Predigt zum Buß- und Bettag, 17. November 2021

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Predigt zum Buß- und Bettag, 17. November 2021

17.11.2021

zu Matthäus 7, 12 - 20; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
in meiner ersten Schwesterkirchgemeinde hatten wir nach einer umfangreichen Instandsetzung der Glocken auch Vertreter der Partnergemeinde zur Glockenweihe eingeladen. Ein Mann aus der Delegation fragte, ob er denn die neuen Glocken mal sehen könne. So machten wir uns auf den Weg in den Kirchturm. Als wir auf der Höhe der Uhr waren, war der Weg allerdings für diesen Mann an sein Ende gekommen. Denn die Uhr ragte ein ganzes Stück in die Treppe hinein, so dass der Weg ziemlich schmal wurde. Da er sehr beleibt war, passte der an dieser Stelle nicht durch den schmalen Durchgang.
„Geht hinein durch die enge Pforte“, sagt Jesus. Bei einer wirklich engen Pforte kommen die einen durch und die anderen eben nicht. Das konnte man damals gut beobachten. Im übertragenen Sinn ist es natürlich nicht anders. Mit der „engen Pforte“ meint Jesus die Nachfolge. Jesus zu folgen, bedeutet ja, das Leben vertrauensvoll aus Gottes Hand entgegenzunehmen und es nicht in erster Linie in der eigenen Hand haben zu wollen. Jesus nachzufolgen bedeutet auch, seine Mitmenschen und die Schöpfung in den Blick zu nehmen und nicht nur die eigenen Interessen zu verfolgen. Das ist schon schwer genug. Jesus nachzufolgen bedeutet aber auch, immer wieder in sich zu gehen, sich über sich selbst Klarheit zu verschaffen und sein Leben immer wieder neu an Jesus Christus auszurichten. Das scheint noch viel schwerer zu sein. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass der Bußtag kein wirklich beliebter Feiertag ist. Denn da geht es ja genau darum: in sich zu gehen, eigenes Versagen oder Versäumnisse zu erkennen und sein Leben neu zu orientieren. Als der Bußtag als bundesweiter Feiertag abgeschafft wurde, gab es wenig Widerstand dagegen. Das war bezeichnend. Mit der Buße haben es moderne Menschen nicht so. Man geht lieber gegen die da oben auf die Straße als einmal in sich zu gehen und seine eigene Schuld an der Misere anzuerkennen.
„Geht hinein durch die enge Pforte!“ Ist das ein Wort, das uns erschrecken sollte? Stehen wir wie der beleibte Mann, von dem ich eben erzählte, vor einem schmalen Durchgang und schaffen es nicht hindurchzukommen? Ich denke: Nein. Wir haben uns heute an diesem Tag hierher in den Dom auf den Weg gemacht. Wir vertrauen auf Christus. Wir sind darum bereit, in uns zu gehen und unser Leben im Licht der Liebe Gottes anzusehen. Wir wollen mit Gott im Reinen sein und ins Reine kommen. Wir sind bereit, Jesus nachzufolgen und auf diesem Weg immer wieder das Ziel neu in den Blick zu nehmen. Wir wollen den Weg gehen, den Jesus uns weist.
Durch die enge Pforte sind wir also hindurch. Aber nun liegt der Weg der Nachfolge Jesu ja weiterhin vor uns. Auf diesem Weg kommt es nach den Worten Jesu bei Matthäus darauf an, „gute Früchte“ zu bringen. Sie sind nicht nur ein Kennzeichen wahrer oder falscher Propheten. Sie sind auch etwas, an dem man die Nachfolger Jesu erkennen kann.
Wenn wir also heute hier zusammengekommen sind im Namen Jesu und unser Leben anschauen: Wie sieht es aus mit diesen guten Früchten?
In unserem Pfarrgarten in Strehla hatten wir Obstbäume; wir haben hier in Freiberg in unserem Kleingarten mehrere davon gepflanzt. Insofern habe ich eine Vorstellung davon bekommen, was es mit den Früchten eines Baumes auf sich hat. Der Blick auf Obstbäume mag uns helfen, Jesu Bildwort von den guten Früchten besser zu verstehen. Er nimmt auch ein wenig den Druck weg, den dieses Bild ausüben kann. Denn auch ein Baum trägt nicht nur gute Früchte. Viele Obstbäume haben eine ganze Reihe von weniger guten Früchten. Die werfen sie vor der Reife in der Regel ab, besonders wenn es zu trocken ist. Von den Früchten, die übrigbleiben, sind aber auch nicht alle nur gut. Manche Kirschen beispielsweise haben Maden. Äpfel haben Faulstellen. Ausschließlich gute Früchte hat kein Baum. Das ist bei uns Menschen nicht anders. Wir sind eben „arme elende Sünder“ und sind auf Gottes Erbarmen und Vergebung angewiesen. Aber umgekehrt tragen auch wir ja gute Früchte und auch wir sind in der Lage, wie die Obstbäume die schlechten Früchte abzuwerfen. Nur: Wie machen wir das? Wie gelingt die Umkehr?
Eine Grundvoraussetzung scheint mir zu sein, dass wir unseren Glauben ernst nehmen. Auf Gott zu vertrauen bedeutet ja nichts anderes, als Gott wichtig und sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Das Motto lautet: Nicht ICH, sondern GOTT! Das scheint auf den ersten Blick dem Aufruf, gute Früchte zu tragen, zu widersprechen. Aber gute Früchte können wir nur bringen, wenn wir uns ganz und gar Jesus Christus öffnen, alles von ihm erwarten und ihn bitten, dass wir gute Früchte bringen können. Gute Früchte wachsen dann aus dem Glauben geradezu heraus – fast wie von selbst.
Eine weitere Voraussetzung für die guten Früchte, sozusagen die Baumblüte, ist im Grunde nichts anderes als die Liebe. Wenn wir alle Dinge in der Liebe geschehen und von ihr leiten lassen, dann können die Dinge gut werden. Mich hat vor einiger Zeit der Bericht im SONNTAG von einer Frau sehr beeindruckt, die Homosexualität grundsätzlich für Sünde hält. Aber als dann ihre Patentochter ihre Lebensgefährtin vorstellte, konnte sie den beiden doch freundlich und zugewandt, also in Liebe begegnen. Sie hat den Kontakt nicht abgebrochen; sie hat die Patentochter nicht verurteilt. Die Liebe war ihr das wichtigere. Das ist allerdings nicht einfach. Die Leute anzunehmen, die hier montags demonstrieren, fällt mir persönlich zum Beispiel extrem schwer. Und wenn jemand meine Schmerzgrenzen berührt, reagiere ich nicht mit der Gelassenheit, die ich mir wünschen würde. Aber dennoch wage ich es zu sagen, dass die Liebe so etwas wie die Blüte ist. Ohne die Liebe können die guten Früchte nicht gedeihen. Sich das vor Augen zu halten, ist an sich schon eine gute Frucht.
Die dritte Voraussetzung dafür, dass die Früchte gut werden, ist nach dem Zeugnis der Bibel unsere Hoffnung. Als Christenmenschen leben wir ja in der Erwartung, dass es über diese Zeit hinaus die Ewigkeit Gottes gibt; dass jenseits dieser Welt Gottes ganz andere Welt auf uns wartet. Wir wissen: Dieses Leben ist nicht alles. Das befreit uns von der Angst um uns selbst. Das befreit uns von dem Zwang, in diesem kurzen Leben alles erleben zu müssen, was nur irgend möglich ist. Das lässt das Herz weit werden.
Eine Frucht in der Nachfolge Jesu ist es dann beispielsweise, dass wir uns dem Gedanken an den Tod ohne Angst stellen können. Darum brauchen wir Sterbende nicht ins Krankenhaus wegzuschicken, sondern können sie mit der notwendigen medizinischen Unterstützung sozusagen bis zur Himmelspforte begleiten. Tote brauchen wir nicht in die Wälder zu verbannen, sondern bewahren ihnen ein ehrendes Gedächtnis, indem wir ihnen eine eigene Grabstelle geben. Unsere Hoffnung lässt uns anders umgehen mit dem Sterben als wir es ohne sie könnten. Das ist keine geringe Frucht, die wir bringen.
Zu den guten Früchten gehört in meinen Augen auch, um ein anderes Beispiel zu nennen, dass wir Verantwortung für die kommenden Generationen übernehmen. Vielleicht ist mir das wichtiger geworden, weil in mein Leben die übernächste Generation getreten ist. Aber es ist ja auch das Thema in dieser Zeit schlechthin. Wenn wir weiter so wirtschaften wie bisher, kann diese Erde kein guter Lebensraum für Menschen mehr sein. Gute Früchte zu bringen, kann dann nicht allein heißen, auf die Entscheidungen der Regierungen zu warten. Jede und jeder von uns ist gerufen, mit kleinen Schritten zu beginnen. Sie sind uns ja alle bekannt wie zum Beispiel, dass der hohe Fleischverbrauch weder für unsere Gesundheit noch für die Umwelt gut ist. Wir müssen die kleinen Schritte nur gehen.
Liebe Gemeinde, bei Bäumen ist es so, dass sie natürlich umso mehr gute Früchte bringen, je größer sie geworden sind. Mit den Früchten des Glaubens ist es im Grund nicht anders. Heute hat uns Jesus Christus im gemeinsamen Nachdenken über die guten Früchte ein wenig weiter im Glauben wachsen lassen. Da können diese Früchte  in unserem Leben nicht ausbleiben. Amen.                 

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