Predigt zum Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres, 8. November 2020

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Predigt zum Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres, 8. November 2020

09.11.2020

zu Jeremia, Kapitel 29 (Predigttest vom 21. Sonntag nach Trinitatis); gehalten von Prädikant Michael Steeger

Der Predigttext für diesen Gottesdienst steht im Propheten Jeremia im 29. Kapitel:
Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte: So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl. Denn so spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Lasst euch durch die Propheten, die bei euch sind, und durch die Wahrsager nicht betrügen, und hört nicht auf die Träume, die sie träumen! Denn sie weissagen euch Lüge in meinem Namen. Ich habe sie nicht gesandt, spricht der HERR. Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.

Liebe Gemeinde,
es sind schwierige Zeiten, in die hinein Jeremia seinen Brief schreibt. Es ist die wohl kritischste Situation, die das Volk Gottes bis dahin erlebt hat. Das Volk war zerrissen: innerlich und äußerlich. Es gab die, die noch in und um Jerusalem lebten und die, die man ins ferne Babylon gebracht hatte. Verlierer waren sie alle. In dieser Situation erreicht der Brief die Menschen, die als Gefangene im fernen Babylon lebten.
Sie hatten alles verloren, an das sie glaubten, ihr Fundament war nicht nur ins Wanken gekommen: es war zerbrochen. Sie hatten kein Land mehr zum Leben, keinen Tempel mehr für die Verbindung hin zu Gott und wahrscheinlich war für sie auch Gott nicht mehr spürbar. So musste dieser Brief wohl eine Zumutung für sie sein: Da ist die Aufforderung Gottes, die Jeremia ausrichtet: Seid dort zuhause wo ihr jetzt seid. Gestaltet euer Leben dort nicht auf Abruf. Und: Nehmt Verantwortung wahr, für die fremde Welt, in der ihr jetzt gerade lebt. Wie sollen sie das machen ohne Land und ohne Tempel und ohne Gott?
Das ist 2.500 Jahre her, alte Geschichten eben.
Aber: Der Brief des Jeremia scheint mir – vielleicht ist er ja deshalb so eine Art offener Brief – etwas von der Spannung aufzuzeigen, in der gläubige Menschen schon immer gelebt haben und es vielleicht heute noch tun.
An drei Gedanken will ich die Aktualität dieses Briefes spürbar machen.

Leben im Hier und Jetzt – von Gott gewollt
Gläubige Menschen sind keine fromme, aber weltferne Elite. Gott stellt uns in diese Welt hinein. Baut Häuser. Gründet Familien. Pflanzt Gärten. Lebt dort, wo ihr jetzt seid. Wer Häuser baut, wer Familie gründet, der macht das in aller Regel nicht, weil er beim Beginn schon das Ende plant. Wer baut, hat Hoffnung für sich und über sich hinaus und zwar auch und gerade in unsicheren Zeiten. Wir leben momentan nicht in einfachen Zeiten und mancher kann und mag im Moment auch nicht fröhlich leben. Aber hindern uns schwierige Zeiten wirklich daran, zuversichtlich zu leben? Vielleicht braucht es gerade diese alte Geschichte, die uns sagt: Wenn Gott euch in dieser Zeit hierher gestellt hat, dann schenkt er auch die Basis zum Leben und dann sollt ihr das auch: zuversichtlich leben.
Und dann: Suchet der Stadt Bestes! Damals in Babel war das Verhältnis zwischen den gläubigen Menschen und der Stadt als Machtzentrum kein entspanntes. Und dennoch dieser Satz, sollte uns das nicht zu denken geben? Suchet der Stadt Bestes heißt eben nicht: Was haben wir mit Politik und Wirtschaft zu tun? Mit denen da oben? Nein: Bis heute haben Christen und hat Kirche eine Verantwortung für und in der Gesellschaft und zwar nicht, weil sie das besser könnten, sondern weil Gott sie beauftragt.
Suchet der Stadt Bestes heißt aber auch nicht: Alles ist gut, denn dann müsste man nicht suchen. Sich als Christ um eine Gesellschaft zu kümmern, kann anstrengend sein, das aber mutet Gott uns zu. Eines scheint dem Jeremia dabei besonders wichtig zu sein: Betet für die Stadt und wohl auch für ihre Verantwortungsträger. Wie wichtig ihm das ist, lässt sich auch deshalb erahnen, weil das Alte Testament nur wenige Stellen kennt, in denen ein ganzes Volk aufgefordert wurde zu beten. Beten wir in dieser angespannten Zeit für die Menschen, die Verantwortung tragen? Auch konstruktive Kritik – die durchaus angebracht ist – ersetzt beten nicht. Das Beten bringt uns zum zweiten Gedanken:

Gelebte Verantwortung – von Gott gesegnet
Wenn es der Stadt wohl geht, so geht es auch euch wohl. Kann man sich darauf wirklich verlassen? Vielleicht geht es Ihnen so, wie es mir zunächst ging: Sie haben ans Geld gedacht, an Steuern und an das, was wir dafür bekommen. Und haben dann abgewogen und sich die Frage gestellt: Rechnet sich das? Aber hier geht es nicht zuerst ums Geld. Dort wo Luther vom Wohlergehen spricht, steht eigentlich etwas von Heil und Frieden – von Shalom. Es ging dem Jeremia nicht darum, dass es den Menschen im fernen Babel doch irgendwie gut geht und sie in der schwierigen Situation zurechtkommen. Nein, hier geht es um deutlich mehr. Jeremia verbindet das Heil für die Stadt Babel mit dem Heil für sein Volk. Und da wird ein Stück vom Geheimnis des Handelns Gottes spürbar. Wenn gläubige Menschen, wenn Christen, wenn wir als Kirche in unseren Städten und in unserem Land unseren Glauben leben, dann kann das für ein Land ganz ungeahnte Wirkungen haben. Es ist mehr als eine historische Randnotiz, dass vieles, was uns heute als Gesellschaft gut tut, seine Wurzeln darin hat, dass man über Jahrhunderte von Europa als dem christlichen Abendland sprechen konnte und man darf auch daran erinnern, dass es Gebete waren, die die Grundlage dafür gelegt haben, dass wir vor wenigen Wochen 30 Jahre deutsche Einheit feiern konnten. Gott steht zu seiner Verheißung. Kann es nicht sein, dass dieser alte Text uns auch ein Stück daran erinnert, unsere Aufgabe als Christen und als Kirche ernst zu nehmen? Wir werden nicht deshalb als Kirche wirksam, weil wir trotz historischer und alter Gebäude moderne Strukturen haben, sondern weil wir eine alte Botschaft in einer modernen Zeit leben.
Jeremia bleibt nicht bei dem Engagement gläubiger Menschen stehen, deshalb ein Drittes:

Weil unser Handeln an Grenzen kommt, handelt Gott
Wir lesen: Ich weiß, was ich für Gedanken habe, sagt Gott: Ich gebe euch wieder Zukunft und Hoffnung. Christen stehen mit beiden Füßen in dieser Welt und sie leiden mit dieser Welt unter den Schwierigkeiten und den unbeantworteten Fragen. Lebt, wo ihr jetzt seid und tut, was ihr könnt, sagt uns unser Text. Aber erwartet eure Zukunft von Gott. Christen tun in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, was sie können und da wird es immer Dinge geben, bei denen werden wir schuldig, wenn wir sie tun und schuldig, wenn wir sie nicht tun: die letzte Wahrheit aber liegt nicht in unserer Hand.
Wir haben als Kirche im April festgestellt und darunter gelitten, dass wir als Kirche offenbar nicht systemrelevant waren und es auch heute nicht sind. Darum geht es auch nicht. Unser Glaube war noch nie systemrelevant. Aber unsere Botschaft, die ist mehr: Sie ist existenzrelevant fürs Leben, weil sie vom Heil spricht, das Gott in Jesus Christus schenkt, zu jeder Zeit auch in einer Krise.
Wenn Gott seinem Volk zusagt: Ich gebe euch wieder Zukunft und Hoffnung, dann wird dies deutlich: Unsere Zukunft und Hoffnung hängt zum Schluss nicht an den Entscheidungen der Verantwortungsträger in unserer Stadt oder in unserem Land, aber auch nicht an uns. Unsere Hoffnung hat ihre Grundlage auch nicht in den Erklärungen von Virologen und Ärzten. Sie mögen uns auf dem Weg aus der Krise wohl begleiten können, wahrscheinlich sogar müssen. Das Fundament, das uns am Ende trägt, ist die Botschaft, dass Gott es ist, der uns Zukunft und Hoffnung gibt. Es mag sein, dass uns das nicht alle Sorgen und Ängste nimmt. Es werden Fragen bleiben, die wir nicht beantworten können. Es bleiben Unsicherheiten, die unsere Generation so noch nicht gekannt hat. Das auszuhalten, ist nicht einfach. Deshalb ist es wichtig, über alle Unwägbarkeiten hinweg, auf den zu schauen, der uns unsere Zukunft garantiert. Gerade jetzt kann so ein Ort wie der Freiberger Dom auch ein Zeugnis dafür sein, dass es – Gott sei Dank – zu allen Zeiten Menschen gegeben hat, die das gelebt haben, für die klar war, dass dann, wenn es „eng“ wurde, ihre Ängste und Sorgen, ihre Enttäuschung und ihr Zweifel, bei Gott an der richtigen Stelle liegen. Wenn wir jetzt wieder neu Mittags- und Abendandachten im Dom anbieten, dann soll das deutlich machen, woher wir auch heute unsere Zukunft und Hoffnung erwarten.
Ich weiß nicht, welche Auswirkungen diese Zeit und diese Pandemie für uns alle zum Schluss haben werden. Worauf ich aber vertrauen will, das ist Gottes Zusage: Dass er uns Zukunft und Hoffnung und Frieden zusichert, dass er durchträgt, wenn vieles nicht mehr trägt.
Das Tragende in meinem Leben ist nicht die Frage nach meiner Systemrelevanz, das Tragende in meinem Leben ist eine Person: Jesus Christus. In ihm macht Gott seine Gedanken des Friedens und der Hoffnung heute erlebbar.
Amen.

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