Predigt zum 3. Sonntag nach Epiphanias, 24. Januar 2021

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Predigt zum 3. Sonntag nach Epiphanias, 24. Januar 2021

24.01.2021

Predigt im Gründungsgottesdienst des Kirchgemeindebunds Freiberg zu Ruth 1, 1 - 19a; gehalten von Pfarrer Urs Ebenauer in der Kirche Oberschöna

Liebe Gemeinde,
das Brautpaar und ich sind im Gespräch. Ich frage sie, ob sie einen Wunsch haben für ihren Trauspruch. „Wir haben uns mal im Internet umgesehen“, sagen sie. „Uns gefällt der Spruch aus dem Buch Ruth sehr gut: Wo du hingehst, da will auch ich hingehen. Dein Gott ist mein Gott.“ Ich frage sie, warum sie sich gerade diesen Spruch ausgesucht haben. Sie sagen, dass es ihnen schon wichtig ist, dass auch der gemeinsame Glaube eine Rolle spielt auf dem nun beginnenden gemeinsamen Weg durch das Leben.
Heute feiern wir in diesem Gottesdienst zwar keine Hochzeit. Aber wir verbinden uns wie in einer Ehe. Ähnlich wie ein Ehepaar bleiben unsere Kirchgemeinden selbstständige Wesen. Aber wir beginnen jetzt im Januar 2021 einen gemeinsamen Weg: Wie ein Ehepaar haben wir eine gemeinsame Kasse. Wie ein Ehepaar tragen wir gemeinsam Verantwortung – im Falle des Kirchgemeindebunds für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wie ein Ehepaar erledigen wir Dinge gemeinsam – nicht zuletzt die Aufgaben, die die Verwaltung mit sich bringt. 
Insofern ist es eine wunderbare Fügung, dass wir heute an diesem 3. Sonntag nach Epiphanias diesen Text aus dem Buch Ruth als Predigttext haben. Es ist eine Fügung, weil der Termin durch den Kalender von Landesbischof Rentzing zustande gekommen ist. Ihn hatte ich gleich nach der Unterzeichnung des Kirchgemeindebundvertrags eingeladen. Dass wir nun doch ohne Landesbischof feiern, steht auf einem anderen Blatt.
Wo du hingehst, da will auch ich hingehen. Dein Gott ist mein Gott.
Der zweite Satz müsste für uns heute allerdings eigentlich der erste sein. Was uns entscheidend verbindet, ist unser gemeinsames lutherisches Bekenntnis zu Jesus Christus. Das ist der Grund, warum wir überhaupt einen gemeinsamen Weg gehen können. Nun gibt es ja unter uns auch große Unterschiede der Frömmigkeit. Da gibt es die Christen, die es für sich wichtig finden, lebendige Erfahrungen mit Christus und seinem heiligen Geist zu machen. Sie machen diese Erfahrung in der Anbetung und nicht zuletzt auch in den Lobpreisliedern. Ich denke, hier in Oberschöna ist Ihnen das nicht fremd, auch wenn in unserem Kirchgemeindebund solche Christen vorwiegend in der Jakobikirche in Freiberg anzutreffen sind. – Dann gibt es die konservativen Christen. Die sind nicht zuletzt in unserer Kirchgemeinde am Dom zu finden. Wir lieben die alten Formen und Liturgien, vor allem die Kirchenmusik Johann Sebastian Bachs. Wir fühlen uns dem lutherischen Bekenntnis verpflichtet und seiner Hochschätzung von Predigt und Abendmahl. Wir halten fest an den alten Glaubensüberlieferungen, versuchen sie allerdings in unsere Zeit zu übersetzen, damit auch alle sie verstehen können. – Schließlich gibt es diejenigen unter uns Christen, die sich der Welt öffnen wollen, um das Evangelium verkündigen zu können. In der Petrikirche ist dieser Ansatz sogar im Innenraum sichtbar geworden. Dazu gehört es auch, sich in besonderer Weise der Verantwortung für die Welt zu stellen, in Verantwortung vor Gott nach Frieden, Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung zu streben. Sicherlich kann man uns evangelisch-lutherische Christen und Gemeinden nicht in Schubladen sperren. Aber das beschreibt in etwa die Bandbreite, die es unter uns gibt. Dennoch gehören wir gemeinsam zu dem einen Gott. Wir alle bekennen uns dazu, dass niemand vor Gott gerecht wird, also mit Gott ins Reine kommen kann, außer durch den Glauben an Jesus Christus. Wir sprechen dasselbe Glaubensbekenntnis im Gottesdienst. Wir sind der Reformation Martin Luthers verpflichtet. Wir laden Eltern ein, ihre Kinder taufen zu lassen. Das ist eine tragfähige Grundlage für einen gemeinsamen Weg. Sie wiegt viel schwerer als die Unterschiede, die es in unseren Frömmigkeiten gibt. So fällt es uns nicht schwer zueinander zu sagen: Dein Gott ist mein Gott.
Ruth sagt zu Noomi: Wo du hingehst, da will auch ich hingehen. Sie sagt es, weil sie an denselben Gott glaubt; an den Gott Israels. Dorther ist Noomi gekommen und dorthin will sie nun wieder zurückkehren. Ruth sagt es aber auch, weil sie sich mit Noomi innerlich verbunden fühlt und ihr vertraut.
Das ist auch für unseren gemeinsamen Weg im Kirchgemeindebund entscheidend. Wir können dankbar sein, dass in den letzten drei Jahren an dieser Stelle schon viel gewachsen ist. Als ich vor sechs Jahren nach Freiberg kam, da gab es – zumindest in der Stadt – erhebliche Rivalitäten unter den Kirchgemeinden. Es bedurfte einiger Gespräche, am Reformationstag einen gemeinsamen Gottesdienst zu feiern. Dieser Gottesdienst ist dann allerdings in meinen Augen ein Startschuss für den Weg zum Kirchgemeindebund gewesen. Der Dom war mit Christen aus Freiberg und wohl auch der Region fast überfüllt; das Wandelabendmahl nahm kein Ende. Das war eine bewegende Erfahrung: So schön kann es sein, wenn wir einen gemeinsamen Weg miteinander gehen! In der Zeit seitdem ist viel Vertrauen gewachsen zwischen unseren Kirchgemeinden. Wir alle haben das Vertrauen, dass niemand den anderen bevormunden will und niemand Vorteile auf dem Rücken der anderen erringen will. Wir sind in Jesus Christus verbunden. Das ist eine Erfahrung, die unseren Weg begleiten wird, auch wenn es sicherlich auch mal unterschiedliche Meinungen und Streit um den richtigen Weg geben wird.
Mit dem Inkrafttreten des Vertrags zur Gründung des Kirchgemeindebundes haben wir nun zueinander gesagt: Wo du hingehst, da will auch ich hingehen. Ein gemeinsamer Weg hat begonnen. Das wird auch schon sichtbar – nicht nur an diesem Gottesdienst. Am Donnerstag vor einer Woche haben die Mitglieder des Vorstand des Kirchgemeindebundes erstmals zusammen getagt, mit Dr. Ingo Müller einen Vorsitzenden gewählt und wichtige Entscheidungen vor allem in Personal- und Finanzfragen getroffen. Auch die gemeinsame Verwaltung arbeitet. Uns ist im Vertrag sehr wichtig gewesen, dass wir wie in einer guten Ehe miteinander umgehen wollen. Niemand soll in seiner Eigenständigkeit verletzt werden. Niemand verliert seine Selbstständigkeit. Aber das, was wir einfacher oder besser zusammen gestalten können, das wollen wir auch zusammen machen. Der Kirchgemeindebund soll es unseren Kirchgemeinden ermöglichen, ihrem Auftrag noch besser gerecht zu werden. Er soll sie unterstützen. Er soll sie aber nicht einengen oder die Individualität der Kirchgemeinden begrenzen.
Für Ruth war es ein Abschied von ihrem Zuhause, als sie zu Noomi sagte: Wo du hingehst, da will auch ich hingehen. Auch wir mussten Abschied nehmen – vor allem von unseren früher eigenständigen 15 Kirchgemeinden. Manchmal sind Abschiede aber notwendig. Ohne Abschiede kann nichts Neues entstehen. Ohne Abschiede kann der Weg nicht in die Zukunft gehen. Für Noomi hat sich der Aufbruch auf einen gemeinsamen Weg in die Heimat ihrer Schwiegermutter gelohnt. Das Buch Ruth erzählt uns, dass sie in Israel einen guten  und zudem wohlhabenden Mann fand. Sie wurde Mutter. Sie wurde dadurch zugleich Ahnmutter des Königs David und über Josef auch so etwas wie die Ahnmutter Jesu. So schildert es uns der Evangelist Matthäus im ersten Kapitel. Gott hat den Aufbruch der Ruth reich gesegnet.
Was hält Gott in seiner Zukunft wohl für unsere Gemeinden bereit? Wir wissen es nicht. Sicherlich wird es nicht nur eine strahlende Zukunft sein. Die momentan wachsende Glaubenslosigkeit wird es uns nicht leicht machen. Wenn wir uns aber die Haltung der Ruth zu eigen machen, wird es dennoch eine gute gemeinsame Zukunft sein. Im Bewusstsein, dass wir durch unseren gemeinsamen Glauben an Jesus Christus Geschwister sind, und im gegenseitigen Vertrauen werden wir einen guten Weg miteinander gehen. Wir werden uns gegenseitig unterstützen – personell, finanziell und organisatorisch. Wir werden einander viel besser in den Blick bekommen und begegnen, als es bisher möglich war. Wir werden gesegnete Gottesdienste miteinander feiern und Projekte auf den Weg bringen, die wir allein nie hätten bewältigen können. Wie der Aufbruch der Ruth von Gottes Segen begleitet war, so wird es auch dieser Aufbruch zu einem gemeinsamen Weg sein.
Das erbitten wir heute von Jesus Christus, unserem Herrn.
Wo du hingehst, da will auch ich hingehen. Dein Gott ist mein Gott.
Amen.

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