Predigt zum Reformationstag 2020

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Predigt zum Reformationstag 2020

31.10.2020

zu Matthäus 10, 26b - 32; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
„Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen wegen deinem Mist!“, sagte eine Kirchenvorsteherin in meiner ersten Kirchgemeinde vor dem Gottesdienst zu mir. Der „Mist“ war, dass ich die Kirchenvorsteher gebeten hatte, zur Konfirmation ein Wort an die Konfirmanden zu richten. In diesem Jahr war es an ihr, dies zu tun.
Sich öffentlich zu äußern, das fiel damals allen meinen Kirchenvorstehern schwer. Auch den Lektorendienst mochte niemand übernehmen. Aber bei der Konfirmation hatte ich darauf bestanden, dass die Konfirmanden auch von jemandem zum Glauben ermutigt werden, der nicht dafür angestellt ist. Die Sorge, nicht die richtigen Worte zu finden und sich womöglich zu blamieren, hatte unsere Kirchenvorsteherin schlecht schlafen lassen. Es ist nicht für alle leicht, öffentlich zu reden. Es ist noch viel schwerer, sich in der Öffentlichkeit zu seinem Glauben zu bekennen. Ich erlebe es beispielsweise immer wieder, dass ich bei einer Trauerfeier am Grab das Vaterunser weitgehend allein laut bete, weil auch die Christen in der Trauergesellschaft zögern, laut mitzubeten.
Den Jüngern Jesu ging es offensichtlich nicht viel anders. Sie brauchten eine Ermutigung, wenn sie in Jesu Namen seine Botschaft von der nahen Herrschaft der Liebe Gottes verkündigen sollten. Denn auch sie wurden nicht überall freundlich aufgenommen. Aber dennoch sandte Jesus sie aus; dennoch ließ er sie überall in Israel predigen. Aber er gab ihnen dazu ermutigende Worte mit auf den Weg: „Fürchtet euch nicht vor den Menschen, die euch doch nicht wirklich etwas anhaben können. Schlimmstenfalls ist euer Leben bedroht. Aber das ewige Leben bei Gott, das kann euch kein Mensch nehmen. Das könnt ihr nur verlieren, wenn ihr euch aus Angst von Gott abwendet. – Nehmt doch mal die Sperlinge. Sie sind in unseren Augen nichts wert. Aber dennoch hat Gott jeden einzelnen von ihnen im Blick. Und Ihr seid doch viel mehr wert als die Sperlinge. Umso mehr dürft ihr darum darauf vertrauen, dass Gott euch erst Recht im Blick hat und seine Hand über euch hält.“ – Jesus hat seinen Jünger mit diesen Worten Mut gemacht. So viel Mut, dass sie unerschrocken zu predigen anfingen und sich mutig zu Jesus und seiner Botschaft bekannten.
Mit dem gleichen Mut hat Martin Luther heute vor 503 Jahren seine Thesen gegen den Ablasshandel der römischen Kirche an die Tür der Wittenberger Schlosskirche anheften lassen. Er wusste natürlich nicht, wie viel Feindschaft er sich zuziehen würde und welche Gefahren in den nächsten Jahren dadurch auf ihn zukom­men würden. Aber dass es sich um eine brisante Angelegenheit handeln würde, das wird ihm schon klar gewesen sein. Den glei­chen Mut hat Luther dann ja auch bewiesen, als er sich z.B. auf dem Reichstag in Worms 1521 vor Fürsten und Bischöfen uner­schrocken zu seiner Lehre von der geschenkten Liebe Gottes be­kannte und sich auch sonst nicht abbringen ließ von seinem Weg, weder durch Anfeindungen noch durch Gewaltandrohung. Bei al­len Anfechtungen, die auch Luther erlebte, und bei allen Zweifeln, von denen auch er nicht verschont blieb, hat Luther doch immer seine Kraft und seinen Mut aus seinem Glauben an Jesus Christus geschöpft. Dadurch konnte er so unbeirrt an seinen Überzeugun­gen festhalten. Es war ihm dabei übrigens immer ungeheuer wich­tig zu wissen: Ich bin getauft; ich bin dadurch ein Kind Gottes und geborgen in Gottes Hand.
Aus diesem festen Vertrauen auf Gott heraus hat Luther dann ja auch die Reform seiner Kirche vorangetrieben. Überall dort, wo die Fürsten es zuließen, wurden die evangelischen Neuerungen eingeführt. All diese Neuerungen standen im Zeichen der Freiheit. Wenn Gott uns liebt, ohne dass wir uns das verdienen könnten, wenn Gott uns seine Liebe schenkt, sagte Luther, dann sind wir als Christen frei. Dann darf die Kirche nicht so tun, als müssten wir uns diese Liebe erst verdienen. Darum schaffte er unter an­derem den Zwang zur Beichte und die Pflicht, den Gottesdienst zu besuchen ab. Christen sind freie Geschöpfe Gottes, so Luther. Da­rum sollen sie nicht aus Zwang, sondern freiwillig in die Kirche kommen.
Das Problem dabei war und ist allerdings, dass wir Menschen mit unserer Freiheit oft nicht verantwortungsvoll umgehen. Und so kam es schon zu Luthers Zeiten in Wittenberg dazu, dass die Wittenberger kaum noch in den Gottesdienst kamen. Luther war ziemlich entsetzt, dass die Freiheit des Christen so missbraucht wurde. – Das hat sich ja leider bis heute durchgehalten. Evange­lische Christen besuchen den Gottesdienst im Schnitt nur halb so oft wie katholische Christen ihre Messe. In Freibergs Partnerstadt Clausthal-Zellerfeld ist die eine katholische Messe besser besucht als zwei evangelische Gottesdienste in Clausthal und Zellerfeld zusammen, obwohl die Evangelischen eigentlich die Mehrheit sind.
Das ist die große Schattenseite der Reformation: Wir Evange­lischen verlassen uns allzu sehr auf die Gnade und Liebe Gottes. Dass es zum christlichen Glauben aber dazu gehört, den Glauben zu leben, sich zu Jesus Christus zu bekennen, dass es auch etwas kostet, zu Christus zu gehören und seinen Glauben zu leben, das vergessen Evangelische oft viel zu schnell. Und das ist ziemlich gefährlich. Denn Jesus hat ja zu seinen Jüngern und damit letztlich zu uns gesagt: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle“. Das ist ja keine leere Drohung. Es steckt ja sehr viel Wahrheit in diesem Wort. Denn wenn unser Glaube uns nicht wichtig ist, wenn wir ihn nicht leben, dann verlieren wir ihn und damit den Kontakt zu Gott, und dann gehen wir am Ende unseres Lebens unweigerlich verloren.
Dass Gott uns seine Liebe schenkt, ohne dass wir uns diese Liebe verdienen oder erkaufen müssten, das war die große Erkenntnis Martin Luthers und seiner Mitstreiter in der Reformationszeit. Aber leider haben viele diese Erkenntnis so miss­verstanden, als brauchte der Glaube dann gar keine Folgen mehr im Leben zu ha­ben. Vor diesem Irrtum wollen uns die Worte Jesu bewahren. Denn der Glaube will bekannt und gelebt sein. Das ist manchmal nicht einfach. Da muss man schon mal das Unverständnis seiner Freunde oder Kollegen ertragen oder sich am Sonntag beeilen, um sich rechtzeitig auf den Weg zu machen oder sich Zeit nehmen für ein ehrenamtliches Engagement, das aus dem Glauben erwächst. Aber die Erfahrung zeigt: gerade der gelebte, lebendige Glaube, der einen etwas kostet, der ist es, der ein Leben reich macht. Denn wenn wir uns unseren Glauben etwas kosten lassen, dann können wir auch spüren, welche Kraft in ihm steckt und wie wir getragen werden von Gott. Es ist mit dem Glauben nicht anders als mit den anderen Dingen im Leben: Nur, wo man etwas investiert – und damit meine ich nicht in erster Linie Geld – kann man etwas herausbekommen. Nur ein gelebter Glaube verbindet uns mit Gott. Diese Erfahrung hat uns heute Morgen hier zusammengeführt.
Gott schenkt uns seine Liebe völlig umsonst. Er stellt keine Vorbedingungen. Aber das Vertrauen darauf, der Glaube, kann gerade darum nicht ohne Folgen im Leben bleiben. Das ist manchmal schon eine große Herausforderung für uns. Aber wir sind damit ja nicht allein. Denn der Gott, der schon jeden Sperling im Auge hat, der kennt nach Jesu Worten jeden einzelnen von uns. Er begleitet unseren Weg, und er gibt uns Kraft und Mut, unseren Glauben zu bekennen und zu leben.
Mir wurde einmal die Geschichte von einem Mann erzählt, der hatte ein Kostenangebot angefordert. Sein Gegenüber schlug ihm vor, die Leistung ohne eine Rechnung zu erbringen, um so die Mehrwertsteuer und die anderen Abgaben einzusparen. Der Mann lehnte ab: „Tut mir leid; so etwas mache ich nicht. Ich bin Christ.“
Amen.

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