06.06.2026
von Superintendentin Hiltrud Anacker
"Die ganze Gemeinde war ein Herz und eine Seele. Keiner betrachtete etwas von seinem Besitz als sein persönliches Eigentum. Vielmehr gehörte alles, was sie hatten, ihnen allen gemeinsam." (Apostelgeschichte 4,32)
Liebe Leser und Leserinnen!
"Das klingt ja wie im Sozialismus", ging mir als erstes durch den Kopf, als ich den Abschnitt aus der Bibel gelesen habe. Kein Wunder, ich bin im Sozialismus der DDR aufgewachsen. Und dann habe ich gestutzt: War das nicht anders? Der Sozialismus, so wurde gelehrt, war doch nur die Vorstufe des Kommunismus, auch wenn es da die vielen VEBs gab (die volkseigenen Betriebe). Das gemeinsame Eigentum sollte es erst im Kommunismus geben. Passt der Vergleich? An den Sozialismus habe ich nie geglaubt. Schon als ganz junger Mensch hielt ich den Kommunismus als den "Himmel auf Erden", an dessen Umsetzung der Mensch scheitert.
"Das klingt fast wie im Himmel", war ein weiterer Gedanke. Die Erzählung in der Bibel ist natürlich länger. Wer Immobilien besaß, verkaufte diese. Den Erlös zahlten sie in die gemeinsame Kasse ein. Der engere Freundeskreis von Jesus, die Apostel, übernahmen die Aufgabe, von diesem Geld Bedürftige zu unterstützen. Reich hilft Arm. So erhält jede und jeder das Lebensnotwendige. Das klingt doch gut, oder? Als Lukas die Apostelgeschichte schrieb, waren ein paar Jahrzehnte seit dem eigentlichen Geschehen vergangen. Er hat Geschichten gesammelt. Die Geschichten über Jesus hat er in seinem Evangelium aufgeschrieben. Die Apostelgeschichte hat er zusammengestellt aus den Geschichten, die er über Petrus, die anderen Jünger und über Paulus gehört hatte. Es gelingt ihm gut, den Enthusiasmus der ersten Christen damals in Jerusalem zu beschreiben. Den kann ich mir hervorragend vorstellen. Sie hatten in Jesus den erkannt, der den "Himmel" einmal vollenden wird. Das was Menschen nicht schaffen, wird Gott schaffen. Die Apostel und die anderen haben schon einmal probiert, wie es gehen kann.
Alle im Blick behalten, jedem und jeder ein gutes Leben ermöglichen, da möchte auch ich gern mittun. Wäre das nicht toll? Wenn auch der ärmste Mensch auf der Welt immer genug und gesund zu essen hätte, wenn alle einen Ort hätten, wo sie gut wohnen könnten, wenn niemand sich selbst überhöhte und andere klein machte, … Sie merken, ich komme ins Schwärmen. Das wünschte ich mir so sehr. Nein, ich glaube immer noch nicht an den Sozialismus, und an den Kommunismus schon gar nicht. Ich schätze mich als Realistin ein - wenigstens was dieses Thema betrifft. Im Menschen schlummern grundsätzlich Eigenschaften wie Mitgefühl und Solidarität. Würde der Mensch sich nicht um andere Menschen kümmern, hätte er vermutlich nicht überlebt. Nun schlummert im Menschen aber auch die Eigenschaft wie das Begehren nach einem immer "besseren" Leben. Dahinter verbirgt sich oft der Wunsch nach mehr materiellem Reichtum. Nicht alle Menschen schauen zu denen, die mehr haben als sie selbst. Aber der Blick nach dem Mehr ist leichter als der Blick hin zum Weniger. Und: Ich brauche auch etwas ganz für mich, selbst wenn es nicht viel ist. Und dann träume ich den Traum doch weiter von einer wenigstens gerechteren Verteilung der Güter dieser Welt. Da bleibe ich eben neben allem Realismus Träumerin. Wenn ich nämlich nicht mehr träumen würde, fehlte mir die Motivation.
Vielleicht zeichnet Lukas von den ersten Christen ein Idealbild. Vielleicht haben sie aber diese Lebensweise auch wirklich ausprobiert. Die Apostel, so erzählt der Realist Lukas wenig später, schaffen die gerechte Verteilung bald nicht mehr. Sie brauchen Hilfe. Lukas erzählt auch von einem Beispiel, wo sich zwei gar nicht an die Vereinbarung des Teilens halten. In den Briefen des Apostel Paulus lesen wir von Geldsammlungen zugunsten der Jerusalemer christlichen Gemeinde. Es könnte sein, dass die Kasse leer war. Dennoch hat Lukas die Geschichte vom gemeinsamen Eigentum erzählt, und zwar so, dass man entweder ungläubig mit dem Kopf schüttelt (als Realist/in), oder leuchtende Augen bekommt (als Träumer/in).
Wie gut, dass in mir beides steckt. In Ihnen auch? Wenn viele Menschen versuchen, Ungerechtigkeiten auszugleichen, blitzt hier und da ein Stück vom "Himmel" auf. Den "Himmel" vollenden nicht wir. Das ist die Aufgabe Jesu. Aber ich möchte hin und wieder durch einen Spalt in der Tür zum Himmel schauen - nicht allein, sondern mit vielen anderen. Das muss einfach schön sein!
Amen.
Gebet
Großer Gott, wir hoffen auf deine Hilfe.
Gib uns deinen Geist, dass wir tun, was du von uns erwartest.
Durchströme uns mit dem Atem der Großzügigkeit.
Das bitten wir durch unseren Herrn Jesus Christus,
deinen Sohn, unseren Bruder.
Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.
Segen
Es segne und behüte Euch der allmächtige und barmherzige Gott,
Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Amen.
Herzlich grüßt Sie
Hiltrud Anacker, Superintendentin
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