Wochenandacht zum 4. Sonntag nach Trinitatis, 10. Juli 2022

Predigtarchiv

Wochenandacht zum 4. Sonntag nach Trinitatis, 10. Juli 2022

09.07.2022

von Prädikantin Katrin Hutzschenreuter

Liebe Leserinnen und Leser,
Neshumele ist der Kosename eines jüdischen Großvaters für seine Enkeltochter. Das bedeutet: geliebte kleine Seele. Jeden Freitag nachmittag besucht sie ihren Großvater. Zuerst trinken sie gemeinsam Tee aus dem großen silbernen Samowar.
Dann zündet der Großvater zwei Kerzen an. Die Enkelin tritt zu ihm. Er legt ihr die Hände auf den Kopf un d segnet sie. Das tut er sehr ausführlich. Jedes Mal ist das Mädchen gespannt, was sie heute über sich selbst erfahren wird.
Woche für Woche preist der alte Mann Gott dafür, dass es seine Neshumele gibt. In den höchsten Tönen lobt er sie vor dem Angesicht Gottes. Wo es scheint, dass sie gescheitert sei, stellt er ihr großes Bemühen in den Vordergrund. Er hebt ihren Mut hervor, auch wenn er nur kurz andauerte.
Durch seine Sicht auf das, was sie erlebt hat, sieht sich auch die Enkelin mit anderen Augen. Der L eistungsdruck, dem sie sonst ausgesetzt ist, fällt von ihr ab. Nie fragt der Großvater, ob sie genug getan und sich ausreichend angestrengt hat oder ob die Zwei nicht auch eine Eins hätte
werden können.
Sie ist da, das ist genug.
Der Segen des Großvaters bleibt dem Mädchen, auch als er stirbt. Er hat sie signiert und mit seiner Liebe gezeichnet. So sagt es das lateinische Wort „Signum“, von dem unser Wort „Segen“ abstammt.
Und sie, Neshumele, hat seine Sicht auf sich selbst verinnerlicht. Seine Stimme, die
immer neu formuliert hat, wie schön es ist, dass sie da ist, wohnt nun in ihr. Sein Segen wird sie wärmen, ein Leben lang.
Es ist viele Jahre her, seitdem ich diese Erzählung von Rachel Naomi Remen gelesen habe.
Seitdem habe ich sie nie mehr vergessen. Es ist, als ob sie den Segen des Großvaters weiter reicht, damit er auch anderen Menschen einen neuen Blick auf sich selbst eröffnet.
„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Auch das sind Worte eines Menschen, der im jüdischen Glauben aufgewachsen ist. Jesus sagt sie. Gesandt und gesegnet von Gott selbst kommt er zu uns Menschen. Er heißt die, die ihm begegnen, willkommen bei sich. Er zeichnet sie mit seiner Liebe und verändert ihr Leben. Damals und heute.
Schon jetzt ist die Tür zum Himmel offen. Jederzeit und an jedem Ort kann ich das Wort an Gott richten. Ich werde mit ausgebreiteten Armen empfangen. Ich bin gern gesehen und bin von Gott geliebt, so wie ich bin.
Wenn der Blick Gottes auf mich fällt, schaue ich mich auch selbst mit anderen Augen an. Ich lasse seine Liebe für mich gelten und ruhe mich von meinen eigenen Ansprüchen aus.
Unverrückbar steht sein Segen über meinem Leben, eine Signatur, die hinausreicht über die Zeit. Eine geliebte Seele bin ich.
AMEN.
(nach einer Idee von Tina Willms)

Gebet
Immer die Sorge, ob es genug ist.
Immer der Druck, mithalten zu müssen.
Immer die Angst, zu kurz zu kommen.
Immer der Vergleich mit den anderen.
Gott, du siehst mich.
Mach mich frei, mich zu verschenken und gelegentlich sogar mich zu verschwenden.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen
Die Sonne so groß und die Schatten so klein.
Alles scheint leichter an solchen Tagen.
Ich wünsche dir, dass auch in deinem
Ich wünsche dir, dass auch in deinem Leben die Schatten schrumpfen und du das Licht spürst, das dich umgibt, leuchtend und warm.
So segne dich unser guter Gott.
Amen.

Herzliche Grüße
Katrin Hutzschenreuter

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben