Predigt zum Kirchweihsonntag, 7. November 2021

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Predigt zum Kirchweihsonntag, 7. November 2021

07.11.2021

zu Lukas 19, 1 - 10; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
wie merkwürdig! Da feiern wir heute das Kirchweihfest und dann ist das Evangelium eine Geschichte, in der gar keine Kirche vorkommt. Nicht einmal der Tempel in Jerusalem oder die Synagoge in Nazareth kommen vor. Wo liegt denn da der Zusammenhang mit dem Kirchweihfest? Heute wollen wir uns doch darüber freuen, dass unsere Kleinwaltersdorfer Kirche/unser Dom St. Marien zu Freiberg gebaut und dann zur Nutzung als Gotteshaus geweiht worden ist!
Auf den ersten Blick gibt es keinen Zusammenhang. Aber wenn man sich die Geschichte einmal näher ansieht, merkt man doch, dass uns die Zachäusgeschichte einiges zu sagen hat:
Zachäus hat sich zunächst einmal auf den Weg zu Jesus gemacht. Er hat gehört, dass Jesus in die Stadt kommt und will ihn sehen. Er wendet dafür auch ziemlich viel Einfallsreichtum auf. Er macht sich die Mühe, auf einen Baum zu klettern. Nur so kann er als kleiner Mann Jesus sehen – und dann Jesus umgekehrt auch ihn.
Da haben wir schon das Erste, was uns heute am Kirchweihfest wichtig werden kann: Was nützt die schönste Kirche oder der schönste Dom, wenn keiner hingeht? Ich habe es in meinem Pfarrerleben noch nicht erlebt, dass tatsächlich niemand kam. Aber mit insgesamt vier Menschen einschließlich Pfarrer und Organist habe ich schon Gottesdienst gefeiert; nicht hier, aber in anderen Orten. Das macht keine Freude. Da wird dann ein Gotteshaus eher zu einem Friedhof des Glaubens. Wie gut, dass wir hier eine Gemeinde haben, die das in ihrem Kern anders lebt. Hier versammelt sich sonntags eine Gemeinde, die hierher gekommen ist, um Gott zu loben und ihm zu danken, die auf Gottes Wort hört, die das Abendmahl miteinander feiert. Dadurch wird unsere Kirche/unser Dom erst zu einem Gotteshaus. Erst dadurch bekommt es auch für unsere Zeit einen Sinn, dass die Kirche/der Dom nach dem Bau zur gottesdienstlichen Nutzung geweiht worden ist.
Jesus sieht dann Zachäus auf dem Baum sitzen. Er erkennt, dass hinter seiner Neugierde auch eine erhebliche seelische Not steckt. Zachäus wollte sich als kleiner Mann nicht mehr belächeln lassen und ist in den Dienst der Römer getreten. Aber diese Arbeit hat ihn sehr einsam gemacht. Niemand will etwas mit ihm zu tun haben. Außerdem belastet sie sein Gewissen. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, mehr als eigentlich vorgesehen als Zoll von den Menschen einzufordern. All das kann Jesus ihm offenbar abspüren. So lädt er sich zum Essen bei Zachäus ein. Zachäus wiederum nimmt Jesus nur allzu gern zu sich mit nach Hause. Seit der für die Römer arbeitet, hat er keinen Gast außerhalb des Kollegenkreises mehr gehabt.
Auch das können wir uns zum Kirchweihfest mitnehmen: Es kommt darauf an, Jesus bei sich hereinzulassen. Neulich habe ich (hier) im Dom etwas sehr Seltsames erlebt. Während des Gottesdienstes drückten sich ständig Touristen an der Glasscheibe des Windfangs die Nasen platt. Sie wollten den Gottesdienst nicht mitfeiern, konnten aber auch nicht respektieren, dass sie in dem Fall besser draußen geblieben wären. Als ich dann aber am Ende des Gottesdienstes die Hände zum Segen erhob, flüchteten sie geradezu. Mit Gott und seinem Segen wollten sie nichts zu tun haben. Es reicht also nicht, ein Gotteshaus zu betreten und die in seinem Namen versammelte Gemeinde zu sehen. Man muss Jesus wie Zachäus zu sich mit nach Hause nehmen, ihn also in sein Herz einlassen, den Gottesdienst von ganzem Herzen mitfeiern. Dann kann eine Kirche zu einem Gotteshaus werden, zu einem Ort der Begegnung mit Jesus Christus. Sonst bleibt sie ein Museum.
Dann sitzt Jesus bei Zachäus zu Hause bei ihm und mit ihm am Tisch und isst mit ihm. Zusammen zu essen ist ja etwas, was einen zutiefst verbinden kann. Zachäus ist offenbar so berührt davon, dass diese Erfahrung sein Leben grundlegend ändert. Er verspricht, das zu Unrecht Erhaltene wieder zurückzugeben. Er verspricht zudem, die Armen an seinem Wohlstand teilhaben zu lassen. Die Begegnung mit Jesus Christus hat sein Leben verändert. Sein Haus ist so zu einem Gotteshaus geworden.
Das ist auch ein wichtiger Aspekt des Kirchweihfestes. Eine Kirche ist kein Gotteshaus, weil sie einen Altar und eine Kanzel, einen Kirchturm und Glocken hat. Ein Gotteshaus ist ein Gebäude, in dem sich die Gemeinde Jesu Christi unter dem Wort und zur Feier des Sakraments versammelt. Ein Gotteshaus ist ein Gebäude, in dem die Gemeinde Jesu ihrem Herrn begegnet. Das kann ein Speisezimmer im Haus eines Zöllners sein. Das kann der Saal im Bürgerhaus (Kleinwaltersdorf) sein. Das kann auch ein Ort unter freiem Himmel sein, wenn sich die Gemeinde dort gut versammeln kann. In meiner ersten Pfarrstelle haben wir uns am Himmelfahrtstag immer aus der ganzen Region auf einem Berg getroffen und dort miteinander Gottesdienst gefeiert. Der Ort der Anbetung muss also nicht eine geweihte Kirche sein.
Eine geweihte Kirche hat aber große Vorteile gegenüber anderen Räumen. Denn gerade bei alten Kirchen predigen ja oft schon die Ausstattungsgegenstände das Evangelium und man spürt, dass über Jahrhunderte hier Menschen gebetet und auf Gottes Wort gehört haben. (Hier) Im Dom ist das ja in einer ganz besonderen Weise der Fall. Die Goldene Pforte erzählt uns die ganze Heilsgeschichte bis hin zu Gottes Erbarmen über alle Seelen am jüngsten Tag. Die Bergmannskanzel erzählt uns von dem Leiden und Sterben Jesu, dass dann zu unserem Heil in die Auferstehung einmündete. Die Triumphkreuzgruppe macht in ähnlicher Weise deutlich, dass von dem Kreuz Jesu Segen ausgeht. Das Altarbild erinnert uns daran, dass wir mit Christus am Tisch sitzen, wenn wir das Abendmahl miteinander feiern. Die Größe einer spätgotischen Halle allein schon hat etwas Himmlisches an sich. So sind Kirchen – von Dorfkirchen bis hin zu den Domen – schon in besonderer Weise geeignet, in ihnen Gott zu begegnen. Aber dazu braucht es dennoch eine Gemeinde, die sich dieser Begegnung öffnet und aus vollem Herzen Gott lobt und preist. Die Gemeinde, die sich zum Gottesdienst versammelt, macht ein Gebäude zu einem Gotteshaus.
Aber woran kann man ablesen, dass es in einer Kirche oder einem anderen Ort des Gottesdienstes zu einer Gottesbegegnung gekommen ist? Nebenbei: Vielleicht sind sogar die flüchtenden Touristen am Ende doch Gott begegnet – allerdings anscheinend eher in ihrem Erschrecken, dass sie der Heiligkeit Gottes ausgesetzt sein sollten; darauf waren sie nicht vorbereitet. Aber wie ist es mit uns? Ist es ein Unterschied, ob wir heute hier Gottesdienst feiern oder zu Hause geblieben sind?
Bei Zachäus jedenfalls verändert sich etwas. Jesus ist nicht nur bei ihm Zuhause, sondern auch in seinem Herzen eingekehrt. Da kann das Leben des Zachäus nicht so bleiben, wie es bisher war. Er bereut seine Sünde. Er gibt das den Menschen abgepresste Geld zurück und verschenkt seinen Wohlstand an die Armen. Sein Leben ist in der Begegnung mit Jesus Christus neu geworden.
Wie ist es mit uns? Mündet der Gottesdienst am Sonntag in einem Gotteshaus in einen Gottesdienst im Alltag zu Hause oder am Arbeitsplatz ein? Wenn wir wirklich Jesus Christus begegnet sind, kann es eigentlich nicht anders sein. Nun werden die wenigsten von uns wie der Zöllner Zachäus ein Unrecht wiedergutmachen müssen. Aber wie Zachäus etwas von unserem Wohlstand abzugeben, das ist schon vielen möglich – und sie tun es auch. Im Odenwald lebt beispielsweise ein Gönner unserer Gemeinde, der in jedem Jahr 2000 Euro an uns überweist. Nachdem ich vor einiger Zeit im Gottesdienst zu Spenden für ein Solarprojekt in Kamerun aufgerufen hatte, spendete eine Frau 1000 Euro. Wer sich regelmäßig im Gottesdienst von Gott ansprechen lässt, der wird gar nicht anders können, als etwas von der unendlichen Liebe Gottes weiterzugeben – sicherlich nicht nur in der Form von Spenden, aber auch in dieser Form.
So kommt in der Geschichte von Zachäus dann doch viel vor, was uns zur Kirchweih wichtig wird. Jesus hat den Speisesaal des Zachäus zum Gotteshaus werden lassen. Wie dem Zachäus schenkt er es uns hier in dieser Kirche, dass wir ihm begegnen und unser Leben dadurch neu wird. Wie schön ist es darum, dass wir dieses Gotteshaus von unseren Vorfahren ererbt haben und an unsere Nachkommen weitergeben können.
Amen.

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