Predigt zum Pfingstfest 2012

Predigt zum Pfingstfest 2012

28.05.2012 Superintendent Christoph Noth (Tel: 0 37 31 / 20 39 20)

Predigt über 1. Korinther-Brief, Kapitel 2, Vers 12 Gehalten am Pfingstfest, dem 27. Mai 2012 von Sup. Noth – zugleich Festgottesdienst aus Anlass der 475. Wiederkehr der Reformation im Freiberger Gebiet.

Superintendent Christoph Noth

Predigt über 1. Korinther-Brief, Kapitel 2, Vers 12

Gehalten am Pfingstfest, dem 27. Mai 2012 – zugleich Festgottesdienst aus Anlass der 475. Wiederkehr der Reformation im Freiberger Gebiet.

Wir haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.

 

Liebe Gemeinde,

in diesem Satz ist in aller Kürze zusammengebunden, was die beiden Schwerpunkte dieses Tages und dieses Gottesdienstes im Freiberger Dom ausmacht. Wir haben den Geist aus Gott – das ist der Kern des Pfingstfestes. Und „was uns von Gott geschenkt ist“, also alles, was mit dem Wort Gnade zusammenhängt, – das führt uns mitten ins Zentrum dessen, was die Reformatoren, allen voran Martin Luther, als unaufgebbares Fundament unseres Lebens und unseres Glaubens herausgestellt haben. Also: heute fallen Pfingstfest und Reformationsgedenken ganz harmonisch in eins.

Ich kann es auch so sagen: Wir werden heute einer anderen Lebensperspektive ansichtig als der, der wir (scheinbar) unausweichlich ausgeliefert scheinen. Ein anderer Geist bestimmt uns, der Geist aus Gott, von dem das Pfingstfest redet – und nichts anderes wollten die Reformatoren in den Mittelpunkt rücken.

Nun sind das Gedenken oder auch das Jubiläum nur dann wirklich sinnvoll, wenn sie einen Bezug zu unserer Lebenswirklichkeit haben. Sonst bliebe alles allein etwas für Historiker im Raum der Universität.

Aber so scheint es mir nun heute ganz und gar nicht zu sein. Denn wenn wir vom Geist aus Gott reden und wenn wir uns der Reformation erinnern, geht es um Fragen, die Menschen heute bewegen, mit welchen Worten sie das auch ausdrücken würden. Es geht um Fragen, von denen entscheidend unser Leben heute abhängt. Und an drei Bereichen will ich versuchen, dies etwas anschaulicher zu machen:

Es geht um

 

Erfüllung – nicht nur um Leistung

Wer halbwegs mit offenen Augen durch die Welt geht, kann ohne Schwierigkeit feststellen, wie Menschen ihr Leben ausrichten an dem, was andere haben und was andere darstellen. Insbesondere an denen, die mehr haben und mehr darstellen. Nur so nebenbei bemerkt: vermutlich müssen wir gar nicht auf die anderen schauen, sondern brauchen nur halbwegs nüchtern ins eigene Herz zu sehen. Wir sprechen dann zum Beispiel von Statussymbolen, wir können beobachten, wie Neuanschaffungen des Nachbarn dazu führen, es ihnen gleich tun zu wollen. Und zuweilen auch dann, wenn man den anderen nicht mag oder ihn gar verachtet. Und dann taucht die Frage auf, wie lange man da mithalten kann und wie viel Opfer man dafür zu bringen in der Lage ist. Das Ergebnis scheint mir dann allerdings nicht in der Erfüllung zu liegen, sondern in der Erschöpfung. Erfüllung hat etwas mit Lebensfülle zu tun, Erschöpfung hingegen mit Leere (und das nicht nur sprachlich).

Heute geht es aber um die Frage nach der Lebenserfüllung. Und soll ich es so sagen: die kommt wohl nicht aus dem, was ich bewerkstellige, sondern viel mehr aus dem, was mir geschenkt wird. Also recht einfach gesagt: Kommt es nicht viel entscheidender darauf an, welche Wertschätzung mir entgegengebracht wird, als darauf, was ich aus mir selbst vorweisen kann? Welche Erfüllung soll darin liegen, dass ich im Lauf um eine gute Selbstdarstellung mithalte? Und wie entscheidend wichtig ist dagegen, welche Freundlichkeit mir von anderen erwiesen wird? In einem tiefsten Sinn kann ich mir Achtung wohl nicht erarbeiten, sondern sie kommt von außen auf mich zu (oder eben auch nicht). „Geist aus Gott“ heißt nun: vor allem bist du wertgeschätzt und geachtet – unabhängig von dem was du sichtbar darstellst.

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Gewiss sollen wir unsere Gaben einbringen, unsere Fähigkeiten nicht vernachlässigen und mit unserer Leistungskraft der Gesellschaft zur Verfügung stehen. Die Frage ist, an welcher Stelle dies seinen Platz hat. Das erste soll und muss bleiben: von Anfang an bist du wertgeschätzt und geachtet.

Wenn die Reformatoren in ihrer Sprache damals von „Werken“ geredet und diese als Grundlage der Lebenserfüllung bestritten haben, so haben sie nicht der Faulheit das Wort geredet, sondern die Bedeutung unseres Tuns auf das menschliche Maß beschränkt. Erfüllung, die durch Achtung und Wertschätzung uns geschenkt wird, hat vor allem anderen den Vorrang. Vor aller Selbstaufwertung und Selbstbestätigung.

In einem zweiten Gedankengang geht es nun auch um

 

Gnade – nicht nur Glück

Man kann kaum noch eine Zeitung aufschlagen, ohne dass in irgendeiner Weise etwas darüber geschrieben wird, wie man am besten unsere Kinder fördert, ausbildet, bildet. Besser zu Hause oder besser von früh an in Kindereinrichtungen, welche Schule die beste ist, beziehungsweise wie sie aussehen müsste. Was an zusätzlichen Angeboten neben der Schule sinnvoll und wichtig sei – vom Sport bis zur Musik. Das alles wird wohl zumindest einen Grund darin haben: sie sollen gut vorbereitet und ausgebildet ins Leben gehen. Oder kurz gesagt, sie sollen einmal mit ihrem Leben auch glücklich werden. Und dann scheint es mir so zu sein, dass wir damit den Kindern viel zumuten und auflasten, möglicherweise zu viel. Schon meine eigene Formulierung macht mich stutzig: „ins Leben gehen“ – dabei leben sie doch heute schon, sind heute schon ganze Menschen und müssen dazu nicht erst entwickelt werden. Bei der Vorbereitung auf die Zukunft scheint es mir zuweilen so, dass die Lebensgegenwart hinter einer glücklichen Lebensvision ins Hintertreffen gerät. Und wäre es nicht unendlich viel lebensdienlicher, die Erfahrung zu machen: ich kann heute mit und in meinen Grenzen gelassen, froh und geliebt leben?

Und setzt sich dann möglicherweise die Verlagerung des Lebens, mit dem man zufrieden ist, auch mit zunehmendem Alter immer weiter in die Zukunft fort – am Ende mit dem Blick auf den Ruhestand, der dann eben oft auch nicht das hält, was er verspricht?

Ich will damit gar nicht daran nörgeln, dass es sinnvoll ist, Kinder vorzubereiten, auszubilden und zu bilden. Und auch das nicht mies machen, wenn wir bestrebt sind, dass unsere Kinder glücklich sind – und nebenher wir selbst auch. Sondern nur darauf hinweisen, dass es auch hier um die Frage nach dem Stellenwert geht. Wenn die Reformatoren als einen zentralen Begriff ihres Denkens das Wort „Gnade“ verwenden, so weisen sie (ganz auf der Linie der Heiligen Schrift) darauf hin, dass vor allem anderen die Zuwendung stehen muss. Der am besten ausgebildete, der in der größten Breite geförderte wird wohl nur wirklich zufrieden sein können, wenn er immer wieder die Erfahrung macht, dass ihm von Gott und den Menschen Zuwendung erwiesen wird. Das gehört zu dem, was wir mit Gnade meinen und „was uns von Gott geschenkt ist.“

Schließlich will ich noch einen dritten Kreis mit meinen Gedanken beschreiten:

 

Vergebung – nicht nur richtig leben

Schön wäre es, wenn jemand von sich behaupten könnte, er würde sein Leben richtig führen. Er macht seine Arbeit gründlich, er oder sie ist im privaten Feld verträglich, er oder sie weiß, wie man richtig lebt und setzt das auch ins Werk um. Nur scheint es mir immer wieder so zu sein, dass hinter dem „richtig leben“ ganz schnell das andere erscheint: Ich lebe besser, richtiger – und dann mit dem gedachten Zusatz: als der andere. Man kann es dort vermutlich entdecken, wo zwei Kollegen, die beide ihre Sache gut machen und an denen auch sonst nichts auszusetzen ist, überhaupt nicht miteinander auskommen, das Klima vergiften und zu einer schweren Belastung für die ganze Gemeinschaft werden. Und wer auch nur ansatzweise einmal mit einem solchen Verhältnis zu tun bekommen hat, wird wissen, wie schwer eine Befriedung der Lage zu erreichen ist. Und auch das wird er wissen: menschliches Zusammenleben gelingt am Ende nicht dadurch, dass man alles richtig zu machen meint, sondern nur auf der Grundlage der Vergebung. Ob nun dieses Wort altertümlich und auch in manchem abgegriffen erscheinen mag: an der Sache und an der Bedeutung hat sich nichts geändert, ob im Arbeitsbereich oder in der Familie. Gemeinschaft lässt sich wohl tatsächlich nur leben unter der Bedingung der Vergebung. Und darum betonen die Reformatoren auch unermüdlich die Tatsache, dass uns von Gott Vergebung entgegenkommt – und dass das etwas ganz anderes ist, als was der Apostel mit „Geist der Welt“ bezeichnet: der Rechthaberei und der Betonung des eigenen richtigen Lebens. Wobei es sich wohl dabei eben auch nur um eine Behauptung handelt, richtig zu leben.

 

„Wir haben empfangen den Geist aus Gott“ – das heißt: ich erfülle nicht mich selbst, ich selbst kann mir nicht gnädig sein, und ich selbst kann mir keine Vergebung gewähren. Dieser Versuch würde zu dem gehören, was Paulus „Geist der Welt“ nennt. Pfingsten spricht davon, dass ein anderer Geist in der Welt am Werke ist. Und das haben die Reformatoren seinerzeit neu in den Blick gerückt. Und das haben wir heute ebenso nötig wie die Menschen vor uns und auch nach uns: den „Geist aus Gott.“

 

Und er Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

 

Amen.

 

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben