Predigt zum 6. Sonntag in der Passionszeit (Palmarum)

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Predigt zum 6. Sonntag in der Passionszeit (Palmarum)

28.03.2021

zu Hebräer 11. und 12. Kapitel; gehalten von Prädikant Michael Steeger

Liebe Gemeinde,
Den Predigttext für diesen Sonntag lesen wir im Brief an die Hebräer im 11. und 12. Kapitel:
Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen.

Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.

Unsere Gottesdienste haben eine Konstante: In jedem Gottesdienst sprechen wir von unserem Glauben, gemeinsam: Ich glaube an Gott, und an Jesus Christus. Ich glaube an den Heiligen Geist. Soll das deutlich machen, dass es in unseren Gottesdiensten noch um etwas geht, das neben nackten Tatsachen existiert und das wir Glauben nennen? Der Hebräerbrief versucht darauf eine Antwort zu geben.
Die ersten Leser des Hebräerbriefes waren wohl Menschen, die in jüdischer Tradition aufgewachsen waren, sie wussten von dem Gott der Väter, dem Gott, der ihre Vorfahren aus Ägypten herausgeholt hatte. Sie hatten sich diesem Gott im Tempel in Jerusalem immer irgendwie nahe gefühlt, aber jetzt hatte sie die Botschaft von Jesus Christus, den die Römer gekreuzigt hatten und der auferstanden war, getroffen. Sie spürten, dass es da einen neuen Weg, eine Brücke, zwischen Gott und Mensch gab. Die Menschen, die ihnen diese Botschaft gebracht hatten, nannten diesen Weg Glauben. Was aber ist das genau: Ein gutes Gefühl, eine besondere Idee, eine Art Garantieschein? Das griechische Wort für Glaube – pistis – steht unserem deutschen Wort für Vertrauen und Zustimmen sehr nah. Und das Wort, das der Hebräerbrief als Erklärung verwendet [hypostasis], kann man wie die Elberfelder Bibel das tut auch mit „Wirklichkeit“ übersetzen. Der Glaube, von dem wir reden, hat also mit einem Vertrauen in Gottes Wirklichkeit zu tun. Unser Glaube ist also nicht das Gegenteil von Wissen sondern Ausdruck einer Beziehung zwischen Gott und Mensch. Wie kann ich mir das vorstellen?
Ich möchte uns dazu ein Bild zeichnen, von dem ich etwas verstehe.
Da ist ein tiefes Tal mit einem großen Fluss. Auf der einen Seite: Wir – die Menschen, auf der anderen Gott. Ist der Glaube, die Brücke, die wir bauen, Gott von seiner Seite – er baut einen Großteil und wir unseren – kleineren – auf der anderen Seite. Paulus würde aufschreien: Nein. Gott baut allein, der Weg zwischen Gott und Mensch ist allein sein Werk.
Ist es eher das, dass Gott uns auf dieser von ihm gebauten Brücke auf uns zu geht, und wir als Glaube ihm ein paar Schritte entgegen gehen? Nein. Gott kommt ganz zu uns, das ist die Botschaft von Weihnachten.
Ist es dann doch nur so, dass Gott über seine Brücke ganz zu uns kommt, und wir – als Glaube – nur noch seine Hand greifen müssen? Martin Luther würde noch immer Nein sagen. Der Mensch kann nicht einmal das, es ist allein Gottes Gnade.
Was also dann? Gott baut die Brücke zu uns Menschen, er kommt ganz zu uns und er nimmt unsere Hand, damit wir ab dem Moment jeden unserer Schritte gemeinsam mit ihm – im Glauben – gehen können. Glaube ist nicht Bedingung, um mit Gott leben zu können, sondern die Art und Weise in der Gott mit uns, mit mir, leben will. Glaube ist Beziehung zwischen Gott und mir. Deshalb geht es beim Glauben nicht um ein besonders gutes Gefühl, aber auch nicht darum, dass ich dieses Geschehen zwischen Gott und mir bis ins Letzte verstehe oder sogar erklären könnte. Glaube kann ich nur leben. Wir wollen deshalb noch ein wenig der Frage nachspüren, was das im Blick auf den Predigttext bedeutet.
Vielleicht kann man das so überschreiben:
Glauben leben – lebendig glauben.
Ein erstes: lasst uns ablegen, was uns beschwert.
Glaube lässt Last abwerfen. Menschen, die längere Zeit wandern wollen, nehmen nicht alles mit. Wer auf einem Berggipfel ankommen möchte, muss bereit sein, manches im Tal zu lassen. Unser Text benennt das, was wir besser ablegen sollten, klar: Schuld und Sünde. Das mag ein wenig aus der Zeit gefallen klingen. Aber wenn wir ganz ehrlich zu uns sind: Sind es nicht genau die Dinge, die mir das Leben schwer machen: Die harten und ungerechten Worte, die ich gern zurückholen wollte. Der Tag, seit dem ich mit meinem Schweigen einen Anteil daran habe, dass ein anderer ungerecht behandelt wurde. Nein, ich habe niemanden umgebracht, aber mein Zorn war übermächtig groß und das spüre ich noch immer … Dinge, die mein Leben, die meine Gedanken belasten, machen‘s mir schwer, mit Gott Hand in Hand unterwegs zu sein. Lasst uns das ablegen, rät uns unser Text. Das Kreuz Jesu ist der einzige Ort, an dem ich das, was mich beschwert, wirklich ablegen kann. Vielleicht ist die Zeit, in der wir jetzt leben, in der das Leben still zu stehen scheint, eine Zeit, in der uns Momente geschenkt sind, Jesus Christus zu begegnen und an seinem Kreuz das abzulegen, was mich beschwert. Glauben leben heißt: ich darf Lasten ablegen, freier leben.
Ein zweites: Lasst uns aufsehen zu Jesus.
Glaube lässt Menschen den Blick wechseln. Aufsehen. Haben Sie das hier schon mal getan? Das Kreuzgewölbe des Domes fasziniert, nicht nur Leute, die mit Bauen zu tun haben. Im Scheitel des Gewölbes gibt es den Stein, der dafür zuständig ist, dass die Statik stimmt und die Verbindung aller Steine im Gewölbe gesichert bleibt. Nicht von ungefähr treffen die Rippen, die von einem Rand des Gewölbes zum anderen laufen, sich oben. Um den Treffpunkt zu sehen, muss man aufsehen, weg vom alltäglichen Blick geradeaus oder dem sorgenvollen Blick zurück, nach oben, zu ihm zu Jesus Christus, dem Grund und dem Ziel unseres Glaubens. Mir ist bewusst, dass unsere Blicke momentan von vielen anderen Dingen gefesselt sind. Von der Sorge, wie wir aus dieser Pandemie herauskommen. Von der Sorge um unsere Familien, vielleicht auch von der Sorge um unsere Kirche. Das sind Fragen, die darf, die muss man stellen.
Gefesselt sind wir vielleicht auch von der Sorge, dass die verschiedenen Blicke auf die Pandemie und darauf, wie man damit umgeht, Familien und Freundschaften zerreißen könnte. Und dann gibt es die ganz normalen Sorgen, über die wir schon ein Jahr nicht mehr wirklich reden…
Glaube aber darf uns den Mut machen aufzuschauen, trotz aller Sorgen oder gerade deshalb. Wenn Gott mich an seine Hand genommen hat, damit ich mit ihm – im Glauben – leben kann, wann wenn nicht dann, kann ich das tun?
Gottesdienst feiern darf also gerade jetzt bedeuten: Wir schauen gemeinsam nach oben und atmen in schwierigen Zeiten ein wenig ein von der Nähe Gottes. Glauben leben heißt: Ich muss nicht fixiert bleiben, auf das was mich ausbremst, sondern ich darf nach oben schauen, zu ihm.
Ein drittes: dass ihr den Mut nicht sinken lasst.
Glaube heißt leben gegen Mutlosigkeit. Mutlose Augenblicke sind keine Katastrophe, auch für Christen nicht. Und Mutlosigkeit ist in aller Regel nichts, das man mit einer kräftigen Mahlzeit oder einer gut durchschlafenen Nacht regeln kann. Mutlosigkeit sitzt weiter innen. Mutlosigkeit ist das Gefühl, dass ich trotz langem Überlegen keinen Weg aus einem Labyrinth gefunden habe. Es ist das Gefühl: Ich habe mich ver-laufen. Ich war in Bewegung, war engagiert, aber ich komme da nicht mehr raus. Und offenbar hilft da schneller laufen auch nicht mehr. Wenn Eltern mit ihren Kindern unterwegs auf einer Wanderung sind, dann kann es ihnen passieren, dass ein Kind sagt: So ich bleibe jetzt hier sitzen! Wir Erwachsene schütteln dann lächelnd den Kopf, und versuchen ihnen zu erklären, dass das keine Lösung ist. Aber: Stimmt das?
Passiert oft nicht etwas ganz anderes? Wir reden und warten und dann – nimmt der Vater das Kind auf die Schulter und trägt es doch! Hat der Vater dann seine Autorität verspielt?
Nein: Gewachsen ist das Vertrauen des Kindes in seinen Vater. Das Kind weiß einmal mehr: Mein Vater hätte mich nicht allein im Wald sitzen lassen.
Vielleicht ist das doch so: Wenn ich den Eindruck habe, dass ich mich verlaufen habe in meinem Leben, wenn ich nicht mehr ein noch aus weiß, dann ist es kein Zeichen von Mut, noch schneller bis zur Erschöpfung weiter zu laufen, sondern inne zu halten und darauf zu vertrauen, dass Gott mich aus dem Labyrinth herausträgt. Gedenkt an ihn, sagt unser Bibeltext. Wer in schwierigen Zeiten nicht in seiner Seele ermatten will – so übersetzt es die Elberfelder Bibel – der muss zur richtigen Zeit aufhören, sich selbst retten zu wollen, sondern darf den Mut haben, auf Gottes Handeln zu warten. Glauben leben heißt: Ich kann den Mut haben, mich im Labyrinth meines Lebens auf Gott zu verlassen.
Ich wünsche uns allen immer wieder neu die Erfahrung eines Glaubens, der mich neu leben lässt und die unseres Gottes, der mich an seiner Hand hält, damit ich im Glauben mit ihm leben kann.
Amen.

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