Predigt zum Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, 13. November 2022

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Predigt zum Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, 13. November 2022

13.11.2022

zu Lukas 18, 1 - 8; gehalten von Prädikant Michael Steeger

Predigt am 13.11.2022 im Dom

Liebe Gemeinde,
als Predigttext ist uns heute ein Abschnitt aus dem Lukasevangelium gegeben. Wir lesen folgende Begebenheit:

Er – Jesus – sagte ihnen aber ein Gleichnis davon, dass man allezeit beten und nicht nachlassen sollte, und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen.  Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam immer wieder zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher!  Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte, noch vor keinem Menschen scheue, will ich doch dieser Witwe, weil sie mir so viel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage.  Da sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt!  Sollte aber Gott nicht Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er bei ihnen lange warten? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Doch wenn der Menschensohn kommen wird, wird er dann Glauben finden auf Erden?

Liebe Gemeinde, das ist schon eine seltsame Geschichte, die Jesus da erzählt. Eine Geschichte, mit einem zumindest auf den ersten Blick irritierenden Ende und auch einem irgendwie holprigen Anfang.
Es bleibt für uns auch unklar, ob die Jünger, denen Jesus die Geschichte ja erzählt, gleich gewusst haben, was er ihnen damit erzählen wollte. Aber sie hatten es ein wenig einfacher als wir: Für sie war die Geschichte nicht einfach eine Geschichte, sondern sie war hineingenommen in das, was sie gerade mit Jesus erlebt hatten, in das, was er ihnen kurz vorher erzählt hatte. Sie wussten, worum es in der letzten Zeit ging. Und deshalb: Wenn wir verstehen wollen, was uns diese Geschichte heute erzählen will, müssen wir hineinschauen in die Situation, in der die Jünger die erzählt bekommen haben.
Das, was Jesus seinen Jüngern da erzählt, hat, so könnte man sagen, eine irgendwie doppelte Klammer. Die eine Klammer bildet der Eingangssatz und das seltsam anmutende Ende; der Satz, mit dem Jesus Menschen auffordert zu beten, nicht nachzulassen, wir würden heute sagen: hartnäckig zu bleiben. Und am Ende der Satz, in dem nach dem Glauben finden gefragt wird. Die andere – größere Klammer – das ist die Geschichte, die außen herum passiert. Wenn wir aufmerksam lesen, was rings um unseren heutigen Text erzählt wird, dann merken wir, dass da von schwierigen Zeiten erzählt wird. Jesus malt mit seinen Worten seinen Jüngern ein Bild davon vor Augen, dass er Jesus Christus ganz neu in dieser Welt präsent sein wird, offenbart wird, als der, der nicht mehr der Wanderprediger am Rande der Welt ist, sondern der, der Herr dieser Welt ist. Und als die Jünger fragen: Wann passiert das, was wird das für eine Zeit sein? –  dann antwortet er: Es wird sein wie zu den Zeiten Noahs und zu den Zeiten Lots. Für Juden war klar, diese Zeiten waren kritische Zeiten. Das waren Zeiten, so würden wir das heute sagen, in denen es chaotisch zuging. Zeiten, in denen ethische Grenzen bewusst überschritten, in denen Maßstäbe des Zusammenlebens über Bord geworfen wurden; Zeiten, in denen – warum auch immer – Menschen nicht mehr nach Gott fragten.
Jesus malt den Jüngern nicht das Paradies auf Erden, sondern er skizziert ihnen ein Bild von chaotischen Zeiten. Und dann sind wir – wenn wir ehrlich sind – doch ganz schnell bei uns: Schwierige Zeiten! Unvermittelt steht dann die Frage im Raum: Wie gehen wir mit solchen Zeiten um und was ist am Ende das Ergebnis? Unser Bibeltext will uns dann – so lese ich das – deutlich machen, dass es sich lohnt, gerade in schwierigen Zeiten dranzubleiben. Die Geschichte, die Jesus erzählt, ist keine, die erzählen will, wie man mit Richtern umgeht und sie will auch nicht erzählen, dass ein Rechtssystem korrupt ist. Sie hat einen einzigen Vergleichspunkt, nämlich den, dass sich dranbleiben lohnt. Und deshalb heute Morgen drei Haltepunkte zum Nachdenken.
Leben in schwierigen Zeiten

Da gibt es diese Geschichte, dass drei Männer – Engel wie sich später herausstellt – den Abraham besuchen und ihm davon berichten, dass die Gebiete um Sodom und Gomorra dem Untergang geweiht sind. Und dann kommen sie ins Gespräch dazu, wie die Situation aussähe, wenn es noch ein paar gottesfürchtige und gerechte Menschen dort gäbe. Wenn ich das Gespräch richtig verstanden habe, geht es da nicht um die Erwartung, dass alle dort lebenden Menschen ganz schnell zu gläubigen Menschen werden sollten. Nein, es geht offenbar darum, dass Menschen, die in Gott, seinem Wort und seinen Geboten den Maßstab zum Leben sehen, einer Gesellschaft guttut. Leben in schwierigen Zeiten bedeutet nicht, resigniert aufzugeben; auch dann nicht, wenn Kirche nicht mehr erster Ansprechpartner einer Gesellschaft in ethischen Fragen ist. Es mag eine bittere Erkenntnis sein, dass – so eine FORSA-Umfrage zum gesellschaftlichen Ansehen von Personengruppen – Feuerwehrleute, Pfleger und Ärzte die ersten drei Plätze einnehmen – Pfarrerinnen und Pfarrer aber in der Liste gar nicht mehr auftauchen. Ja: christlicher Glaube und Kirche werden zu Randerscheinungen. Und nun? Wir können auf die böse Welt schimpfen. Wir können aber auch gerade in schwierigen Zeiten fröhlich unseren Glauben leben, im Reden, im Begegnen, mit Musik. Sichtbar. Offen sein für Gespräche mit den Menschen, die um uns herum leben. Unsere Kirche hat ein Programm gestartet mit dem Titel: Kirche, die weitergeht. Das ist ein Programm, das dazu helfen will, nach den schwierigen Zeiten der Pandemie und in den komplizierten Zeiten von Krisen, Zeichen zu setzen, Zeichen der Hoffnung. Gerade in schwierigen Zeiten – und das sollte uns bewusst sein – sind Christen, das Papier, auf dem unsere Mitmenschen lesen können, dass Gott da ist und handelt.
Aber – und auch das macht unsere Geschichte deutlich – Leben in schwierigen Zeiten hat auch eine ganz persönliche Herausforderung. Und deshalb ein zweiter Haltepunkt:
Dranbleiben als Chance fürs Leben
Das macht diese Geschichte doch mehr als deutlich. Die Witwe hat eigentlich keine Chance, ihr Recht durchzusetzen. Sie hat kein Geld, sie hat keine Beziehungen, wahrscheinlich auch nicht die richtige Ausbildung. Darum geht es auch gar nicht. Ihre Argumente sind völlig zweitrangig. Denn Jesus will klarmachen: In schwierigen Zeiten kommt es darauf an, dranzubleiben, hartnäckig zu sein, in dem, was man tut. Wer genau liest, wird schnell spüren: Es geht nicht um das Große und Ganze. Es geht nicht darum, dafür Sorge zu tragen, dass unsere Kirchen nach außen als schöne eindrucksvolle Gebäude sichtbar sind und bleiben – auch wenn auch das wichtig ist. An dieser Stelle wird Jesus ganz persönlich. Ihr sollt, so sagt er, allzeit beten und nicht nachlassen. Vielleicht darf man das so übersetzen: Gerade in schwierigen Zeiten ist es wichtig, dranzubleiben am Glauben und an Gott. Nun ist Glaube ja auch etwas sehr Persönliches. Da geht es um das Verhältnis zwischen Gott und mir. Gerade deshalb tu ich mich mit klaren Ratschlägen schwer. Aber: ich stelle uns und mir heute bewusst zwei Fragen: Die erste: Nehmen wir die Realität von Gebet für unser Leben ernst? Reicht es mir, wenn das am Sonntag der Pfarrer und die Gemeinde mit und für mich tut. Wäre es nicht manchmal eine Idee, im Gesangbuch zu blättern und ein wenig dem nachzuspüren, wieviel Gespräch mit Gott in den Texten liegt und ob das nicht auch mir guttun könnte?
Die andere: Bin ich mir bewusst, dass Glauben am Ende eine Gemeinschaft braucht? Ja, wir haben in den letzten Jahren mit Abstand gelebt, vielleicht haben wir uns den auch ein wenig antrainiert. Wir haben – und das ist meine Erkenntnis – in diesen Jahren Nähe verloren. Leergebliebene Kirchenbänke – auch bei uns – machen einen Teil davon schmerzhaft spürbar. Und ich stelle mir die Frage: Wie können Menschen, wie können Christen, wieder ein Stück mehr Gemeinschaft leben und erleben?
Die Geschichte der Witwe macht deutlich, dranbleiben hat eine Perspektive. Wahrscheinlich musste sich die Witwe auch immer wieder neu aufraffen. Lassen Sie uns das ein Bild dafür sein, unseren Glauben nicht aufzugeben, auch wenn manchmal tägliches Erleben dagegen zu sprechen scheint. Vielleicht ist das Nachspüren von Gesangbuchtexten eine Idee… Nehmen Sie sich gern eins dafür mit, aber bringen Sie es wieder mit, zum nächsten Gottesdienst, zum Erleben von Gemeinschaft hier im Dom.
Die ganz persönlichen Fragen, die wir betrachtet haben, führen am Ende zum letzten Haltepunkt, zu der Frage, die auch Jesus stellt:
Was bleibt am Ende?
Unsere Geschichte hat zwei Schlusspunkte. Da ist zum einen die Aussage: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Da geht es nicht mehr um die Witwe, da geht es um die Menschen, die drangeblieben sind, an ihrem Glauben, an Gott, für die ihr Gebet die Verbindung zu ihrem Gott war und ist. Diese Zusage hat der jungen Christengemeinde, für die Lukas die Geschichten von Jesus zusammengetragen und aufgeschrieben hat, geholfen, ihre ersten Krisen zu überstehen. Bei vielen Fragen hat sie erlebt, dass der Glaube, dass Jesus Christus im Leben und am Ende des Lebens trägt. Inzwischen sind 2000 Jahre vergangen. Unsere Fragen sind im Detail andere, am Ende aber trägt uns die gleiche Aussage: Ich sage euch – so sagt Jesus – euch wird geholfen, Gott lässt dich nicht allein. Diese Zusage haben wir, mehr werden wir nicht bekommen, aber am Ende brauchen wir auch nicht mehr.
Und dann steht da am Ende die andere Frage: Wird er auch Glauben finden? Das ist die Frage, die Jesus Christus uns als seiner Gemeinde hier und heute stellt. Würde Jesus Glauben finden, wenn er uns und den Menschen heute hier in Freiberg begegnet?
Lassen Sie uns gemeinsam etwas dafür tun, dass so manche kleine aufgehende Glaubenspflanze wachsen kann, dass Menschen zum Nachdenken kommen und dann vielleicht zum Glauben, sei es wenn sie sich diesen Dom anschauen und etwas, was sie gesehen haben, sie nicht mehr loslässt, sei es, dass sie Musik gehört haben, die sie bewegt oder sei es, dass sie in der Feier des Gottesdienstes, ein Stück neu die Nähe  Gottes erlebt haben.
Ich wünsche mir und uns, dass wir dranbleiben an der alten Botschaft Gottes und dabei auch seinen Wegen in neuen und manchmal schwierigen Zeiten vertrauen.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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