Wochenandacht zum 9. Sonntag nach Trinitatis, 14. August 2022

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Wochenandacht zum 9. Sonntag nach Trinitatis, 14. August 2022

14.08.2022

von Prädikantin Katrin Hutzschenreuter

Liebe Schwestern und Brüder,
bei der Geburtstagsfeier einer Freundin treffe ich ihren Vater. „Gestern lag sie noch
im Kinderbett, und heute wird sie schon 48 Jahre alt“, sagt er und lacht. Doch in seinem Lachen schwingt auch ein bisschen Wehmut mit.
Ich kenne das Gefühl, dass es zu schnell geht. Man möchte STOPP rufen und den Augenblick anhalten und die Zeit zurückdrehen, die einen zwingt, loszulassen, was man liebt.
„Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen, und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern“, schreibt der Evangelist Lukas. In diesen Worten lese ich einen vorweggenommenen Schmer z. Denn so ist es ja tatsächlich: was wir haben, ist nur geliehen. Je mehr wir unser Eigen nennen, um so mehr werden wir hergeben müssen. Wir können es nicht halten, nicht an und binden. Das spüre ich auch an denen, die ich liebe.
Mütter und Väter geben, wenn es gut geht, ihrem Kind Wurzeln und Flügel. Wurzeln, die es im Leben verankern, wenn es sich von seinen Eltern löst. Flügel, mit denen es weg fliegt von seinem Zuhause, hinaus in die Welt. Manche von denen, die ich liebe, werden mir fremd. Andere ziehen fort in eine andere Stadt, ein anderes Leben, eine andere Welt.
In dem Vers schwingt das ganze Wagnis, das unser Leben von uns fordert. Man könnte darüber verzagen und kleinmütig werden. Man könnte auf die Idee kommen, sich zu verweigern, damit man den Schmerz nicht mehr aushalten muss. Dann aber verarmt man.
Das Leben will im JETZT gelebt werden. Und Liebe macht mich reich in dem Moment, in dem ich
sie gebe und erfahre. Ja, es tut weh, wenn ich loslassen muss. Abschiedsschmerz ist die
Kehrseite der Liebe , die ich gewagt habe, und des Lebens, das mich erfüllt hat. Aber er zeugt auch von dem Reichtum, den ich erfahren habe.
Das Leben und das Lieben sein zu lassen ist also keine Alternative.
Mich tröstet der Gedanke, dass Gott das bei sich bewahrt, was ich loslassen muss. Er schreibt es in sein Gedächtnis. Er lässt mich daran teilhaben in der Erinnerung. Dort bleibt, was gewesen ist. Das macht mich reich, selbst dann, wenn ich es hergeben muss.
AMEN

Gebet
In das Mosaik meines Lebens hast du Steine gefügt, rote und blaue, grüne und gelbe, runde und eckige, kleine und große.
Du hast Erinnerungen in mich gelegt und dich eingebaut in meine Zeit.
Mit dir bin ich geworden, was ich bin.
Deine Spuren bleiben und leuchten in mir.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen.

Segen
Du bist gesegnet in diesem Moment. Atemzug für Atemzug.
Du bist gesegnet in deiner Freude. Lächeln für Lächeln.
Du bist gesegnet in deinem Weinen. Klage für Klage.
Du bist gesegnet in deinem Trösten. Wort für Wort.
Du bist gesegnet in deinem Loslassen. Schmerz für Schmerz.
Du bist gesegnet in deinem Tun. Schritt für Schritt.
Du bist gesegnet in deinem Sein. Augenblick für Augenblick.
So segne dich unser guter Gott.

Herzliche Grüße - Katrin Hutzschenreuter

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