein neueres Wort. Viele kennen es, haben davon schon etwas gehört oder es ist ihnen sogar vertraut. Aber genauso viele können mit dem Begriff Entschleunigung nur wenig anfangen oder es interessiert sie nicht.

Was wir aber alle kennen, ist das Gegenstück – nämlich die Beschleunigung. Denn das haben wir alle schon in unserem Leben erlebt. Bei uns selbst genauso wie bei anderen. Wer kennt nicht das Gas geben im Auto: Ein leichter Druck auf das Gaspedal genügt, um die Geschwindigkeit von 50 km/h auf 100 km/h oder auf der Autobahn von 120 km/h auf 150 km/h zu erhöhen. Ein herrliches Gefühl – natürlich auch im Elektroauto. Leider gibt es nun auch viele Beispiele, wo von uns verlangt wird, schneller oder schwerer zu arbeiten, obwohl wir schon fleißig sind und uns Mühe geben. Das ist natürlich kein herrliches Gefühl.

Eines ist nun wichtig: Beschleunigung kann und muss auch weiter gefasst werden: Dazu zählt zum Beispiel bei vielen das immer mehr haben wollen. Und das betrifft nicht nur uns, sondern die gesamte Gesellschaft.

Und damit sind wir schon beim Gegenteil vom Be-schleunigen, nämlich dem Ent-schleunigen. Umgangssprachlich wird Entschleunigung als eine Art von Verlangsamung beschrieben. Entscheidend ist nun, dass das Entschleunigen kein Selbstzweck ist, sondern das Mittel gegen sinnlose Hast, Hektik, Überforderung des Menschen und ganz allgemein gegen den Wahn, dass alles immer schneller, größer und höher werden muss.

Dazu gehört auch unser Umgang mit unseren Mitmenschen, aber auch mit uns selbst. Unser Problem dabei ist: Entschleunigen ist kein Selbstläufer, sondern braucht unseren Mut, unser Wollen und Können. 

Weil das alles so ist, liebe Leserinnen und Leser, wird gerade im Alter die Entschleunigung ein Thema, das zunehmend unser Leben bestimmt – unabhängig davon, ob wir das wollen oder das aushalten müssen. Der Volksmund sagt nicht ohne Grund, dass das Alter nichts für Feiglinge sei. Oder ernster gesagt: Besonders das Alter ist eine Schule der Demut.

Dazu einige Beispiele, die ich – selbst ein Alter - erlebe: Wir können oft nicht mehr alles, was wir gern möchten – auch das, was früher für uns kein Problem war. Wir müssen zunehmend lernen, Hilfe anzunehmen. Wir sind nicht mehr die tragende Generation. Auch viele von unseren gut gemeinten Ratschlägen werden nicht mehr so begeistert angenommen, wie wir das denn gerne hätten. Hier lohnt es sich einmal nachzudenken, wie das denn bei uns vor 30 Jahren war. Es kommt hinzu, dass im Alter unsere Beschwerden zunehmen und unser Gedächtnis schlechter wird.

Hier sollten wir aber unsere Situation nicht schlechter machen, als sie es ist. Erinnern wir uns doch einmal daran, was uns unser Leben schon bereitgehalten und geschenkt hat – das Traurige und das Schöne.

Entscheidend ist nun, dass wir – nicht nur, aber insbesondere im Alter – Entschleunigung, also bewusstes Innehalten erfahren, lernen und erleben. Gott, der Glaube an ihn und die Hoffnung auf ihn, sind uns dabei eine Hilfe.

Das alles ist ein großer Gewinn für uns, denn es schärft unseren Blick für das wirklich Wichtige in unserem Leben und auf das, was unser Menschsein eigentlich ausmacht. Letztendlich kann damit auch unsere Seele zur Ruhe kommen. Oder wie es im Psalm 62 heißt: Meine Seele sei stille zu Gott, der dir hilft.  Amen

Gebet

Herr, wir bitten Dich, 
lindere das Pochen unserer Herzen und beruhige uns.
Herr, mache uns mehr bewusst,
dass auch unser Leben mit allem,
was dazu gehört, seine Zeit hat.

Herr, erinnere uns daran,
dass das Rennen nicht immer
von den Schnellen gewonnen wird;
dass es mehr im Leben gibt,
als nur seine Geschwindigkeit zu erhöhen.

Herr, lass uns unsere Zeit auch eine Zeit
der Besinnung und Achtsamkeit sein.
Stärke unseren Glauben an Dich
und unsere Hoffnung auf Dich.

Herr, lasse unsere Seele bei Dir Ruhe finden,
denn von Dir kommt die Hilfe,
die wir zum Leben brauchen.

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute
und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Seien Sie herzlich in Verbundenheit gegrüßt.
Ihr Klaus Husemann

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