Predigt zum Berggottesdienst am 2. Sonntag nach Trinitatis, 26. Juni 2022

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Predigt zum Berggottesdienst am 2. Sonntag nach Trinitatis, 26. Juni 2022

26.06.2022

zu Jona 3; gehalten von Prädikant Michael Steeger

Liebe Gemeinde,
es gibt Geschichten, die berühren einen sofort, wenn man sie das erste Mal hört, es gibt die, die sich erst mal setzen müssen und die dann irgendwann ein „Aha“-Erlebnis erzeugen und es gibt die, die man zumindest beim ersten Hören ein wenig von sich wegschieben möchte, weil wir meinen: Na das hat mit mir, mit uns ja gar nichts zu tun. Die Geschichte, die heute nach der Systematik der evangelischen Kirche in Deutschland Predigttext ist, hat beim ersten Hören das Potential zur letzten Gruppe zu gehören.
Es ist eine Geschichte aus dem alten Orient, die man in die Zeit des 8.Jahrhunderst vor Christus einordnen kann. Im Norden Israels lebt der Prophet Jona, also einer, der für die Israeliten so eine Art Verbindung zu ihrem Gott war und der Gottes Botschaft wiederum an das Volk brachte. Dieser Jona erhält nun von Gott den Auftrag, nach Ninive zu gehen, der Hauptstadt des damaligen Assyrischen Reiches. Ninive hatte damals etwa 120.000 Einwohner – eine Riesenstadt also, die man irgendwo in den heutigen Nordirak einsortieren kann. Nach Ninive zu gehen, ist außer der aufwändigen Reise noch kein Problem, aber sein eigentlicher Auftrag hat es in sich: Er soll dorthin gehen, dort predigen und den Menschen in der Stadt erklären, dass ihre Stadt wegen ihrer Schuld, wegen ihres Versagens dem Untergang geweiht ist: 40 Tage und dann will Gott sie vernichten.
Man muss sich das mal vorstellen. Jona ein einzelner Mann soll sich in die Hauptstadt eines Weltreiches stellen und den Menschen dort den Spiegel ihrer Taten vorhalten. Ist das gute Taktik – eher nicht. Ist das zielführend – eher doch leichtsinnig. Aber manchmal kommt es anders. Ich lese ein paar Sätze aus dem Buch Jona aus dem Alten Testament:
Da machte sich Jona auf und ging hin nach Ninive, wie der HERR gesagt hatte. Ninive aber war eine große Stadt vor Gott, drei Tagereisen groß. Und als Jona anfing, in die Stadt hineinzugehen, und eine Tagereise weit gekommen war, predigte er und sprach: Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen. Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und riefen ein Fasten aus und zogen alle den Sack der Buße an. Und als das vor den König von Ninive kam, stand er auf von seinem Thron und legte seinen Purpur ab und hüllte sich in den Sack und ließ als Befehl des Königs ausrufen und sagen: Es sollen alle Menschen fasten und heftig zu Gott rufen. Und ein jeder kehre um von seinem falschen Wege! Wer weiß, ob Gott nicht umkehrt und es ihn reut und er sich abwendet von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht verderben. Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie umkehrten von ihrem falschen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat's nicht.

Wahrscheinlich entsteht bei dem einen oder anderen das Gefühl. Interessant, fast 3.000 Jahre her. Was bitte hat das mit uns 2022, hier im Erzgebirge zu tun? Lassen Sie uns den Mut haben, ein paar Minuten genau darüber nachzudenken ohne gleich abzuwinken. Mag sein, dass unser erster Gedanke der ist: Schuld, Versagen, Bosheit – also bitte …
Und wenn wir dann jeder für sich nachdenken, dann spüren wir vielleicht doch etwas von der Zerrissenheit einer Gesellschaft, einer Stadt, von Familien und von mir selbst. Die letzten zweieinhalb Jahre haben vieles zerbrechen lassen, haben Familien zerrissen. Mich haben sie mindestens zwei Freundschaften gekostet. Natürlich wehrt sich unser und mein Inneres dagegen, dass ich an irgendetwas Schuld hätte. Aber kann es nicht sein, dass das wirkliche Problem, mit dem wir kämpfen, nicht die Pandemie und ihre Folgen sind und auch nicht die aktuelle Krise, die uns zu schaffen macht, sondern, dass wir unsere Mitte verloren haben und dass die Probleme einer Gesellschaft eben nicht eine anonyme Gesellschaft lösen kann, sondern die Menschen, die zu ihr gehören. Diese alte Geschichte kann uns drei Gedanken mit auf den Weg geben:

Ein erster Gedanke: Unbequeme Wahrheiten
Unbequeme Wahrheiten hört niemand gern, weil sie eben unbequem sind. Gleichzeitig brauchen Menschen und braucht eine Gesellschaft die, weil Wahrheit ein Fundament einer Gesellschaft ist. Die Geschichte aus Ninive erklärt nicht, ob sich die Menschen dort bewusst darüber waren, dass sie auf der falschen Spur waren, oder ob sie es einfach nicht mehr wahrgenommen haben, dass sie offenbar Maß und Mitte verloren hatten. Menschen brauchen Mitte und Orientierung. Menschen, die gemeinsam unterwegs sind, in Familie, in einer Gesellschaft oder auch in einer Stadt erst recht. So ein Seil außen herum, mit dem man versucht, alles zusammen zu halten, reicht nicht. Tradition kann so ein Seil sein, aber auch das Wissen um den gemeinsamen wirtschaftlichen Erfolg. Beides hatten die Leute in Ninive. Tradition und auch Erfolg. Es war etwas anderes, das fehlte. Die Menschen in Ninive haben nach dem, was Jona ihnen gesagt hat, offenbar erkannt, dass ihnen etwas anderes fehlte, denn wenn der Seele die Mitte fehlt, kannst du sie nicht mehr mit Wohlstand heilen. Ohne Antwort schienen die existenziellen Fragen des Lebens zu sein: Wo kommen wir her und wo gehen wir hin? Und wir: Was ist die Basis meines Lebens und was das Ziel? Werde ich am Ende zufrieden zurückschauen oder verbittert? Mag sein, dass diese Erkenntnis nicht mehrheitsfähig ist. Vielleicht leben wir aber auch in der Gefahr, die Wahrheit mit der Mehrheit zu verwechseln.
Die Bergleute aus vielen Jahrhunderten haben vor ihrer Schicht ihr Leben Gott anvertraut und ihm danach gedankt, wenn sie wieder gesund ausgefahren sind. Wenn sich heute Bergleute zu Gottesdiensten auch hier im Dom treffen, dann erinnert das daran, dass ihnen bewusst war, dass dies ein Ort war und ist, der sie mit Gott verband, der für sie der war, der ihr Leben trägt und erhält. Das ist mehr als eine Geschichte, die Menschen verbindet. Tradition ist eben nicht das Aufbewahren von Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.

Deshalb ein zweiter Gedenke: Überraschende Einsichten
Was ist da in Ninive passiert? Ob man den Jona erst mal rauswerfen wollte, ich weiß es nicht, ob es Diskussionen gegeben hat, keine Ahnung – auch wenn ich glaube, dass das so war. Eines war aber klar. Es gab ein Anhalten, ein Innehalten, ein Stopp. Erkenntnis braucht Innehalten. Wer merkt, dass er auf einer falschen Strecke unterwegs ist, dem hilft es nicht mehr, schneller zu fahren, sondern anzuhalten, zu sortieren und vielleicht umzudrehen. Eigentlich ist das völlig klar, aber an dieser Stelle sind wir unserer modernen Technik aufgesessen. Wenn ich mich verfahren habe, dann rechnet mein Navi in Sekunden die neue Strecke aus und mit ein wenig mehr Gas, komme ich noch rechtzeitig an. Für die Abzweige in meinem Leben gibt es aber kein Navi. Wenn ich im Leben falsch abgebogen bin, hilft nur die Einsicht: Wir haben etwas falsch gemacht. Ich habe etwas falsch entschieden. Denn die Antworten, die man in Talkshows gibt, sind wir leid, meist sind das Antworten auf Fragen, die keiner gestellt hat oder es sind Worte, die so klingen, dass irgendwie doch alles richtig war.
Haben wir uns auch angewöhnt, so zu leben? Wir reden von: Da ist etwas falsch gelaufen… Das andere: Mein Fehler. Tut mir leid – das fällt uns schon viel schwerer.
Nehmen wir uns einfach mal Zeit zum Innehalten, zum Denken, zum Reden.
Der Wechsel zurück vom Marktplatz in den Dom kann auch mehr sein als ein Symbol, nämlich: Ich halte für eine Stunde inne vom lauten Feiern und nehme die Begegnung mit dieser alten Botschaft Gottes neu wahr.

Ein dritter Gedanke: Neues Leben
Am Ende kommt Ninive davon, Jona ist davon zunächst tief enttäuscht. Er hätte gern die Machtdemonstration seines Gottes in der feindlichen Hauptstadt gesehen, und ich kann ihn verstehen. Und nein: Gott ist nicht der schwache oder der inkonsequente Gott, der die Strafe nicht durchzieht. Die Menschen in Ninive haben sich neu sortiert, haben sich auf den Weg gemacht zu ihrer Mitte.  Und so ist dieser alte Text heute 2022 das Angebot eines alternativen Lebenskonzeptes, das Zerrissenes heilen kann, weil Schuld nicht mehr trennen muss, sondern weil die Mitte verbindet. Christliche Botschaft lebt am Ende von Gnade, davon dass ich nicht bekomme, was ich verdiene und davon, dass ich das auch anderen zugestehe. Was, wenn es um mehr ginge, als Altes für die Zukunft zu bewahren? Was, wenn wir wie die Bergleute vieler Generationen, ein Orientieren hin zur Mitte wieder neu begännen. Was wäre es für eine Chance, wenn Menschen, wenn eine Gesellschaft sich neu auf den Weg macht zu ihrer Mitte?
Eine Gesellschaft wird verbunden durch ihre Mitte und nicht durch den Versuch, Ränder festzuhalten.
Dass mich bitte niemand falsch versteht: Auf die Mitte hin orientiert zu leben, macht Leben nicht beliebig, weil am Ende alles gut wird. Wenn Menschen den Mut haben, ihre Mitte neu zu sortieren, dann entsteht daraus eine neue Freiheit zum Leben, aber eine, die sich an Gott orientiert. Das Kreuz auf und in allen Kirchen ist deshalb – Gott sei Dank – sichtbares Symbol dieser Mitte, Symbol von neuem Leben.
Wer neu und befreit lebt, wird fröhlich feiern können.
Ich hoffe, wir tun das heute noch und ich hoffe, wir tun das in Zukunft wieder viel mehr gemeinsam.
Ich wünsche uns aber über allem Feiern und auch über allem Arbeiten, dass wir den Blick für die Mitte nicht verlieren und dass wir den Mut haben, uns den unbequemen existenziellen Fragen unseres Lebens zu stellen.
Ich wünsche uns Zeiten zum Innehalten bei Gott und daraus die Erfahrung neuer Einsichten für unsere Gesellschaft und für unser Leben.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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