Predigt zum Ostermontag, 1. April 2024

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Predigt zum Ostermontag, 1. April 2024

06.04.2024

über 1. Korinther 15, 50 - 58; gehalten im Freiberger Dom von Dompfarrer Dr. Gunnar Wiegand

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

Ostermontag. Ich erinnere mich an meine Zeit in Italien. Da heißt Ostermontag „Pasquetta“ (kleines Osterfest). In Italien ist es üblich, dass sich Familien im Freien zum Picknick verabreden. In einem schönen Park. Irgendwo im Wald, auf einer Wiese, am Strand, in einem Gartenhaus, an einem See. Alle bringen was mit. Es wird fröhlich gegessen und gefeiert. Noch jetzt spüre ich den sanften Wind in den Olivenhainen. Es klingen immer noch die neapolitanischen Gesänge mit Tamburin. Noch immer rieche ich die Kohlenfeuer zum Rösten der Artischocken. Der Geschmack des selber gekelterten Weins im Landhaus meiner Freunde.

Heute ist Ostermontag. Ein Feiertag. Ein freier Tag. Schulferien. Zeit, die Seele Baumeln zu lassen. Zeit für Besuche. Zeit für einen Ausflug. Zeit für eine Wanderung. Zeit fürs Sporttreiben. Zeit für Hobbies. Zeit fürs Musikmachen, fürs Musikhören. Heute eine Kantate im Gottesdienst. Heute Nachmittag ein Orgelkonzert hier im Dom.

In der frühchristlichen Gemeinde von Korinth gab es offenbar sportbegeisterte Leute. Sie trieben sie selber Sport oder waren zumindest Zuschauer – so verbrachten Sie ihre freien Tage. Paulus setzt die Sportbegeisterung dieser Gemeinde für den heutigen Predigttext im 1. Korintherbrief im 15. Kapitel voraus. Das hat einen speziellen Hintergrund: In der Stadt am Isthmus gab es in der Antike ein ganz bedeutendes Sport- und Musikturnier, die Isthmischen Spiele. Dieses Ereignis gehörte zu ihrem Alltag. Aus der ganzen griechisch-römischen Welt strömten dazu die Leute zusammen.

(Friedrich Schiller hat diesen isthmischen Spielen ein kleines literarisches Denkmal gesetzt mit seiner Ballade Die Kranichen des Ibykus: Zum Kampf der Wagen und Gesänge, aus der Korinthos Landesenge, der Griechen Stämme, froh vereint, zog Ibykus der Götterfreund…)

Und immer am Beginn des Wettkampfs wurde ein Signal gegeben mit einer Salpinx, eine griechische Trompete. Dann ging es los… ein Wettlauf, ein Ringkampf, ein Musikstück.

Da spüre ich schier die eigenen Sportwettkämpfe in meiner eigenen Jugend. Diese Anspannung. Die Startklappe offen – auf die Plätze… die Klappe halboffen – fertig… die Klappe mit Knall zu – los… Acht Jungs, die um den Sieg losspurteten. Die genaue Einteilung der Kraftressourcen. Die psychische Taktik während des 100m-Laufs.

So einen Lauf, einen letzten Wettkampf um das Siegerpodest, hat nun Paulus bei den folgenden Sätzen vor Augen:

Predigttext: 1. Korinther 15, 50 - 58

Liebe Gemeinde,

was für ein Gedankengang. Ich fühle mich förmlich erschlagen und bin trotzdem fasziniert. Paulus will den Leuten Mut machen. Er will den Leuten zeigen: auch ihr werdet auferstehen. So wie ihr an Ostern die Auferstehung von Christus bekennt.

Heute also: die Auferstehung der Menschen. Die Auferstehung von Jesus – gestern so eindrücklich in der Osternacht und im Rundfunkgottesdienst gefeiert – der Hintergrund. Heute die Frage: was heißt eigentlich Auferstehung für einen jeden, eine jede von uns?

Auferstehung… gar nicht in Worte zu fassen „Mysterium – Geheimnis“ nennt sie Paulus. Verwandlung: Vergängliches wird unvergänglich. Sterbliches – unsterblich. Tod – Leben. Widersprüche. Gegensätzlichkeiten, die rational nicht erklärt werden können… genau wie bei Jesu Auferstehung. Unerklärlich und doch konsequent, notwendig. „Haltet am Glauben fest. Seid unerschütterlich!“ – schreibt Paulus den Korinthern.

Doch wie soll etwas Mut machen, das doch im ersten Moment so unverständlich daher kommt? Wie kann ich von diesem Gefühl wegkommen, von Paulus mit diesen komplexen Gedanken allein gelassen zu werden?

Mir hilft es, zum Wettkampf zurückzukommen. Paulus Gedankengang ist ja eingebettet wie in einen 100m-Lauf. Klar ist der Beginn: „Die Trompete wird erschallen“ – in anderen Worten „ Auf die Plätze… fertig… und los geht’s“. In der Ziellinie heißt es dann: „Gott sei Dank! Er schenkt uns den Sieg durch unseren Herrn Jesus Christus.“

Ich stelle mir vor: Ich höre innerlich dieses Trompeten-Signal – so wie früher die Startklappe beim Wettlauf. Es packt mich. Das Adrenalin in mir. Der Ehrgeiz, zu gewinnen. Es beflügelt. Es strengt an. Der andere überholt. Ich gebe noch mehr. Ich hole wieder auf. Der Adrenalinflow. Ich bin wie verwandelt. Mein normaler Körper, mein Couchpotato-Körper verwandelt sich in einen Supersprinter… (in Sonic the Hedgehog – würden die Kinder sagen. Ein Superigel, der plötzlich mit Überschallgeschwindigkeit dahinsausen kann)

Irgendwie finde ich es müßig, darüber nachzudenken, wie die Auferstehung an einem Jüngsten Tag wirklich passieren wird. Das hilft doch nicht wirklich weiter. Diese Gedanken verlieren sich im Spekulativen. Ich bin im Hier und Jetzt verortet, in der Wirklichkeit von naturwissenschaftlichen Gesetzen verhaftet. Über die Dinge nachzudenken, die sich sinnvollen Erklärungen entziehen, halte ich im wahrsten Sinn des Wortes für Un-sinn. Die Frage ist doch: Was bringt mir Paulus eigenartige Erklärung für mein Leben… jetzt?

Paulus sagt es eigentlich selber: „Glaubt“ und „Setzt euch mit aller Kraft für die Sache des Herrn ein! Ihr wisst ja: Was ihr für den Herrn tut, ist nicht vergeblich.“

In anderen Worten: Der Glaube beflügelt – so wie der Adrenalinflow bei einem Sportwettkampf. Der Glaube schenkt Kraft: Ich kann großartige Musik in einem Gottesdienst machen. Der Glaube gibt Kraft: Ich kann mich für Frieden einsetzen – „Der Friede sei mit Dir“ ist das Motto der heutigen Bach-Kantate. Der Glaube gibt Kraft: Ich kann auf meinen Gegner zugehen, ich kann verzeihen. Der Glaube gibt Kraft: Ich kann Jesu Botschaft, Jesu Auferstehung in meinem Umfeld bekennen. Ich kann Nächstenliebe üben. Ich kann ärmere Menschen unterstützen. Ich kann Anteil an ihrem Schicksal nehmen. Der Glaube gibt Kraft: Ich kann mein eigenes Schicksal – vielleicht von schmerzlichen Erfahrungen geprägt – annehmen und ertragen.  

Auferstehung kann also in jedem Moment passieren. Der Starttrompetenstoß ereignet sich in jedem Moment meines Lebens…

Als Menschen stehen wir immer in einem Dilemma: Paulus zeigt es scharfsinnig mit widersprüchlichen Wörtern auf.

- Wir sind vergänglich, Körper im Diesseits verhaftet, von Leid geplagt. In der Sünde verhaftet – schreibt der Apostel selber.

- Und gleichzeitig sind wir unvergänglich, frei, können immer den Trompetenstoß der Starttrompete wie bei einem Wettkampf hören. Wir können uns im Sinn des Evangeliums immer verändern. Auferstehung kann in jedem Moment passieren.

Heute ist Ostermontag. Heute ist ein Tag der Entspannung, der Muße. Heute erinnern wir daran, dass Jesu Auferstehung auch für alle Christinnen und Christen gilt. Bei aller Sportmetaphorik, bei allem Wettkampfvokabular dürfen wir aber nicht vergessen: der Glaube ist ein Geschenk. Die Veränderung des inneren Sinns durch die Auferstehung ist etwas, das nicht aus mir kommt. Es kommt aus dem Geschenk des Glaubens an Jesus Christus den Auferstandenen. Wir sind frei. Wir dürfen glauben und aus vollen Zügen diesen heutigen Feiertag genießen.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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