Predigt zum 4. Sonntag nach Ostern (Kantate), 2. Mai 2021

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Predigt zum 4. Sonntag nach Ostern (Kantate), 2. Mai 2021

02.05.2021

zum Lied Nr. 302 (Strophen 1, 2 und 8) aus dem Evangelischen Gesangbuch; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
in größeren Abständen telefoniere ich zurzeit mit einer Frau aus unserer Kirchgemeinde. Sie ist relativ schwer erkrankt. Es geht ihr aktuell noch ziemlich gut, aber sie wird eines Tages an dieser Krankheit versterben. Nicht nur das SarsCovII-Virus bringt Menschen um.
Dennoch – und das mag erstaunen – treffen ich sie in der Regel in einer ganz wohlgemuten Verfassung an. Sie könnte über alle Maßen klagen und fragen, warum es ihr in vergleichsweise noch jungen Jahren schon so geht, wie es ihr nun einmal geht. Aber sie tut das nicht. Im Gegenteil. Sie ist dankbar, dass sie nach vielen Stationen in ihrem Leben nun in Freiberg lebt. Hier kann das Palliativnetz Menschen wie sie, die keine Familie haben, gut auffangen, wenn es denn wirklich mal ernst wird. Sie nimmt jeden neuen Tag, an dem sie aufstehen kann, als ein Geschenk Gottes. Sie freut sich über das, was ihre Kräfte noch erlauben. Sie klagt nicht über das, was sie nicht mehr kann. Sie schöpft dabei viel Kraft aus ihrem Glauben, zu dem sie in den letzten Jahren zurückgefunden hat. Trotz ihrer Krankheit ist sie aus diesem Grund in meinen Augen ein gesegneter Mensch.
Aus einem ähnlichen Holz war Paul Gerhardt geschnitzt. Von ihm stammt das Lied mit der Nr. 302 „Du meine Seele singe“. Als ich am Kantatesonntag des letzten Jahres an dieser Stelle predigte, war ja auch eines seiner Lieder Thema meiner Predigt. In diesem Jahr hat es sich so ergeben, weil „Du meine Seele singe“ das Wochenlied ist und wir es als Predigtlied und zugleich als einziges Gemeindelied dieses Sonntags singen werden.
Paul Gerhardt war ja auch ein Mensch, dem viel zu tragen auferlegt war. Den Text zu „Du meine Seele singe“ schrieb er 1653. Da war der furchtbare Dreißigjährige Krieg gerade einmal fünf Jahre vorbei. Wir heutigen Menschen fühlen uns schon nach etwas mehr als einem Jahr der Pandemie ausgelaugt und erschöpft. Die Schrecken dieses Krieges dauerten fast das halbe Leben des großen Dichters und Pfarrers. Als der Krieg ausbrach, war er gerade 11; als ihn der Westfälische Frieden beendete, hatte er seinen 41. Geburtstag schon hinter sich. In dieser Zeit musste er all das miterleben, was dieser Krieg an Schrecken mit sich brachte – Hunger, Krankheiten und nicht zuletzt durchziehende Heere mit all den unschönen Begleiterscheinungen. Diese Schrecknisse gab es nicht ständig, aber doch immer wieder – und ständig lebte man in der Angst, es könnte erneut eine schreckliche Belagerung oder etwas Ähnliches geben. Von Paul Gerhardts persönlichen Schicksalsschlägen im privaten wie im beruflichen Bereich einmal ganz zu schweigen.
Dennoch schreibt Paul Gerhardt in der ersten Strophe seines Liedes: „Ich will den Herren droben hier preisen auf der Erd; ich will ihn herzlich loben, solang ich leben werd“.
Ich sagte eben, Paul Gerhardt war aus einem ähnlichen Holz geschnitzt wie die Frau aus unserer Gemeinde, mit der ich telefonisch in der Pandemie Kontakt zu halten versuche. Er war sicherlich auch ein Mensch, der aus seinem Glauben heraus die Dinge anders sehen konnte als andere. Das hört man ja auch aus der zweiten Strophe heraus: „Wohl dem, der einzig schauet nach Jakobs Gott und Heil. Wer dem sich anvertrauet, der hat das beste Teil, das höchste Gut erlesen, den schönsten Schatz geliebt; sein Herz und ganzes Wesen bleibt ewig unbetrübt.“ Getragen von dem Vertrauen auf Gott bleibt das Herz des Dichters unbetrübt – auch wenn es so manches gäbe, das er beklagen könnte. Aber er sieht auf das, wofür er dankbar sein kann. In Gottes guter Schöpfung, davon erzählt die dritte Strophe, sieht er Gottes Macht am Werk und darin Gottes Güte. Die Erde wird ihm darum nicht in erster Linie zum Schauplatz des Schreckens, sondern hier ereignet sich die Gnade Gottes im Leben der Menschen. Paul Gerhardt erzählt in seinem Lied von der Erfahrung, dass Gott treu zu einem Menschen steht; er erlebt seinen Schutz in gewalttätigen Zeiten, er sieht, wie Menschen dem Tod entrinnen; er staunt darüber, dass Menschen in Zeiten des Mangels doch überleben und gesund bleiben; er ist dankbar, dass es immer wieder auch Erfahrungen von Rettung und Befreiung gibt in den furchtbaren Jahren des Krieges und auch in der nicht viel einfacheren Nachkriegszeit, in der er diese Zeilen schreibt.
Paul Gerhardts ansteckendes Gottvertrauen lässt ihn Gott loben. Er sieht auf das, wofür er danken kann. Er sieht nicht auf das, weswegen er Grund zur Klage hätte. Damit war und ist Paul Gerhardt nicht nur ein Vorbild im Glauben, sondern er war auch ein wirklich gesegneter Menschen – auch wenn er manches Schwere zu tragen hatte.
Was Paul Gerhardt geholfen hat, Gott zu loben, war allerdings nicht nur sein großes Gottvertrauen und die Gabe, dankbar zu sein. Der Dichter zeichnete sich auch durch eine große Demut vor Gott aus. Das ist uns heutigen ja ein wenig abhandengekommen. Paul Gerhardt stand staunend vor seinem Schöpfer und konnte gar nicht anders, als ihn zu loben und ihm zu danken. Alles andere wäre ihm anmaßend vorgekommen. Er trug die Gewissheit in sich, dass Gottes große Macht am Ende alles gutmachen wird – unabhängig davon, ob wir jetzt in dieser Welt alles gut finden oder alles verstehen, was geschieht. Er konnte einwilligen in den Willen Gottes, in sein Schicksal. Das macht manches einfacher. Wir heutigen begehren immer gern auf gegen das, was uns auferlegt wird. Wir wollen in diesen Monaten beispielsweise so schnell wie möglich zurück zur Normalität. Wenn wir das annehmen würden, was uns vorgegeben wird, wäre der Weg zur Normalität viel kürzer und es würde uns dabei seelisch besser gehen. Da war uns einer wie Paul Gerhardt weit voraus. Aus seiner Haltung einer wohlverstandenen Demut heraus kann er aus vollem Herzen die folgenden Zeilen verfassen: „Ach, ich bin viel zu wenig, zu rühmen seinen Ruhm. Der Herr allein ist König, ich eine welke Blum. Jedoch, weil ich gehöre gen Zion in sein Zelt, ist´s billig, dass ich mehre sein Lob vor aller Welt.“ Wer in Gottes Zelt auf dem Zion gehört, wer also im Glauben schon im Himmel wohnt, der kann gar nicht anders als Gott zu loben, den großen König des Himmels und der Erde.
So speist sich das Gotteslob Paul Gerhardts aus mehreren Quellen: aus seinem Gottvertrauen, aus seiner Gabe, aus diesem Vertrauen heraus Gott gegenüber vor allem dankbar zu sein, und nicht zuletzt aus seiner Demut, die ihn im Guten wie im Schweren in sein Schicksal einwilligen lässt. Mit dieser Haltung war Paul Gerhardt – ich sagte es schon – reich gesegnet.
Ich sehe aber noch eine weitere Quelle seines Gotteslobs: Das ist die Musik und der Gesang. Paul Gerhardt hat ja nicht zufällig Texte für Lieder geschrieben. Er hätte seine Gedanken ja auch in Prosa formulieren können. Er schrieb aber Liedtexte, die sich so wunderbar vertonen ließen. Paul Gerhard war letztlich auch ein singender Mensch. Loblieder auf Gott zu singen, nicht zuletzt das ließ ihn die Wirklichkeit anders sehen. Denn das Singen tat seiner Seele gut, wie es uns allen gut tut. Wir sind als singende Menschen von Gott erschaffen worden. Es ist in uns angelegt, dass wir durch den gemeinschaftlichen Gesang miteinander und mit Gott in Verbindung treten. Im Singen verleihen wir unseren Gefühlen Ausdruck. Wir lassen alles aus uns heraus, was uns bewegt, wenn wir singen. Es gibt wenige Dinge, die unserer Seele so gut tun wie das Singen. Umso schmerzlicher ist es, dass ausgerechnet der Gesang dazu beitragen könnte, dass dieses tückische Virus sich von Mensch zu Mensch verbreitet.
Nicht zufällig lässt Paul Gerhardt darum dieses Lied mit den Worten „Du meine Seele singe“ beginnen. Er weiß: Es singt die Seele mindestens ebenso sehr wie der Mund. Eine singende Seele wiederum kann nicht anders als Gott zu loben und ihm zu danken. Ja, wir kennen auch traurige und klagende Lieder. Aber selbst diese Lieder helfen unserer Seele Trauer und Schmerz zu bewältigen und wieder zuversichtlich in die Zukunft zu schauen.
„Du meine Seele sing, wohlauf und singe schön dem, welchem alle Dinge zu Dienst und Willen stehn.“ Wer wie Paul Gerhardt diese Worte singt, kann nicht übersehen, wie freundlich Gott uns ansieht, wie sehr er uns tröstet in den schweren Stunden und wie viel Gutes er uns schenkt in unserem Leben.
Amen.

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