Predigt zum Berggottesdienst auf dem Freiberger Obermarkt am 6. September 2020

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Predigt zum Berggottesdienst auf dem Freiberger Obermarkt am 6. September 2020

06.09.2020

zum Steigerlied / Johannes 8, 12; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Bergkameradinnen und -kameraden,
liebe Gemeinde hier auf dem Obermarkt,
wir alle kennen das Steigerlied und freuen uns jedes Mal wieder, wenn wir beim gemeinsamen Singen innerlich den Steiger mit dem „Glückauf“ begrüßen. Wir sehen sein helles Licht vor uns, das er angezündet hat und das in der Nacht mit seinem hellen Schein leuchtet. Mit dem Steiger und seinem hellen Licht fahren wir dann gedanklich ins dunkle Bergwerk ein.
Allerdings: Ich habe Knut Neumann mal gefragt, ob es denn wirklich so war. Sind die Bergleute hinter dem Steiger her ins Bergwerk eingefahren? fragte ich. Er hat es verneint, das sei eigentlich nicht die Aufgabe des Steigers gewesen. Eingefahren sind die Bergleute für sich. Sie haben ja auch ihr eigenes Grubenlicht dabeigehabt, den Frosch beispielsweise. Dazu brauchten sie den Steiger gar nicht.
Was also besingen wir hier dann eigentlich? Wenn es nicht der Steiger ist, dem wir im Lied gedanklich ins Bergwerk folgen?
Für mich als Christ legt es sich nahe, dann an einen ganz anderen Steiger zu denken. Die Bergleute waren ja alle mehr oder weniger – aber eher mehr als weniger – fromme Leute. Sie glaubten in einer ganz anderen Weise als die Menschen heute an Jesus Christus. Sie vertrauten ihm vor dem Einfahren an jedem Morgen von Neuem ihr Leben an. Sie wussten ja angesichts der Gefahren unter Tage nicht, ob sie lebend wieder aus dem Bergwerk herauskommen würden. Das ließ sie ganz offen werden für die Botschaft von Jesus Christus. Wir denken heute oft, wir brauchten keinen Gott. Die Bergleute früherer Zeiten sahen das ganz anders. Sie wussten, wie wenig wir das Leben in der Hand haben. Das Corona-Virus erinnert uns heute daran, dass die Vorfahren möglicherweise recht hatten.
Die Bergleute früherer Zeiten sangen das Steigerlied. Zugleich sahen sie Jesus Christus als ihren Herrn an, eben als so etwas wie einen Steiger. Dieser besondere Steiger Jesus Christus ist aber tatsächlich einer, auf den die Worte von dem Licht im Steigerlied ganz genau passen. Denn Jesus sagt von sich in der Überlieferung des Johannesevangeliums (8,12): „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Das klingt doch beinahe wie: „hat´s angezündt´. Das gibt ein Schein. Und damit so fahren wir bei der Nacht….“
Die erste Strophe unseres Steigerlied kann man also so interpretieren, dass hier nicht die Ankunft von irgendeinem Steiger, sondern die von dem Steiger Jesus Christus besungen wird. Ihn haben die Bergleute früherer Zeiten zumindest unterschwellig mit dem Steigerlied begrüßt. Wenn wir das Steigerlied am Ende des Gottesdienstes miteinander singen, stellen wir uns in diese Tradition.
„Und er hat sein helles Licht bei der Nacht/ und er hat sein helles Licht bei der Nacht schon angezündt`.“
So verstanden meint unser Steigerlied dann nicht in erster Linie oder jedenfalls nicht ausschließlich die Dunkelheit im Bergwerk. Es geht um die Finsternis der Not und der Todesgefahr, in der die Bergleute sich Tag für Tag befanden. In diese Finsternis hinein leuchtet das helle Licht des Steigers Jesus Christus. Er ist am dritten Tag seit seinem Tod seinen Freunden als Lebendiger erschienen. Er hat durch seine Auferstehung zu Ostern mitten in der Nacht des Todes ein helles Licht der Hoffnung auf das Leben angezündet. Er hat sich als stärker erwiesen als alle Mächte, die unser Leben bedrohen.
Für die Bergleute war das ein ganz wichtiger Halt. Das Einfahren in die Grube war ja nicht nur mit vielen Gefahren verbunden, sondern sicherlich auch mit manchen Ängsten. Ihr Glauben aber gab ihnen die Zuversicht, dass sie geborgen waren in Gottes Hand. „Hat´s angezündt´. Das gibt ein´ Schein“, heißt es dann ja in der 2. Strophe. „Und damit so fahren wir bei der Nacht ins Bergwerk ein.“ Jesus Christus an ihrer Seite zu wissen, Gottes segnende Hand über ihnen zu wissen, war wie ein Licht in der Dunkelheit. Das gab ihnen Kraft und Zuversicht. So konnten sie ihre Schicht beginnen – im Vertrauen, dass sie mit diesem besonderen Steiger in die Grube fuhren.
In dieser Zeit können wir das Lebensgefühl der Bergleute früherer Zeiten vielleicht etwas besser verstehen als sonst. Das Corona-Virus hat unser Leben sehr verändert. Die Bergparade im September statt im Juni und dann nur eine kleine Runde über den Obermarkt oder ein Berggottesdienst unter freiem Himmel, für den man aus Gründen der möglichen Infektionsnachverfolgung Eintrittskarten lösen muss, wer hätte so etwas noch im letzten Jahr für möglich gehalten? Wir sehen: So planbar, wie wir immer denken, ist das Leben nicht. Wir haben das Leben nicht im Griff. Wir sind nicht der Steiger unserer Welt. Das Leben ist vielmehr voller Unwägbarkeiten und Unsicherheiten. In einer solchen Lage das Vertrauen zu haben, dass wir in Gottes Liebe geborgen sind, ist ein großer Schatz. Am Montag gegen das Virus zu protestieren, hat wenig Sinn. Am heutigen Sonntag sich dagegen zusagen zu lassen, dass Jesus Christus unser Steiger ist, unser Herr im Leben und über dieses Leben hinaus, das ergibt einen Sinn. Der Glaube an diesen einen Steiger Jesus Christus gibt einem eine große Gelassenheit in dieser Lage; es hilft einem die Ängste zu überwinden, die gerade mit dieser neuartigen Erkrankung verbunden sind.
In der dritten Strophe des Steigerliedes ist dann ja von der Arbeit der Bergleute die Rede. Sie graben im Felsgestein nach Silber und nach Gold. Das war eine mühevolle Arbeit. Aber sie hatte ihren Ertrag. Gerade hier im Freiberger Revier gab es viel Silber und auch ein wenig Gold, das man aus dem Felsgestein heraushauen und dann verhütten konnte. Das Selbstbewusstsein des Erzgebirges stammt daher: Was in Dresden als Kunstschätzen von den Wettinern aufgehäuft wurde und heute Touristen wie Diebesbanden anzieht, das wurde hier erarbeitet.
Interessant ist am Steigerlied, dass dieser Arbeit dann in der vierten Strophe sogleich die Liebe gegenübergestellt wird. „Aus Felsgestein graben sie das Gold, doch den schwarzbrauen Mägdelein bei der Nacht, dem sein sie hold.“ Da ruft das Steigerlied etwas ganz Wichtiges in Erinnerung: Die Arbeit und der Ertrag der Arbeit sind wichtig. Ohne das könnten wir nicht gut leben. Aber Arbeit und Geld sind bei weitem nicht alles. Viel wichtiger sind andere Werte: die Liebe zu unseren Partnern, der Zusammenhalt in der Familie, die Zuwendung zu anderen Menschen und nicht zuletzt der Glaube machen das Leben wertvoll. Auch spüren wir während dieser Epidemie vielleicht wieder etwas deutlicher als sonst. Die Menschen um uns herum sind der eigentliche Wert des Lebens. In der Regel ist das, was man nicht mit Gold oder Silber bezahlen kann, viel wichtiger als so manches, was durch die Epidemie zurzeit nicht möglich ist.
In der letzten Strophe spielt dann wieder das „Glückauf“ eine Rolle. Bei der glücklichen Heimkehr nach der Schicht zu dem schwarzbraunen Mägdelein erschallt des Bergmanns Gruß. Man kann es als eine Begrüßung des Bergmanns verstehen, der mit dem Bergmannsgruß nach der Schicht seine Liebste grüßt. Am Anfang des Liedes aber wurde ja der Steiger so begrüßt, von dem ich denke, dass Jesus Christus zumindest im Hintergrund damit gemeint ist. Insofern ist dieses Glückauf auch ein Dankgebet zu Jesus Christus, dass es diese glückliche Heimkehr zu der Liebsten und zu der Familie gegeben hat. Ein Dankgebet sprach der Bergmann ja auch nach jeder Schicht.
Damit schließt sich dann der Kreis. Unsere Hymne ist ein Lied, das uns sehr tief blicken lässt. Wir schauen durch das Vordergründige hindurch und sehen das Hintergründige. Da ist mit dem lebendigen Gott eine Macht, die unser Leben bestimmt und in deren guten Hand wir geborgen sind. Sein Sohn Jesus Christus ist uns ein Licht gerade in den Dunkelheiten des Lebens. Mit ihm an unserer Seite gehen wir getrost unseren Weg durch das Leben – als Bergleute wie als Menschen, die über Tage in normalen Zeiten weniger Gefahren ausgesetzt sind. Denn Christus, unsere Steiger, ist mit uns auf dem Weg. Sein helles Licht leuchtet uns, wohin auch immer uns unser Weg führt.
Amen.

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