Predigt zum Kirchweihgottesdienst am 1. November 2020

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Predigt zum Kirchweihgottesdienst am 1. November 2020

01.11.2020

zu Offenbarung 21, 1 - 5a; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
lodernde Flammen schlugen aus dem Dachstuhl. Es war ein Inferno; ein schreckenerregendes Ereignis. Dutzende Feuerwehrleute waren im März letzten Jahres nötig, um am Ende der Nacht endlich das Feuer unter Kontrolle zu haben. Sie hatten dennoch nicht verhindern können, dass die Nachbarhäuser in Mitleidenschaft gezogen worden waren.
Wer das miterlebt hat, kann sich vorstellen, dass sich ein Brand 1484 so ausgebreitet hat, dass er mit den damaligen Möglichkeiten nicht mehr unter Kontrolle zu bringen war. Die Stadt brannte weitgehend ab. Leider wurde auch die damals noch nicht so lange zur Domkirche erhobene Marienkirche ein Opfer der Flammen. Nur die Kreuzigungsgruppe auf dem Lettner und die Goldene Pforte blieben verschont.
Wenn man sich vor Augen führt, welche Probleme wir heute mit Großbauwerken haben, kann man sich nur wundern, in wie kurzer Zeit der Dom damals wiederaufgebaut wurde. Die Freiberger haben damals den Schock schnell verarbeitet und sich an den Wiederaufbau der Stadt und des Doms gemacht. Wenn man bedenkt, was der Bau einer so großen Kirche damals bedeutet hat, kann man nur staunen. Es wurden ja Handwerker, Steine, Holz, Bleche auch für die Wohnhäuser benötigt. Es war ja nicht nur der Dom abgebrannt. Aber der hatte offenbar Priorität. Während wir heute alles tun, um die Wirtschaft in dieser Krise nicht zu gefährden, hatte damals der Dom offenbar Vorrang. Schon 1501, also nur sieben Jahre später und damit schneller als man in Berlin brauchte, um die Mängel vor allem der Brandschutzanlage zu beseitigen, war der Dom fertig und konnte wieder geweiht werden. Man mag sich fragen, woher unsere Vorfahren damals die Entschlossenheit und den Willen nahmen, in so kurzer Zeit diesen Dom aufzubauen. Dabei war es strenggenommen gar kein Wiederaufbau, denn die Pläne für einen spätgotischen Bau hatte man ja auch nicht in der Schublade.
Ein Grund wird sicher sein, dass sich eine Kirche wie unser Dom natürlich auch gut dazu eignet, sich selbst ein Denkmal zu setzen. Man wollte sicherlich auch zeigen, wozu die Stadt Freiberg in der Lage ist und dass sie sich nicht von einer Feuersbrunst lähmen lässt. Aber das ist nicht das Entscheidende. In erster Linie haben die Generationen vor uns den Bau und dann den Wiederaufbau und natürlich auch immer die Erhaltung der Marienkirche und später dann des Doms St. Marien betrieben, weil sie einen Raum haben wollten, in dem sich die Christen des Dombezirks zur Feier des Gottesdienstes versammeln konnten. Hier ist der Raum zum Beten; der Raum, in dem Gottes Wort verkündigt wird; der Raum, in dem sich die Gemeinde versammelt um den Tisch des Herrn und das Abendmahl feiert. In besonderer Weise war und ist unser Dom ein Raum, in dem sich die christliche Gemeinde Gott nahe weiß. Solange der erste Himmel und die erste Erde noch nicht vergangen sind; solange Gott noch nicht so sichtbar unter uns wohnt; wie es der Seher Johannes angekündigt hat, so lange brauchen Christen ein Gotteshaus. Wenn wir hier zusammen kommen, ist der Dom in vorläufiger Weise „die Hütte Gottes bei den Menschen“. Und das ist wohl der entscheidende Grund dafür, dass so viel Mühe und Zeit in unsere Kirche geflossen sind: zu ihrem Bau, Wiederaufbau und immer wieder zu ihrer Erhaltung.
Man mag sich fragen; warum gerade eine Kirche? Christen kön­nen sich doch auch an anderen Orten versammeln. Und sie tun es ja auch. Nicht nur in einem Gottesdienstraum, wie wir ihn hier mit unserem wunderbaren Dom haben. Bis zur Corona-Schließung haben sich vor allem aus Afrika stammende Christen im Domgemeindehaus im dortigen Gemeinderaum getroffen; aktuell feiern sie ihre Gottesdienste im Internet – wie wir es ja auch eine zeitlang getan haben. Den letzten Berggottesdienst haben wir auf dem Obermarkt gefeiert. Man kann Gott auch sehr nahe sein an anderen Orten; auch außerhalb einer Kirche. – Aber es gibt eben doch die Erfahrung, dass wir in einer Kirche anders empfinden. Kaum jemand möchte darum in einem Gemeinderaum heiraten oder eine Taufe feiern.
Ich denke, das liegt daran, dass wir in einer Kirche durch die Größe und Schönheit des Raumes daran erinnert werden, dass es etwas Größeres und Prächtigeres gibt als uns Menschen und unseren Alltag. Eine Kirche wie unser Dom kann uns ohne Worte auf Gott und die Gemeinschaft mit ihm hinweisen. Man braucht einfach nur den Säulen mit den Blicken zu folgen. Sie weisen zum Himmel, zu dem himmlischen Garten, der im Gewölbe mit seinen floralen Mustern abgebildet ist. Ein Gebäude wie unser Dom erinnert daran, dass es mehr gibt als unseren Alltag, mehr als das, was wir sehen können. In einer Kirche wie unseren Dom lässt es sich einfacher als anderswo spüren, dass Gott in einer unvorstellbaren Herrlichkeit lebt und dass er gleichzeitig den Menschen nahe kommen will, die sich hier zum Gebet und zum Hören auf das Wort versammeln. Das ist wohl die Faszination, die gerade eine Kirche wie unser Dom hier auf Menschen ausübt. Selbst die, die vom Glauben nichts wissen, verspüren etwas davon.
Nicht alle Kirchen predigen allerdings durch ihre Schönheit und Herrlichkeit. Es gibt ja auch Kirchen, die sehr angegriffen oder gar verfallen sind, weil es keine Gemeinde mehr gibt, die sie er­halten kann oder will – oder keinen Förderverein, wie wir für den Dom ja jetzt einen ins Leben gerufen haben. Allerdings predigt auch eine renovierungsbedürftige oder gar verfallene Kirche durch ihr Inneres und Äußeres. Es ist bei einer solchen Kirche nicht unbedingt eine Predigt von der Herrlichkeit der neuen und ewigen Welt Gottes. Es ist eher eine Predigt über die Vergänglichkeit dieser alten Welt. „Die erste Erde wird vergehen“, heißt es in der Offenbarung. Alles Lebendige auf dieser Welt muss vergehen, und alles Leblose muss verfallen. Alles ist endlich auf dieser Welt, auch diese Welt selbst.
Auch an unserem Dom wird dies sichtbar. Dass die letzte in den 60er Jahren geschehen ist, sieht man deutlich. Aber das hat dann auch sein Gutes: Die abblätternde Farbe im Sockelbereich erinnert uns daran, wie vergänglich alles Irdische ist, wie vergänglich damit auch wir Menschen sind, wenn wir denn keinen Bezug zu dem lebendigen Gott und zu seiner Ewigkeit haben.
Das gilt übrigens auch für unseren Gottesdienst. Auch unser Gottesdienst hier im Dom ist etwas Vergängliches. Auch unsere Gemeinschaft mit Jesus Christus hier im Gottesdienst und in unseren anderen Versammlungen ist etwas Vorläufiges. Wir wissen nicht, ob sich in fünfhundert Jahren hier noch Menschen zum Gotteslob versammeln werden. Spätestens mit dem Ende dieser Zeit und dieser Welt aber werden nicht nur der Dom, sondern auch der Gottesdienst in ihm vergehen. Denn alles in dieser Welt ist vergänglich, wie der Seher Johannes es beschreibt.
Für uns Christen liegt darin aber eine große Hoffnung. In der Offenbarung des Johannes lesen wir davon, dass die Endlichkeit dieser Welt einmal überwunden wird. Diese Welt selbst wird erneuert werden von dem Herrn, unserem Gott. Gott wird eine neue Welt schaffen, in der es weder Verfall noch Tod geben wird. Alle Tränen werden abgewischt werden und der Tod wird nicht mehr sein. Gott wird eine Welt ins Leben rufen, in der alles neu und unvergänglich sein wird.
In dieser neuen Welt Gottes wird auch unser Gottesdienst ein ganz neuer sein. Denn wir werden Gott in all seiner Herrlichkeit von Angesicht zu Angesicht sehen können. Wie es bei dem Seher Johannes heißt: „Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.“ Zu diesem Gottesdienst werden wir dann natürlich auch keine Kirchen mehr brauchen. Denn unser Gottesdienst wird nicht mehr an Raum oder Zeit gebunden sein. In Ewigkeit werden wir in der unmittelbaren Gemeinschaft mit Jesus Christus leben.
Gott will eine neue Welt schaffen; eine unvergängliche Welt, in der wir keine Kirchen mehr brauchen werden. Aber solange diese alte und vergängliche Welt noch besteht, dürfen wir dankbar sein, dass wir Kirchen haben und sind wir gerufen sie zu erhalten. Denn gerade in ihnen kann man etwas von der Herrlichkeit der künftigen Welt Gottes zu spüren bekommen, und in ihnen ist Gott schon jetzt mitten unter uns, wenn wir miteinander Gottesdienst feiern.
Amen. 

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