Wochenandacht zum 5. Sonntag nach Trinitatis, 17. Juli 2022

Predigtarchiv

Wochenandacht zum 5. Sonntag nach Trinitatis, 17. Juli 2022

16.07.2022

von Katrin Hutzschenreuter

Liebe Schwestern und Brüder,
die ersten elf Kapitel unserer Bibel erzählen von der Erschaffung der Welt, vom so genannten Sündenfall, dem ersten Mord der Menschheitsgeschichte und dem Turmbau zu Babel.
Sie zeigen, dass Egoismus, Gier, Neid und Größenwahn den Menschen nicht ins Heil, sondern ins Verderben führen. Und sie erzählen, dass es dem Menschen schwerfällt, allein den richtigen Weg zu finden.
Ab dem 12. Kapitel des Mosebuches verengen sich die großen, universalen Themen. Am Beispiel eines Ehepaares wird uns gezeigt, wie Gott die Menschen begleitet und was es bedeutet, sich von ihm führen zu lassen. Dieses Ehepaar sind Abraham und seine Frau Sarah. Ihre Geschichte beginnt so:
1Und der Herr sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. 2Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. 3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. 4Da zog Abram aus, wie der Herr zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog. (1. Mose 12, 1 - 4)
Meine Eltern sind ungefähr in dem Alter der beiden. Ich kann mir vorstellen, dass es ihnen schwer fallen würde, noch einmal alles hinter sich zu lassen – Wohnort, Freunde, Verwandte. Ein Aufbruch, ohne zu wissen, wo genau es denn hingehen soll. Und alles nur, weil Gott es sagt.
Der Neuanfang des Abraham beginnt mit einer Aufforderung. GEH! Und das bedeutet hier nicht das Packen von Umzugskisten. Du bist angesprochen. Geh. Geh deinen Weg, für dich. Trenne dich von deinem jetzigen Standpunkt. Bleib nicht stehen, nur weil es mal gut war. Verharre nicht an dem Platz, an dem du dich zufällig befindest. Gehe den Weg, der deiner göttlichen Berufung entspricht. Verlasse dich nicht auf dein vertrautes Umfeld, sondern verlasse dich auf Gott. Wenn der Gott Abrahams ruft, dann geht es um mein Leben. Würde ich mich von ihm rufen lassen? Würde ich mich aufmachen, so wie Abraham seinen neuen Weg begonnen hat? Berührt mich Gott so sehr, dass ich ihn nicht mehr loslassen kann?
Leider lesen wir nichts von den Ängsten und Sorgen, die Abraham sicher gehabt hat, und auch nichts von den Zweifeln, die es vielleicht auch gab. Es steht leider auch nicht da, ob es eine innere Stimme war, die Abraham und seine Sarah zum Aufbruch motivierte. Vielleicht war es ja auch ein Moment der Stille, in die Gott hinein gesprochen hat – alles Spekulationen. Leider sind die Diskussionen, die die beiden vorher miteinander hatten, nicht mit überliefert. Aber wir wissen das Ergebnis. Abraham und Sarah brachen auf. Eigentlich könnte die Geschichte hier zu Ende sein.
Lohnt sich der Aufbruch? Die knappe Antwort darauf heißt – JA. Wer allerdings eine Heldengeschichte erhofft, den muss ich enttäuschen, auch die, die ein Happy End erwarten. Abraham und Sara durchleben so ziemlich alle Höhen und Tiefen, die ein Menschenleben zu bieten hat: sich trennen und sich wieder finden, fremdgehen und treu bleiben, lachen, lieben und hoffen. Sodom und Gomorra. Gehorchen und widerstehen, kämpfen, schuldig werden. Sich hingeben und verlieren.. Trauern und weitergehen.
Als Abraham stirbt, heißt es von ihm in der Bibel, er sei lebenssatt gewesen. Trotz aller Niederlagen und allem Scheitern. Denn das Land, das Gott ihm zeigen wollte, hat er nicht erreicht. Aber auf dem Weg dorthin hat er viel gewonnen, nicht nur Erfahrungen, sondern auch Nachkommen und damit Zukunft.
Sein Aufbruch ist der Beginn eines Weges, den jede Generation für sich weitergehen muss. Auch wir!
Es ist der Weg der Sehnsucht nach einem sinnvollen, gerechten und friedlichen Leben. Es ist die Suche nach Gott. Das Ziel wird sich auf Erden nicht finden lassen, das Land, das Gott dem Abraham zeigen wollte, das verheißene Land, das Reich Gottes. Es ist diese Vision, die uns verbindet, uns hier, die wir heute hier zusammen sind. Aber diese Vision verbindet uns auch mit denen, die vor uns geglaubt haben, mit denen, die nach uns kommen, und mit denen, die weltweit mit uns auf dem Weg sind. Diese Sehnsucht ist es, die Menschen immer wieder neu motiviert, sich auf den Weg zu machen. Dass diese Sehnsucht missbrauchbar ist für alle möglichen weltlichen Machtgelüste, Gewaltorgien und Eroberungsfeldzüge ist allerdings auch eine Wahrheit, die so alt ist wie die Religionen.
Deshalb ist es wichtig, genau zu lesen: Abraham erreicht das gelobte Land nicht, so wie alle seine Nachkommen. Denn der Weg zu einem Leben mit Gott kennt kein Ende, nur immer wieder neue Aufbrüche. Die Weisen aus dem Morgenland brechen auf, wenn sie einem Stern folgen. Die Fischer, die alles stehen und liegen lassen, um Jesus zu folgen. Menschen machen sich auf Pilgerreise, egal, ob nach Santiago de Compostella oder von Freiberg nach Vacha. Alle haben ein Ziel vor Augen, das sich am Ende doch nur als Tor für den weiteren Weg erweist.
Deshalb fühle ich mich dem Abraham sehr nahe, obwohl mein Leben auf den ersten Blick nichts mit seiner nomadischen Welt im Nahen Osten vor mehreren Tausend Jahren zu tun hat. So leben wir aus und von einer Tradition, die den Aufbruch immer wieder neu versucht. Und es zeigen die Geschichten der Bibel und auch unsere eigene, dass es mehr Chancen als Gefahren gibt. Es ist eine Tradition, die Mut macht, neue Wege vertrauensvoll zu gehen und einer Vision zu folgen.
Die Geschichte von Abraham zeigt aber auch: es ist gut, wenn du weißt, welche Stimme dich zum Aufbrechen bewegen will. Ist es die Stimme Gottes oder die Stimme menschlicher Zerstörungslust? Genau hinhören, wer da mit welchen Motiven ruft, ist eine wichtige Aufgabe.
Ein Aufbruch muss nicht allein erfolgen. Vieles lässt Abraham hinter sich, seine Frau, sein Liebstes, kommt mit.
Aufbrechen ist keine Frage des Alters. Solange wir atmen, ist es nicht zu spät. Der Weg ins Unbekannte braucht eine Vision, den Traum von einem Leben mit Gott. Wir müssen nicht bleiben, wo und wie wir sind. Eine Sicherheit brauchen wir, wenn wir andere Sicherheiten und Gewohnheiten zurücklassen. Diese
Sicherheit heißt Segen. Und so lerne ich aus dieser Geschichte: Gott segnet Aufbrüche. Das Loslassen und das sich öffnen. Das macht mir Mut, auch für all die notwendigen und manchmal schmerzlichen Veränderungen, die unseren Gemeinden und unserer Landeskirche bevorstehen. Gott hat nie gesagt, dass es leicht werden wird. Aber er hat versprochen, dass er immer mit und mitgehen wird.
Unser Leben ist durchzogen und gekennzeichnet von Aufbrüchen. Das können äußere sein – eine neue Arbeit, eine große Reise, ein neuer Partner, ein Ehrenamt, eine neue Stadt. Aber auch die kleinen, die inneren Aufbrüche. Solche, die innerlich frei machen. Ich springe über meine Ängste und Vorurteile und lade meine neuen Nachbarn ein. Ich suche Menschen, mit denen ich reden kann, wenn ich ratlos oder traurig bin. Ich gehe den ersten Schritt nach einem Streit auf den Kollegen zu. Ich mache mich auf und gehe los.
Wenn Gott spricht, dann ist es manchmal wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert. Oder wie das Flüstern eines Windhauchs. Wenn Gott spricht, lassen sich Menschen sofort rufen oder ergreifen erst einmal die Flucht.
Jeder von uns geht seinen eigenen, unverwechselbaren Weg mit Gott.
Ob große oder kleine Aufbrüche: Abrahams Geschichte ermuntert uns dazu, als Suchende auf dem Weg zu bleiben. In dem Vertrauen, dass uns Gottes guter Segen begleitet und wir für andere zum Segen werden.
Na dann: Geh los. Mach dich auf. In das Land, das ich dir zeigen werde.
Amen.

Gebet
Herr, unser Gott,
Führe uns vom Tod zum Leben - von Irrtum zur Wahrheit
Führe uns vom Zweifel zur Hoffnung - von der Angst zum Vertrauen.
Führe uns vom Hass zur Liebe - vom Krieg zum Frieden
Lass Frieden erfüllen unser Herz, unsre Welt und das All.
Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen
Es segne und behüte Sie Gott der Barmherzige:
Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen

Herzlich grüßt Sie
Katrin Hutzschenreuter, Prädikantin

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben