Predigt zum Letzten Sonntag nach Epiphanias, 31. Januar 2021

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Predigt zum Letzten Sonntag nach Epiphanias, 31. Januar 2021

31.01.2021

zu 2. Petrus 1, 16 - 19 (20 - 21); gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen, schreibt der Apostel. Der Brief trägt den Namen des Petrus. Er war der Jünger, den Jesus am See Genezareth berufen hat. Von Anfang an war er dabei, als Jesus durch das Land zog und das Evangelium verkündigte. Mit Jakobus und Johannes hat er jene Szene auf dem hohen Berg erlebt, als Mose und Elia ihnen erschienen und Jesus plötzlich aussah, als strahlte die Herrlichkeit Gottes von seinem Angesicht aus.
Nun war Petrus aber ein einfacher Fischer aus Galiläa. Seine Muttersprache war aramäisch. Vielleicht konnte er auch rudimentär Griechisch. Aber den 2. Petrusbrief konnte er jedenfalls nicht mit eigener Hand schreiben. Der Brief macht auch insgesamt den Eindruck, als sei er in einer Zeit geschrieben worden, als Petrus schon nicht mehr am Leben war. Hat da jemand einen Brief des Apostels gefälscht, um damit etwas von dem Ruhm des eigentlichen Petrus abzubekommen?
Zunächst einmal muss man wissen, dass es in der Antike durchaus üblich war, Schriften unter einem anderen Namen zu verfassen. Das wurde nicht als Fälschung angesehen. Im Gegenteil: Es war eher so etwas wie eine Ehrerbietung dem anderen gegenüber. Die Autoren, die unter einem Pseudonym schrieben, stellten sich ganz bewusst in die Tradition des anderen, folgten seinen Ideen und seinem Beispiel und nahmen ihre eigene Person zurück. In der jüngsten Zeit gibt es übrigens etwas Ähnliches. Der schwedische Schriftsteller David Lagercrantz hat die Reihe der Kriminalromane fortgesetzt, die Stieg Larsson wegen seines frühen Todes nicht mehr schreiben konnte. Er imitiert den Schreib- und Erzählstil; er verwendet dieselben Figuren. Heute steht auf den Büchern allerdings „nach Stieg Larsson“ und Lagercrantz wird als Autor aufgeführt.
Dass der Apostel unter dem Namen Petrus seinen Brief schreibt, hat aber auch noch einen tiefergehenden Grund. Dieser wird deutlich, wenn wir uns den Text einmal näher ansehen.
„Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt“, schreibt er. Eine Fabel, das ist eine Geschichte, die mit der Wahrheit nichts zu tun hat, so ausgeklügelt sie auch sein mag. So etwas kennen wir aus unserer heutigen Zeit auch. Die krudesten Verschwörungstheorien sind im Internet im Umlauf. Da gibt es die Theorie, ein Kinderschänderring verberge sich hinter der Demokratischen Partei und habe einen Staat im Staat gebildet. Donald Trump wurde von diesen Menschen als der Heilsbringer angesehen, weil er diesen Staat im Staat zerschlagen würde.
In der Antike gab es ein Narrativ, das die Wahrheit des Evangeliums verzerrte. Es ging davon aus, dass aus dem Himmel göttliche Lichtfunken auf die Erde herabgefallen seien und in der Materie, sprich in menschlichen Körpern, gefangen seien. Christus wurde von den Anhängern dieser Erzählung als der gesehen, der den Menschen die Erkenntnis davon gibt. Wenn sie erkennen, dass sie eigentlich in den Himmel gehören und der Körper nur ein Gefängnis ist, hat die Erlösung begonnen.
Vielleicht wendet sich der Apostel gegen diese Verfälschung der Wahrheit. Er hält fest daran, dass Jesus kein Lichtwesen war, sondern dass Gott in ihm als ein Mensch aus Fleisch und Blut unter uns war. Er hält daran fest, dass sich die Erlösung nicht durch unsere eigene Weisheit und Erkenntnis vollzieht, sondern dass wir durch die Begegnung mit Jesus Christus erlöst werden – am Ende unserer oder aller Zeiten.
Vielleicht wendet er sich aber auch gegen den Vorwurf, das Evangelium oder wenigstens seine Verkündigung sei eine ausgeklügelte Fabel. Auch so etwas kennen wir ja heute auch. Dass der christliche Glaube der Märchenwelt früherer Zeiten zuzurechnen ist, finden ja manche unserer Zeitgenossen. Sie folgen lieber der nicht weniger ausgeklügelten Fabel, dass die Wirklichkeit mit den Sinnen und dem Verstand eines Menschen erfasst werden könnte.
Was auch immer im Hintergrund steht: Der Apostel beruft sich darauf, es mit eigenen Augen gesehen zu haben, dass Jesus verklärt wurde. Er will die Stimme Gottes gehört zu haben, die gesagt hat: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Nun hat er es aber doch gar nicht mit eigenen Augen gesehen und eigenen Ohren gehört! Schreibt er da die Unwahrheit?
Nein, überhaupt nicht! Er gibt uns vielmehr einen ganz tiefen Einblick in das, was die Heilige Schrift wirklich ist. Die Bibel ist ja viel mehr als nur ein antikes Buch. Das ist sie natürlich auch. Menschen haben sie geschrieben auf Pergament oder Papyros mit den antiken Schreibwerkzeugen und der Tinte, die damals zur Verfügung stand. Die Bibel Alten und Neuen Testaments ist nicht vom Himmel gefallen. Aber diese Menschen haben aus der Tiefe ihres Herzens geschrieben. Die Erfahrungen mit Gott, die sie zutiefst bewegt haben, haben in den Schriften der Bibel Niederschlag gefunden. Inspiriert vom Heiligen Geist haben Menschen sich berufen gefühlt, die Wahrheit des Evangeliums aufzuschreiben und sie so an andere Menschen und spätere Generationen weiterzugeben.
Von der Seite der Leser her ist aber Gottes Geist nicht weniger im Spiel. Ein Wort, das ich in der Bibel lese, kann als solches völlig bedeutungslos für mich bleiben. Ich habe mal eine Frau in einem Glaubenskurs erlebt, die wollte der Wahrheit des Evangeliums wirklich auf den Grund gehen. Aber sie musste am Ende feststellen, dass es ihr nichts sagte. Sie wurde davon nicht erreicht. – Im gleichen Kurs saß aber eine Frau, mit der ich kürzlich telefoniert habe. Sie erzählte mir, dass die Geschichte vom verlorenen Sohn sie so angesprochen hatte, dass sie tatsächlich zum Glauben zurückgefunden hat. So unterschiedlich ist es. Sie hat es erlebt, dass ein biblischer Text unmittelbar zu Herzen geht, unmittelbar zu uns spricht. Dass uns tatsächlich im Leben der Schrift ein Licht aufgeht. Darum schreibt der Apostel von dem „Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.“
Ich erlebe das als Prediger auch immer wieder. In der Predigtvorbereitung sprechen Texte plötzlich zu mir. Mir kommt ein Gedanke, von dem ich weiß, dass ich über ihn predigen werde. Das ist mehr als nur ein kreativer Prozess. Ich empfinde es jedenfalls für mich nicht selten so, dass ich der erste Hörer des Wortes bin. Der Text spricht zu mir und ich gebe lediglich mit meinen dünnen Worten weiter, was der Text mir gesagt hat.
Was bedeutet das für uns in einer Zeit, wo einerseits die Wahrheit des Evangeliums und andererseits die sichtbare Wirklichkeit immer mehr in Frage gestellt werden?
Die Wahrheit des Evangeliums ist zunächst einmal immer die Wahrheit, die mir zur Wahrheit wird. Ob Christus wirklich der Sohn Gottes ist, entscheidet sich für jeden einzelnen daran, ob die Wahrheit der Schrift ihn oder sie anspricht – oder auch nicht. Wenn sie es aber tut, dann erweist sich Jesus Christus einem Menschen als der Lebendige, als der Sohn Gottes – jedem Einzelnen von uns. Dann offenbart er sich uns, als wären wir mit den Aposteln auf dem Berg und könnten in Jesu strahlendes Angesicht sehen. Dann ist es, als wären wir selbst dabei gewesen. Insofern ist es gut und wichtig, immer wieder auf Gottes Wort zu hören, Texte der Bibel zu lesen, über diese Texte mit anderen ins Gespräch zu kommen – wie es in Bibelkreisen, Hauskreisen und Gottesdiensten ja auch immer wieder geschieht. So kann Gottes Wort für uns lebendig werden. So kann Christus für uns lebendig werden.
Wer die Wahrheit des Evangeliums erfahren hat, der sollte dann auch immun sein gegen die Versuchung, den ausgeklügelten Fabeln unserer Zeit zu folgen. Corona wurde nicht erfunden, um die Menschen zu knechten oder um Bill Gates die Möglichkeit zu geben, uns durch eine Impfung geistig zu versklaven. Vor solchem Unsinn bewahrt uns die eigentliche Wahrheit, die des Evangeliums. Das Evangelium erzählt uns zwar auch von einer anderen Wirklichkeit. Aber diese Wirklichkeit ist die unseres Gottes. Er hat sich nicht gegen uns verschworen, sondern er schenkt uns das Heil. Darum erschien Jesus in dieser Welt, sein lieber Sohn, an dem er Wohlgefallen hatte.
Amen.

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