Wochenandacht zum 4. Sonntag in der Passionszeit (Lätare), 22. März 2020

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Wochenandacht zum 4. Sonntag in der Passionszeit (Lätare), 22. März 2020

20.03.2020

von Superintentendentin Hiltrud Anacker

Zuversicht – sieben Wochen ohne Pessimismus

Liebe Gemeinde, liebe Großschirmaer, liebe Kleinwaltersdorfer, liebe Freiberger!

Ist es überhaupt noch angebracht, sich mit der Fastenaktion der evangelischen Kirche zu beschäftigen angesichts von Corona? Bereits die zweite Woche dürfen wir keine Gottesdienste in unseren Kirchen halten.
Genau diese Aktion verweist auf eine Umfrage mit der Überschrift: „Oh, böse Welt, bleibe draußen!“ „Wonach ist Ihnen zumute, wenn Sie Nachrichten über Armut, Krieg und Flucht hören?“ wurden Menschen befragt. Wir können „Corona“ hinzufügen. Die Meinungsforscher haben herausbekommen, wie viele der Befragten passiv bleiben und dem Bösen einfach aus dem Weg gehen: zehn Prozent. Kann das nicht zuversichtlich stimmen?
„Zuversicht – sieben Wochen ohne Pessimismus“ Ich möchte zurückschauen auf die bisherigen Wochenthemen:
„Sorge dich nicht“ hieß es in der ersten Woche. Gott sorgt für dich. In der wöchentlichen Fastenmail bekommen diejenigen, die sich diese zuschicken lassen wollen, einen Rat, und der lautete: Im Sorgen drehst du dich um dich selbst, daran kannst du sogar ersticken. Schaue heraus aus deinen Sorgen.
Das zweite Wochenthema: „Fürchte dich nicht“. Es wurde geraten: „Gehe weiter – im Vertrauen auf Gottes Zusage“. Wenn das heute jemand sagt, könnten wir erwidern: „Du hast gut reden!“
Dann: „Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?“ Die Wochenaufgabe lautete: „Gönnen Sie es sich, eine Hoffnung, die Sie haben, auf Gott zu übertragen.“ Zur Zeit, scheint mir, haben wir keine andere Wahl.
Dies alles klingt so positiv. Ist das nicht Schönrederei? Das nächste Thema scheint viel realistischer: „Ich hoffte auf Licht, und es kam Finsternis.“ So klagt Hiob: „Ich wartete auf das Gute, und es kam das Böse; ich hoffte auf Licht, und es kam Finsternis. … Mein Harfenspiel ist zur Klage geworden und mein Flötenspiel zum Trauerlied.“ (Hiob 30,24-31)
Mitten in der Fastenzeit – der Tiefpunkt der Zuversicht. Dies hatten die „Fastenakteure“ so geplant, als von Corona noch nichts bekannt war. Das konnten die Autoren nicht wissen, dass Schulen und Kindergärten geschlossen werden würden, welche wirtschaftlichen Schwierigkeiten sich innerhalb kurzer Zeit herausstellen würden, dass in unseren Kirchen keine Gottesdienste stattfinden dürfen. Wir erleben, was gestern neu verordnet wurde, ist heute schon überholt. Freiheiten werden immer mehr eingeschränkt. Ist dies übertriebene Angst, oder gebotene Vorsicht? Eine Hiobsbotschaft folgt der anderen. Wo bleibt die Zuversicht?
Nein, die Autoren der Fastenaktion wussten nichts von Corona. Sie wissen aber, dass man sich Zuversicht nicht einreden kann, auch nicht sieben Wochen lang. Es gibt Zeiten, in denen wir Grund zum Klagen haben wie Hiob. Die Explosion von Neuinfizierten mit dem Coronavirus gibt
Grund zum Klagen. Wir dürfen uns Zeit dazu nehmen. Es wäre vollkommen falsch, dies einfach herunterzuschlucken.
Warum werden wir ausgerechnet mit Hiob in dieser Woche konfrontiert? Ja, Hiob klagt, auch er hat Grund dazu. Schließlich ist er zum „Spielball Gottes“ geworden. Darüber beschwert er sich. Seine Klage hat eine Adresse, die richtige Adresse: Gott.
Auch für diese Woche hat die Fastenmail einen Rat: „Reden Sie sich die gegenwärtige Situation nicht schön! … Erlauben Sie sich, traurig zu sein über all das, was Sie gerade verlieren. Erlauben Sie sich, Gott all das zu klagen! Und bleiben Sie geduldig dabei.“

Gebet (Dietrich Bonhoeffer aus „Widerstand und Ergebung“)
Gott, zu dir rufe ich am frühen Morgen,
hilf mir beten und meine Gedanken sammeln zu dir;
ich kann es nicht allein.
In mir ist es finster, aber bei dir ist das Licht,
ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht,
ich bin kleinmütig, aber bei dir ist die Hilfe,
ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden,
in mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist Geduld,
ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den rechten Weg für mich.
Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Herzlich grüßt Sie verbunden mit dem Wunsch, Gott segne Sie!
Hiltrud Anacker
Superintendentin

Hinweis:
Die Glocken unserer Kirchen läuten am Sonntag wie gewohnt und rufen so zum Gebet, wo auch immer wir sein werden.

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