Predigt zum 4. Sonntag vor der Passionszeit, 6. Februar 2022

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Predigt zum 4. Sonntag vor der Passionszeit, 6. Februar 2022

09.02.2022

zu Matthäus 14, 22 - 33; gehalten von Prädikant Michael Steeger

Liebe Gemeinde,
es war 1982 als Udo Jürgens sang: Ich war noch niemals in New York … und damit das Gefühl von Millionen Menschen traf. Er beschreibt in dem Lied einen Mann, der darüber nachdenkt, wie es wäre, einfach alles hinter sich zu lassen, einfach mal neue Wege zu gehen.

Und - wer kennt so eine Situation nicht, in der man zumindest in Gedanken für sich entscheidet: Jetzt nichts wie weg! Weg aus diesem Deutschland, weg aus dieser Stadt, aus dieser Verwandtschaft – weg auf irgendeine Insel. Aussteigen, nur einmal. Denn: Aussteiger haben mehr vom Leben – oder doch nicht(!?)
So echte Aussteiger sind interessante Typen, kein Mittelmaß, einfach anders als der Durchschnitt. Aber ich weiß natürlich, dass zwischen dem Gedanken und dem Tun aber immer noch Welten liegen. Schon als Beobachter solcher Aussteiger stehen wir da im Wechselbad der Gefühle, so zwischen fasziniert und abgestoßen sein. Der Predigttext von heute erzählt die Geschichte eines ganz besonderen „Aussteigers“. Ich lese aus dem Matthäusevangelium:
Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein. Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich. Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!
Einer steigt aus. Ganz wörtlich. Die Frage steht: Hat der mehr vom Leben?
Bevor wir die Frage beantworten, möchte ich Sie mitnehmen an und auf den See Genezareth.
Alle Beteiligten haben gerade ein Riesenerlebnis, ein echtes „Event“ hinter sich. Eine Unmenge Menschen, die Bibel erzählt von 5000, wurden von eigentlich nichts satt. Da hat einer in ganz armen Zeiten die Lebens- oder sogar die Überlebensfrage gelöst. Es wäre der beste Zeitpunkt für Jesus gewesen, sich an die Spitze einer neuen Volksbewegung zu stellen.  Aber: Er flieht, zieht sich ganz allein in die Berge zurück. Zum Beten. Seinen Jüngern, die sich das Ende der Geschichte dieses Tages wohl anders gedacht haben, befiehlt er: Steigt ein und fahrt los!
So wird dieses Einsteigen und Losfahren für sie ein Akt des Glaubens – wann wenn nicht jetzt hätte alles anders werden können! Jesus geht beten, ganz allein und seinen Jüngern fahren – vielleicht noch mit so einem Highlightgefühl, mit einem lachenden und einem weinenden Auge hinaus auf den See Genezareth.
Und da beginnt das Naturschauspiel von Sturm und Nacht!
Unbändiger Sturm, peitschender Regen – die Leute, die auf dem Meer Profis sind, schaffen es kaum, das Boot in den Griff zu kriegen. Von Seefahrtsromantik gibt es keine Spur – es ist kalt, es ist dunkel. Die Jünger durchnässt, erschöpft, am Ende, verängstigt ob der erlebten Naturgewalten. Und noch immer schlagen die Wellen hoch, Wind in Orkanstärke, pechschwarze Nacht. Das ist die Situation auf dem See Genezareth.
Und dann sehen sie Jesus! Die Reaktion auf dem Boot: Angst, Furcht und Schreie. Liebe Gemeinde: Das waren keine aufgescheuchten Teenager, das waren Fischer, eher raue und harte Männer. Und dann in stockdunkler Nacht hören sie Jesus rufen: „Ich bin es! Fürchtet euch nicht!“ Ich weiß nicht, ob die Jünger da so glücklich waren, war es doch Jesus, der sie unbedingt auf den See schicken musste.
Und genau in diesem Moment erleben wir den Aussteiger: Petrus, für mich so ein Aussteigertyp, einer, der immer eine Idee anders, eine Idee schneller und eine Idee extremer war. Das Aussteigen selbst geschieht für mich in fünf Schritten, diese Schritte möchte ich heute Morgen mit Ihnen gemeinsam gehen.
Einer provoziert
Da will es einer wirklich wissen: Wenn du es bist, dann befiehl mir. Ist das schon Selbstüberschätzung oder ist das noch Vertrauen. Da ist dieser Drang: Ich will es wissen: Ist das ganze ein Gag oder bist du es wirklich? Und noch immer ist Nacht, Sturm und noch immer peitschen die Wellen …
Und dann ruft Jesus wirklich. Petrus: gerade noch die Hand an der Reling, und dann steigt er aus, eine atemberaubende Kulisse und Petrus geht auf dem Wasser.
Einer steigt aus

Er ist mit allen losgefahren, vielleicht im Vertrauen, vielleicht mit Zähneknirschen, aber dann, da draußen auf dem See, geschieht der entscheidende Schritt.
Können wir uns jetzt mal die vorstellen, die auch im Boot sitzen? Auch wenn sie es nicht sagen, denken werden sie es zumindest: Der ist größenwahnsinnig, das musste bei dem ja so kommen! Was soll denn nun das nun wieder? Der See in dieser Nacht war doch nun schon schlimm genug, aber ein Stück Sicherheit war das Boot doch noch.
Leben wir nicht alle davon, dass es Sicherheiten gibt, ein Netz, von dem wir wissen, dass es im Zweifel da ist? Oder darf ich mir heute auch die Frage erlauben: In welchem Boot sitzen eigentlich wir? Kennen Sie auch dieses Gefühl: Da war doch mal was, da war doch mal mehr. Wir wollten als Kirche unsere Welt verändern.
Wir waren, ich war, doch mal ganz anders – so mit brennendem Herzen – dabei; aber jetzt sitzen wir alle hier, manchmal schaukelt es ein wenig, zurzeit vielleicht ein wenig mehr, aber grundsätzlich ist doch vieles eigentlich immer noch recht sicher.
Und es gibt Momente, da spüren wir das: So vor der einen oder anderen Entscheidung, da will etwas von mir „aufs Wasser“, weg von dem, was ich sonst oft getan habe, will sich auf Neues, vielleicht auch neu auf Gott einlassen. Und dann wird daraus eine ganz persönliche Frage, gerade dann, wenn es um Entscheidungen geht, die Weichen stellen:
Wie ist das, die Hand schon an der Reeling: Soll ich wirklich? Lohnt dieses Risiko?
An dieser Stelle macht uns unser Predigttext Mut. Vielleicht haben wir auch ganz persönlich oder auch als Gemeinde schon lange „die Hand an der Reeling“ und wir schieben den entscheidenden Schritt vor uns her. Das Wetter wird nicht besser, die See wird nicht ruhiger, deshalb zu warten lohnt sich nicht. Das habe ich in der Pandemie gelernt. Im Vertrauen auf Gott Entscheidungen zu treffen, das ist und bleibt ein Stück Abenteuer des Lebens.
Aber ist es nicht vielleicht auch so: Wer niemals den Schritt solchen Vertrauens wagt – wer niemals aussteigt und neue Wege geht, dem fehlt irgendwann ein Stück vom Leben!
Vielleicht müssen wir gerade jetzt in einer Zeit, in der die Pandemie hoffentlich bald ausklingt, wieder neu darüber nachdenken, was dran ist: Für uns persönlich, für unsere Kirche, für unser Land? Christen sind keine Menschen, die etwas glauben, damit sie in den Himmel kommen, Christen sind Menschen, die etwas tun: die der einen Aufforderung nachkommen: Komm und folge mir nach! – Was auch immer das im Einzelnen und für den Einzelnen bedeutet.
Die Frage ist also: Was heißt das heute – aussteigen aus dem Boot? Ich kann das nicht für andere beantworten, aber ich bin überzeugt, Gott zeigt uns den nächsten Schritt, wahrscheinlich – und das ist das Problem – aber leider nur den nächsten und noch nicht den übernächsten (Wem Gott eine Tür zuschlägt, dem öffnet er ein Fenster!)
Und dann: Der kritische Moment in der Geschichte:
Einer versagt
Petrus geht auf Jesus zu, das muss doch das Erlebnis sein, auf dem Wasser gehen, gegen jede Erfahrung und gegen jede Physik – und genau da passiert es: Petrus spürt Wasser, Angst vor dem Unmöglichen und sinkt. Da wird aus der Geschichte des Aussteigers dann doch die Geschichte des Versagers, oder?
Vielleicht ist der, der versagt hat, genau genommen gar nicht Petrus, vielleicht saßen die ja im Boot: 11 Männer, unauffällig, in der Stille. Ihr Tun oder besser das Nicht-Tun blieb unbemerkt, wurde nicht öffentlich. Sie blieben die im Hintergrund, die, die schon immer wussten, dass so etwas schief gehen muss. Und die Geschichte gibt ihnen ja eigentlich Recht, zumindest oberflächlich betrachtet.
Genau an der Stelle stellt sich die wichtige Frage: Ist das Aussteigen des Petrus Übermut oder ist das Glauben?
Wie die Antwort auch ausfällt, eines dürfen wir wissen: Das Sinken und auch das Versagen gehören auch im Glauben dazu, das ist keine Katastrophe.
Denn die Geschichte ist noch nicht zu Ende, das Sinken ist nicht das Ende! Da kommt noch was:
Einer wird gerettet
Die Rettung geschieht in einer Bewegung. Jesus greift zu. Er ist immer noch Herr der Lage, er ist in der Lage zu retten.
Und genau das hat der Petrus gespürt, dass da einer da war, als er zu sinken drohte, einer der zufasste: Niemand anders hat das so existenziell erfahren, weil kein anderer aus dem Boot stieg. Dieses Erleben des Gerettet-Werdens prägt und bleibt eine Lebenserfahrung für einfache aber auch für komplizierte Situationen. Ja auch die anderen erleben das Handeln Gottes: Der Sturm legt sich. Naturgewalten sind für Gott scheinbar kein Problem und dennoch den besonderen Moment, den hatte zumindest in dieser Nacht nur Petrus.
Und dann:
Menschen reagieren
Und nun reagiert nicht nur Petrus allein: Alle erkennen Jesus: Du bist der Sohn Gottes!
Diese Erkenntnis fällt nicht vom Himmel, sondern gehört genau in diese Kette hinein. Da erkennen Menschen mitten in der Krise Jesus und das, was sie an ihm haben, ganz neu. Und auch das ist eine Erkenntnis, eine Erfahrung, die Lebenserfahrung sein kann: Gott bewahrt in der Krise.
Natürlich bleiben immer noch Fragen:
Eine ist für mich die: Sitzen wir, sitze ich sicher im Boot oder wage ich mich manchmal auch aufs Wasser? Haben wir miteinander ab und an den Mut zu neuen Wegen, dazu, Gott ganz neu etwas zuzutrauen? Gerade in Situationen wie der, in der wir leben?
Unsere Kirche braucht auch heute Menschen, die aussteigen, aus ihrer Sicherheit, ihrem sicheren Boot. Menschen, die auf Gott vertrauen. Wer das tut, wird nicht von Problemen verschont bleiben.
Aber: Wir dürfen wissen, einer ist da. Gott. Er greift zu, rechtzeitig. Er lässt uns nicht allein.
Ich wünsche uns, dass wir immer mal wieder den Mut haben zu neuen Schritten, aber dass wir dabei Jesus Christus nicht aus dem Blick verlieren. Und ich wünsche uns, dass wir immer wieder einmal erleben: Mit meinem Gott kann ich übers Wasser, über alle Wellen meines Lebens gehen.
Amen.

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