Predigt zum Sonntag vor der Passionszeit (Estomihi), 14. Februar 2021

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Predigt zum Sonntag vor der Passionszeit (Estomihi), 14. Februar 2021

14.02.2021

zu Jesaja 58, 1 - 9a; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Lieber Jesaja,
Ungerechtigkeit hast du im Namen Gottes in mutigen Worten angeprangert. Wenn Du in unsere Zeit reisen könntest, würdest Du auf den ersten Blick zwar relativ wenig Ungerechtigkeit sehen. Niemand muss unter uns wirklich hungern. Niemand läuft halbnackt herum. Obdachlosigkeit ist bei uns eher ein psychisches Problem als ein soziales. Aber das täuscht. Ja, wir beuten unsere Mitmenschen nicht mehr so unmittelbar aus, wie Deine jüdischen Landsleute damals ihre Mitmenschen ausgebeutet haben. Niemand macht sich selbst die Hände schmutzig und unterdrückt einen anderen. Aber dennoch gibt es das alles. Wir machen es nur viel subtiler, als es bei Euch damals möglich war. Wir sind nämlich viel weiter weg von denen, die wir ausbeuten. Selbst ein Ausbeuter wie Herr Tönnies hat sich vielleicht nicht einmal klar gemacht, unter welchen Bedingungen seine osteuropäischen Mitarbeiter arbeiten und leben mussten. Er saß ja in seiner Konzernzentrale und hat mit denen gar nichts zu tun gehabt. Und auch heute werden Menschen einfach auf die Straße gesetzt. Frag mal Leute, die hinter die Kulissen der großen Immobilienkonzerne sehen können. Wenn die Rendite nicht stimmt, gehen die über Leichen. Die verantwortlichen Manager klingeln natürlich nicht bei den Mietern. Das übernehmen andere für sie.
Aber die wirklich himmelschreienden Ungerechtigkeiten sind noch weiter weg. Aktuell beklagen wir es, dass nicht sofort jeder im Land eine Impfung gegen das Coronavirus bekommt. Aber dass die Menschen in den armen Ländern dieser Welt frühestens in zwei Jahren – wenn überhaupt – eine Chance haben, geimpft zu werden, das interessiert bei uns niemanden. Wir fragen uns auch nicht, warum viele Dinge bei uns so sensationell billig sind. Wie kann es denn sein, dass ein T-Shirt nur zwei Euro kostet? Wie muss es den armen Menschen gehen, die ein solches Kleidungsstück in Bangladesch oder anderen Ländern herstellen und unter elenden Bedingungen ihr Leben fristen? Wir alle aber profitieren von den niedrigen Preisen. Neulich hatte ich mal eine Rechnung für einen Fernseher meiner Großmutter in der Hand. Der war noch in Deutschland produziert worden und doppelt so teuer wie ein vergleichbarer Fernseher nach heutigem Standard. Aber der wird auch nicht mehr bei uns produziert. Versteht Du, Jesaja, bei uns sieht man keine Aufseher, die ihre Arbeiter zusammenschlagen, wenn sie nicht spuren. Wir haben die Ausbeutung und Unterdrückung  nämlich ausgelagert. (Es gibt allerdings auch unter den Politikern einige tapfere Christen, die sich dagegen stemmen. Der katholische Entwicklungshilfeminister Müller hat jetzt ein Lieferkettengesetz auf dem Weg gebracht. Vielleicht bessert das die Zustände wenigstens ein bisschen.)
Du siehst, lieber Jesaja, wenn man genau hinsieht, ist es bei uns nicht anders. Vielleicht ist es sogar schlimmer. Deine Leute hatten wenigstens noch ein Gespür dafür, dass sie sich von Gott entfernt hatten. Sie hatten noch die Fähigkeit, Gottes Abwesenheit in ihrem Leben zu erahnen, und sie vermissten das. Sie fasteten, um Gott näher zu kommen. Ja, Du hast natürlich Recht. Ihr Weg war falsch. Man kann nicht nur am Sabbat oder am Sonntag fromm sein und an allen anderen Tagen der Woche die Gebote Gottes missachten oder gar mit Füßen treten. Aber immerhin waren sie wenigstens noch am Sabbat fromm. Unsere Leute merken nicht einmal mehr, dass sie den Kontakt zu Gott verloren haben; dass er unsere Welt an vielen Punkten vielleicht sogar sich selbst überlässt. Das Hauptproblem der Menschen heute ist anscheinend, dass sie nicht zum Friseur gehen und sich darum anderen Menschen nicht so „gestylt“ präsentieren können, wie sie es gewohnt sind. Die Zuwendung und Anerkennung Gottes brauchen sie nicht; aber die likes in den sog. Sozialen Medien fehlen ihnen. Keine Urlaubsbilder posten zu können, ist ihnen eine Anfechtung, keine Beziehung zu Gott zu haben, ist für sie normal und gar kein Problem.
Lieber Jesaja, verstehe mich bitte nicht falsch. Ich nehme uns hier und heute in diesem Gottesdienst nicht aus. Wenn du zu uns kommen könntest: Würdest Du uns hier auch den Kopf waschen?
Vielleicht schon! Die meisten von uns Christen vermissen die Nähe Gottes eigentlich ja auch nicht. Meine Konfirmanden haben mir erzählt, im Unterricht hätten sie einiges gelernt; für ihren Glauben aber hätten sie in der Konfirmandenzeit vor allem dadurch etwas mitgenommen, dass sie regelmäßig in den Gottesdienst kommen sollten. Die Konfirmanden fanden den Gottesdienst letztlich also wichtig für ihren Glauben. Das hat mich schon sehr berührt. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie es nach der Konfirmation ohne die Pflicht dann doch nicht zur Kür schaffen werden. – Und wir, die wir regelmäßig hier sind? Vielleicht würdest Du an uns kritisieren, dass wir uns mit Wenigem zufrieden geben. Fehlt unseren Gottesdiensten nicht mehr als aktuell das Singen? Müssten unsere Gottesdienste und unser aller Glaubensleben nicht ganz anders aussehen, um wirklich Gottes Nähe zu erfahren? Müssten wir vor allem nicht viel mehr nach außen orientiert sein? Sind wir nicht viel zu selbstgenügsam? Müssten wir das, was uns bewegt, nicht viel mehr an andere weitergeben? Und wäre es nicht eigentlich auch unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Ungerechtigkeit in der Welt abnimmt? Und nicht zuletzt Gottes Schöpfung bewahrt wird?
Lieber Jesaja, bei Dir haben es Deine Leute mit Fasten versucht. Sie wollten auf diese Weise mit Gott ins Reine kommen, spüren, dass er da ist, in ihrem Leben dadurch seine Nähe erfahren. Du hast das damals scharf als einen Irrweg kritisiert. – Bei uns beginnt am Mittwoch auch eine Fastenzeit. Viele Christen und auch Nichtchristen fasten. Das heißt, vielleicht sind es in diesem Jahr auch nur wenige. Wir müssen ja ohnehin schon auf viele Dinge wegen der Epidemie verzichten; da braucht in den Augen mancher vielleicht nicht noch etwas dazu zu kommen. In den letzten Jahren haben aber viele gefastet. Aber das war auch eher ein Mittel zum Zweck. Zu deiner Zeit haben die Menschen mit einer Absicht gefastet. Sie wollten Gott damit zu etwas bewegen, nämlich ihre Wünsche zu erfüllen. Sie wollten etwas für sich erreichen. Heute geht es darum, sich selbst zu verbessern, beispielsweise den Winterspeck endlich loszuwerden; vielleicht auch die eigene Immunabwehr zu stärken. Da wird auf Alkohol und Süßigkeiten verzichtet und vielleicht mehr Sport getrieben. Gott spielt dabei keine oder keine große Rolle. Das hieltest Du sicherlich auch nicht für den richtigen Weg, Prophet des Herrn.
Aber vielleicht könnte die Fastenzeit ja doch ein Ansatz für eine Umkehr sein, wenn wir das Fasten  richtig gebrauchen. Was meinst Du? Wenn wir beispielsweise weniger Kaffee trinken und den dann im Eine-Welt-Laden kaufen würden? Dort ist er etwas teurer, aber die Kaffeebauern bekommen einen halbwegs fairen Preis für ihre Arbeit gezahlt und können ihre Kinder zu Schule schicken. Oder wenn wir weniger Fleisch essen und das dann lieber im Bioladen statt bei Lidl kaufen würden? Das wäre ein Beitrag zum Schutz der Tiere und der Menschen, die das Fleisch verarbeiten. Oder wenn wir nicht zuletzt etwas sein ließen, was uns an jedem Tag viel Zeit kostet, aber verzichtbar ist – und dafür uns Zeit zum Gebet oder zum Lesen in der Bibel nähmen? Wenn wir dann einen der guten Gedanken, die Gott uns dabei schenkt, anderen weitersagen würden? Wie würdest du ein solches Fasten beurteilen, Jesaja? Meinst Du nicht, das würde uns öffnen für Gott, anderen gut tun in ihrer Seele und einen winzig kleinen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit bei uns und in der Welt leisten? Würdest Du einem solchen Fasten auch Deine wunderbaren Worte schenken: Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen?
Jesaja, du Prophet Gottes, du kannst uns darauf keine Antwort geben. Aber ich ahne es ohnehin: Wir werden es nur herausfinden, wenn wir es tun! Wir werden es nur herausfinden, wenn wir uns auf ein solches Fasten einlassen. Ab Aschermittwoch haben wir die Gelegenheit dazu!
Amen.

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