Predigt zum 3. Sonntag nach Epiphanias, 23. Januar 2022

Predigtarchiv

Predigt zum 3. Sonntag nach Epiphanias, 23. Januar 2022

23.01.2022

zu Matthäus 8, 5 - 13; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
„Tel Aviv.
Korrespondentenberichten zufolge soll sich im Norden Israels ein Mann aufhalten, dem paranormale Kräfte nachgesagt werden. Gerüchten besagen, er habe auf einer Hochzeit aus ganz normalem Leitungswasser Wein gemacht. Augenzeugen berichten zudem übereinstimmend, er trete als Wunderheiler auf. Vorläufiger Höhepunkt dieser aufsehenerregenden Ereignisse sei in der letzten Woche die Fernheilung eines ausländischen Militärangehörigen gewesen. Die zuständigen Gesundheitsbehörden erklärten, sie seien vorläufig zu einer Stellungnahme nicht bereit.“
Liebe Gemeinde, was würden Sie zu einer solchen Meldung in den Fernsehnachrichten sagen? Ich vermute einmal, wir alle wä­ren reichlich skeptisch. Und die naheliegende Vermutung wäre, dieser Mann sei ein Betrüger, der mit seinen angeblichen Wunderheilungen Geld verdienen und einen großen Presserummel um seine Person erzeugen wolle.
Was aber machen wir mit den gleichlautenden Berichten in den Evangelien, in denen diese Dinge nicht irgendeinem Unbekannten sondern Jesus nachgesagt werden? Wie gehen wir mit diesen Ge­schichten um? Nehmen wir sie so, wie sie nun einmal sind, weil es ja um Jesus geht? Oder erscheint uns das alles viel zu märchen­haft mit der Konsequenz, dass uns das, was die Bibel über Jesus erzählt insgesamt ein wenig zweifelhaft vorkommen muss? Beide Positionen hat es ja in der Vergangenheit unter Theologen an den Universitäten und Christen in den Gemeinden gegeben.
Da gab es zum einen solche, die haben die Berichte der Evange­lien über die Wundertaten Jesu als reine Gerüchte eingestuft. Man weiß ja, wie das ist, wenn Menschen sich etwas über einen ande­ren erzählen. In der Kleinstadt, in der ich meine erste Pfarrstelle hatte, sagte man: Wenn jemand sich in der Oberstadt in den Finger geschnitten hat, dann ist er zehn Minuten später in der Unterstadt gestorben. Für unsere Erzählung hieße das dann: Weil Menschen sich in der Gegenwart Jesu besser fühlten, weil er ihnen ihre Ängste und Sorgen nehmen konnte, darum wurden ihm dann auch Heilungen nachgesagt. Und das wurde dann noch einmal in unserer Geschichte gesteigert, wo Jesus dem Kranken nicht einmal mehr nahe sein muss, sondern ihn sogar schon aus der Ferne heilt.
Das Schwierige daran ist allerdings: Wenn das, was von Jesus erzählt wird, durchweg als so etwas wie eine Legende eingestuft wird, was bleibt dann noch von dem Evangelium übrig? Denn dann muss ja auch die Auferstehung eine Legende sein. Ich habe in meiner Studienzeit einen Professor für Neues Testament erlebt, dem wir damals genau diese Frage gestellt haben; und er konnte keine überzeugende Antwort darauf geben. Wenig später hat sich dieser Mann vom christlichen Glauben losgesagt und durfte nicht mehr als Theologe lehren.
Die extreme Gegenposition dazu ist dann die, alles, was in der Bibel steht, ganz und gar wörtlich zu nehmen. Weil es in der Bibel steht und die Bibel ja Gottes Wort ist, darum muss man alles glau­ben. Und wenn erzählt wird, dass Jesus über einen See gelaufen ist, dann war für ihn eben das Gesetz der Schwerkraft außer Kraft gesetzt. Schließlich war er Gottes Sohn. Warum sollte er dann nicht die Erdanziehungskraft überwinden können?
Unproblematisch ist diese Haltung auch nicht. Schwierig an dieser Position ist nämlich, dass sie nur schwer mit unseren normalen Lebenserfahrungen in Einklang zu bringen ist. Über Wasser kann man nun einmal nicht laufen. Ebenso wenig lässt sich Wasser in Wein verwandeln. Warum sollte Gott durch Jesus auch an seiner eigenen Schöpfung herumspielen lassen? Da ist dann der Verdacht schwer zu entkräften, die Erzählungen von Jesus seien Legenden ohne einen Anhalt in der Realität.
Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma? Ich glaube schon! Ein Teil der Lösung besteht darin, dass auf ihre Weise beide Po­sitionen Recht haben.
Natürlich sind die Berichte über Jesus übertrieben worden. Die Menschen, die diese Dinge erzählt haben, wollten ja zum Glauben an Jesus Christus einladen. Sie wollten die Hörer davon überzeu­gen, dass Jesus der Heiland ist. Da trägt man schon einmal ein we­nig dicker auf und merkt es in seiner Begeisterung vielleicht nicht einmal. In der Erinnerung werden die Dinge ja ohnehin leicht ein wenig dramatischer, als sie es wirklich waren. Das kennt man ja auch von sich selbst.
Aber andererseits gibt uns das auch nicht das Recht, alles für übertrieben zu halten, was die Evangelien über Jesus berichten. Die Theologen des 19. Jahrhunderts, die damit begannen, an den Wundern Jesu zu zweifeln, die hätten sich auch die Heilungen von seelisch bedingten körperlichen Krankheiten durch Psychotherapie nicht vorstellen können. Wir wissen heute, dass Rückenschmerzen, Magengeschwüre oder Herzbeschwerden seelische Ursachen haben können. Ich selber habe einmal gemerkt, wie Rückenschmerzen durch ein ermutigendes Wort plötzlich deutlich besser wurden. Das hätten die kritischen Theologen des 19. Jahrhunderts als ein Märchen abgetan. – Zudem wissen wir heute auch, dass es eine Wirklichkeit außerhalb unseres wissenschaftlichen Verstehens der Welt gibt. Die Akkupunktur ist ein Beispiel dafür. Unsere Medizin kann es nicht erklären, warum es einen Effekt hat, wenn man kleine Nadeln an bestimmten Stellen in die Haut sticht. Dennoch spüren viele Menschen eine Heilung durch die Akkupunktur. Es gibt eben Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir uns nicht erklären können, die es aber dennoch gibt. Es ist eben nur ein Teil der Wirklichkeit und nicht die ganze Wirklichkeit, die wir mit unserem wissenschaftlichen Weltbild verstehen können. Jesus hatte ohne Zweifel die Gabe, Menschen heil zu machen an Leib und Seele. Dass in ihm Gottes Geist wirksam war, stand außer Zweifel für die, die Jesus begegneten.
Vor allem aber kommt man aus dem Dilemma zwischen den beiden Positionen heraus, wenn man gerade nicht fragt: Ist das wirklich so geschehen? Die eigentliche Frage ist: Was ist eigentlich die Wahrheit dieser Erzählung? Denn das war das Anliegen der Erzähler der Geschichten von Jesus: Sie wollten die Wahrheit über ihn erzählen, die Wahrheit, die ihr Leben verändert hatte. Darum haben sie von Heilungen berichtet, die Gottes Liebe unter den Menschen sichtbar werden ließ. Darum haben sie von Menschen erzählt, deren Leben in der Begegnung mit Jesus heil wurde. Darum haben sie auch diese Geschichte von der Heilung des Knechts des Hauptmanns aus der Ferne erzählt. Sie wollten uns damit zum Glauben an Jesus Christus einladen. Sie wollten uns deutlich machen: Wer so auf Jesus vertraut, wie es dieser heidnische Hauptmann getan hat, der erlebt, dass in seinem Leben Unmögliches möglich und das Leben heil wird. Im Glauben an ihn öffnen sich verschlossene Türen. In einer Beziehung zu Christus findet das Leben Heilung, wird es heil. Das ist das Entscheidende!
Zugleich wird hier im Übrigen deutlich, dass sich in Jesus die Weissagungen der Propheten erfüllt haben. In der Endzeit sollten die Heidenvölker an den Gott Israels glauben. Der Glaube des römischen Hauptmanns zeigt: Genau das hat mit Jesus angefangen.
In einer Beziehung zu Jesus Christus wird unser Leben heil, findet es Heilung. Ich würde das jetzt nicht so verstehen wollen wie eine Frau, von der ich kürzlich hörte. Sie lässt sich nicht impfen, weil sie sich von Gott behütet weiß. Das ist natürlich ein beeindruckender Glaube. Aber was, wenn Gott sie gerade durch die Impfung behüten möchte? Aber natürlich gibt es Erfahrungen, dass Kranke Gottes Wirken in ihrem Leben spüren. Nicht immer erleben sie es, dass sie gesund werden. Aber es gibt auch ein Heilwerden in der Krankheit. Eine Frau, mit der ich regelmäßig spreche, leidet unter einer schweren und letztlich todbringenden Krankheit. Sie hat sich bewusst gegen eine Behandlung entschieden. Sie erlebt nun, dass sie schon sehr viel länger mit dieser Krankheit leben darf, als es die Ärzte vermutet hätten. Auch das kommt einer Heilung recht nahe. Sie weiß sich dabei geborgen in Gottes Hand. Dieser Glaube macht ihr Leben eigentlich heil: Sie ist nämlich nicht verzweifelt darüber, dass sie über kurz oder lang sterben wird. Sie kann jeden neuen Tag dankbar aus Gottes Hand entgegennehmen. Sie hat ihren Frieden gefunden. Auch so wird ein Leben heil durch Jesus Christus.
Amen.

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben