Predigt zum 3. Sonntag in der Passionszeit (Okuli), 7. März 2021

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Predigt zum 3. Sonntag in der Passionszeit (Okuli), 7. März 2021

07.03.2021

zu Epheser 5, 1 - 9; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
am Freitag bekamen wir über WhatsApp ein niedliches Foto von unserem eineinhalbjährigen Enkelkind zugeschickt. Unsere Tochter Hannah war mit ihm unterwegs zum Spielplatz. Weil es dort keine Schaufel und keine Sandförmchen gibt, hatte sie die in einer Tasche mitgenommen. Diese Tasche wollte nun der kleine Kerl tragen. Das war aber gar nicht so einfach. Er musste sie schon sehr hoch halten, damit sie nicht auf dem Boden hing. Schließlich hängte unsere Tochter sie ihm schräg über die Schulter. So konnten wir auf dem Foto unseren kleinen Schatz sehen, wie er mit der viel zu großen Tasche über den Schultern auf dem Weg zum Spielplatz ist.
So machen es die kleinen Kinder: Sie ahmen die Erwachsenen nach. Dadurch lernen sie, ihren Weg in das Leben zu gehen. Sie ahmen die Sprache nach und die Verhaltensweise. Und wenn die Tante die Tasche zum Spielplatz trägt, dann will so ein kleiner Junge die Tasche eben auch mal tragen.
Nun ist es aber nicht so, dass wir Erwachsenen nicht auch andere nachahmen. Irgendwer fand es mal ganz praktisch, die Schutzmaske unter der Nase zu tragen und hat es anderen vorgemacht. Nun wird dieses Verhalten von vielen Menschen hier bei uns nachgeahmt. Leider ist dies alles andere als nachahmenswert, denn es trägt dazu bei, dass die Epidemie nur schwer unter Kontrolle zu bringen ist. Nachahmung gibt es natürlich auch im Positiven. Wenn es beispielsweise einige in der Konfigruppe gibt, die sonntags in die Kirche gehen, dann machen auch die anderen mit. Das ist natürlich auch den Erwachsenen zur Nachahmung empfohlen.
Unser Leben wird also von klein auf davon geprägt, dass wir andere nachahmen. Die Frage ist nur, wen oder welches Verhalten wir nachahmen.
Der Apostel empfiehlt es seiner Gemeinde und natürlich auch uns, Jesus Christus nachzuahmen. „Ahmt Gott nach als geliebte Kinder“, schreibt er. So wie unser Enkelkind seine Tante nachgeahmt und die Tasche selbst getragen hat, so sollen wir wie Christus Hingabe und Liebe leben. Der Apostel erinnert daran, dass Christus am Kreuz sein Leben für uns hingegeben hat – so sehr hat er uns geliebt. Diese Hingabe sollten wir uns zum Vorbild nehmen; diese Hingabe sollen wir nachahmen.
Nun meint der Apostel damit natürlich nicht, dass wir uns kreuzigen lassen sollen. Natürlich gibt es auch für uns Christen Leidenswege und in manchen Teilen der Welt werden Christen verfolgt und im Einzelfall auch wegen ihres Glaubens getötet. Aber daran denkt der Apostel gar nicht. Er denkt eher an das ganz praktische Leben und Zusammenleben.
Beispielsweise nennt er „närrische und lose Reden“. Wer heute zur Schule geht, macht immer wieder Erfahrungen damit, dass über solche Dienste wie WhatsApp leider nicht nur süße Fotos verschickt werden. Es wird auch heftig über andere gelästert und das überschreitet manchmal alle Grenzen. Es hat schon Selbstmorde von Schülerinnen oder Schülern wegen solchen Mobbings gegeben. Sich aus so etwas herauszuhalten, notfalls auch dem Druck zu widerstehen, da mitzumachen, das ist zum Beispiel gemeint, wenn es um das Nachahmen Jesu geht.
Eher an uns Erwachsene richtet sich die Warnung vor Habsucht und Unzucht. Kanzler Schröder hat ja mal gescherzt, er würde gern Audi fahren, weil bei diesen Autos vier Ringe den Kühler verzieren. Inzwischen hat er sogar die fünfte Frau und sein zweifelhaftes Engagement für eine russische Gasfirma bringt ihm auch viel mehr Geld ein, als er eigentlich ausgeben kann. Christus nachzuahmen bedeutet dagegen, verantwortungsvoll mit seinen Beziehungen und auch mit seinem Geld umzugehen, sich zu bescheiden, Grenzen zu achten. Das entspricht dem Willen Gottes für unser Leben und trägt zum Reichtum und zur Erfüllung eines Lebens bei.
Das klingt allerdings alles ein wenig nach dem erhobenen Zeigefinger. Insofern bin ich froh, dass der Apostel am Ende sehr positive Dinge aufzeigt, um die es bei der Nachahmung Christi geht. „Lebt als Kinder des Lichts“, schreibt er. „Die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“
Wenn ich das Wort Güte denke, dann verbinde ich damit eine liebe ältere Frau, die ihrem Enkel Schokolade schenkt. Das ist nicht falsch, aber eher eine Karikatur von dem, was hier gemeint ist. Güte ist eine Hingabe an das Gute. Am Freitagabend habe ich in der Talkshow des Nordeutschen Rundfunks einen sehr bemerkenswerten Mann gesehen. Er wurde nach einem Diskobesuch angegriffen und so unglücklich von einem Schlag getroffen, dass er bewusstlos wurde und mit dem Kopf ungebremst auf dem Boden aufschlug. Seitdem ist er spastisch gelähmt. Man könnte nun meinen, dass dieser Mann voller Hass auf den Täter ist und im Selbstmitleid versinkt. Das Gegenteil aber ist der Fall. Er hat dem Täter verziehen, wenn er es auch nicht versteht, dass er für seine Tat eigentlich nicht bestraft wurde. Vor allem aber geht er unter anderem in Strafanstalten und erzählt dort von seinem Schicksal, um diesen Menschen deutlich zu machen, dass Gewalt keine Lösung ist. Dieser Mann ist in gewisser Weise auch „gütig“, weil er verzeihen kann und keine Vorurteile gegenüber Straftätern hat. Aber er hat sich auch leidenschaftlich dem Guten verschrieben. Er will die Welt ein wenig besser machen, Jugendliche vor dem Weg in die Gewalt bewahren. Er will ihnen deutlich machen, dass es cool ist, Konflikte ohne Gewalt zu lösen und das Miteinander zu stärken.
Das zweite Stichwort des Apostels nach der Güte ist die Gerechtigkeit. Auch dieser Begriff ist anders gemeint, als wir das landläufig so kennen. Es geht nicht darum, dass der Pudding aus der Schüssel gerecht auf alle verteilt wird, die am Tisch sitzen. Gerechtigkeit in der Bibel hat etwas mit den Beziehungen zu tun, in denen wir leben. Aus der Liebe Gottes zu leben, das ist Gerechtigkeit. Wer so lebt, wird natürlich auch darauf achten, dass es gerecht unter uns und in der Welt zugeht. Dann kann aber auch mal einer mehr Pudding bekommen als die anderen, weil er oder sie vielleicht bedrückt ist und etwas mehr Trost in Form der süßen Speise gebrauchen kann. Auch zu diesem Stichwort habe ich einen Menschen vor Augen. Es ist eine Doktorandin der Bergakademie, von der ich von der Kanzel schon mal erzählt habe. Sie stammt aus Kamerun und hat hier erlebt, wie gut es uns in Deutschland geht. In dem Dorf, aus dem sie ursprünglich stammt, gibt es dagegen nicht einmal Strom und damit kein Licht ab 18:00 Uhr und keine Möglichkeit, ins Internet zu gehen. Sie hat sich darum dafür eingesetzt, dass Solaranlagen in ihrem Dorf aufgebaut werden und um Spenden gebeten. Die ersten Anlagen sind jetzt montiert und haben das Leben der Menschen dort schon deutlich verbessert. Das ist in meinen Augen ein Stück Hingabe an die Gerechtigkeit im biblischen Sinn. Denn sie hat dafür gesorgt, dass es ein wenig gerechter zugeht in der Welt.
Das dritte Stichwort ist die Wahrheit. Auch bei diesem Begriff geht in im biblischen Sinn natürlich vorrangig erst einmal um die Wahrheit Gottes, dass er uns liebt und dass sein Sohn sich für uns hingegeben hat. Dass ist die eigentliche Wahrheit der Welt und die eigentliche Wahrheit des Lebens. Wer sich dieser Wahrheit verschreibt, wird natürlich auch für die Wahrheit in dieser Welt kämpfen. Auch damit verbinde ich eine Person, einen jungen slowakischen Journalisten, der mutig über die Korruption in seinem Land berichtet hat und dafür – wie Jesus – mit seinem Leben bezahlt hat. Aber sein Tod war der Auslöser, dass die Menschen sich nicht mehr länger belügen lassen wollten. Die alte Regierung wurde abgewählt und eine neue Präsidentin wurde gewählt.
Liebe Konfirmanden, aus Euren Konfirmationssprüchen spürt man eine große Sehnsucht in Euch danach, dass Gott euch behütet und bewahrt und ein Licht für Euch ist in allen Dunkelheiten dieser Welt. Ihr seid Kinder des Lichts, sagt die Bibel – auch und gerade zu Euch. Verschreibt Euch dem Guten, der Gerechtigkeit, der Wahrheit! Ihr macht damit diese Welt ein wenig besser. Ihr bringt damit Licht in die Dunkelheiten der Welt. Umgekehrt werdet Ihr aber gerade dadurch spüren, dass das Licht der Liebe Gottes Euer Leben bescheint – wie das Licht heute durch die Fenster unseres Doms scheint.
Amen.

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