Predigt zum 21. Sonntag nach Trinitatis, 24. Oktober 2021

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Predigt zum 21. Sonntag nach Trinitatis, 24. Oktober 2021

24.10.2021

zu Matthäus 10, 34 - 39; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
in einem schon etwas vorgerückten Alter war die Frau noch einmal schwanger geworden. Sie und ihr Mann taten sich sehr schwer, diese Schwangerschaft innerlich anzunehmen. Wollten sie wirklich noch einmal mit alledem anfangen: durchwachte Nächte, Kindergeschrei, Windeln, Kinderkrankheiten und all das, was mit einem Säugling und Kleinkind eben verbunden ist? Nicht ganz leichten Herzen entschieden sie sich, das Kind zu bekommen und es großzuziehen. Als das kleine Mädchen dann geboren war, ging alles viel einfacher, als sie es sich vorgestellt hatten. Vielleicht lag es daran, dass sie bei diesem Kind schon etwas gelassener waren, als sie es als junge Eltern bei den viel älteren Geschwistern des kleinen Mädchens gewesen waren. Die Last, das Kind großzuziehen, war viel geringer als befürchtet. Die Freude wiederum, dieses kleine Wesen aufwachsen zu sehen, ihm zu helfen, sich die Welt zu erschließen, war sehr viel größer, als sie es sich je hätten vorstellen können. – Viele Jahre später war das Paar alt geworden. Besonders der Vater war sehr gebrechlich. Die beiden älteren Kinder lebten inzwischen an weit entfernten Orten. Zwar gab es regelmäßige Kontakte, aber eine Hilfe konnten diese Kinder dem alten Ehepaar nicht sein. Die inzwischen junge Frau aber war in der Nähe geblieben. Vielleicht hatte sie es genauer als die beiden älteren Geschwister wahrgenommen, dass der Vater bald alt und auf Hilfe angewiesen sein würde. Jedenfalls fühlte sie sich mehr für die alten Eltern verantwortlich, als man es von einer so jungen Frau hätte erwarten können. Die alte Mutter konnte die Pflege ihres Mannes überhaupt nur leisten, weil die junge Frau ganz oft kam und sie unterstütze. Beide alten Leute waren unendlich dankbar. „Wie dumm waren wir damals!“ sagte eines Tages der Mann zu seiner Frau. „Wir dachten, unsere Tochter würde eine große Last für uns werden. Aber nun trägt sie uns!“
Liebe Gemeinde,
diese Geschichte, so las ich vor Jahren, hat sich so ähnlich tatsächlich abgespielt. Sie fiel mir ein, als ich den Satz Jesu las: „Wer sein Leben findet, der wird´s verlieren. Und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird´s finden.“
Dieses Wort Jesu klingt für uns beim ersten Hinhören ein wenig schreckenerregend. Als sei die Nachfolge Jesu mit unendlichen Opfern verbunden. Das ist natürlich in gewisser Weise auch so gemeint. Die Jünger Jesu mussten tatsächlich mit ihren Familien brechen, wollten sie mit Jesus mitgehen. In den orientalischen Gesellschaften ist es zum Teil noch heute so, dass die Eltern vorgeben, wie der Werdegang junger Leute auszusehen hat. Da war es jedenfalls zur Zeit Jesu kaum denkbar, einfach seinen eigenen Plänen zu folgen. Mit einem armen Wanderprediger loszuziehen und seine neuartigen Gedanken über Gott unter die Leute zu bringen, war sicherlich nicht das, was sich die Eltern der Jünger für ihre Kinder erträumt hatten. Noch heute würden wir es als schwierig empfinden, wenn ein junger Familienvater einfach seine Frau und Kinder verlassen, und sich irgendeiner obskuren religiösen Gruppe anschließen würde. Das stieß in den Familien naturgemäß auf Widerstand. Diesen Widerstand mussten die brechen, die sich Jesus anschließen wollten. Das war schon mit Schmerzen, mit Abschieden verbunden. Das war ganz zweifellos ein Opfer.
Aber die Jünger Jesu machten in der Nachfolge Jesu die Erfahrung, dass ihnen viel entgangen wäre, hätten sie dieses Opfer nicht auf sich genommen. Sie wussten, dass sie Teil von etwas ganz Großem waren. Sie spürten, dass von Jesus eine Kraft ausging, die nur von Gott kommen konnte. Sie wurden getragen von einer Freude und einer Hoffnung, die sie nie zuvor erlebt hatten. Umso größer war natürlich ihre Verzweiflung, als es am Karfreitag zunächst so aussah, als sei Jesus und das, wofür er stand, gescheitert. Aber am Ostermorgen sahen sie Jesus und die Hoffnungen, die sie mit ihm verbunden hatten, bestätigt. Gott hatte ihm ein neues Leben in Gottes Himmelreich geschenkt. Die Hoffnung auf ein solches Leben war noch einmal eine unglaubliche Steigerung dessen, was sie ohnehin schon gehofft hatten. Diese Hoffnung weiterzugeben, wurde von da an ihr Lebensinhalt. Dafür waren sie erst recht bereit, Mühen und auch Opfer auf sich zu nehmen.
„Wer sein Leben findet, der wird´s verlieren. Und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird´s finden.“ Das klingt für uns beim ersten Hinhören ein wenig schreckenerregend. Wenn wir beispielsweise an das Schicksal des Stephanus denken, der für seinen Glauben an Jesus Christus gesteinigt wurde. Es gibt bis heute Christen, die ganz buchstäblich ihr Leben verlieren um ihres Glaubens und um Christi willen. Wir hoffen für sie, dass auf sie das ewige Leben in der Gemeinschaft mit dem auferstandenen Jesus Christus wartet. Wir vertrauen darauf, dass Jesu Worte auf diese Weise ihre Erfüllung finden. Aber wir sind schon froh, dass wir uns auf einer anderen Ebene mit der Wahrheit dieses Satzes auseinandersetzen dürfen. An dieser Auseinandersetzung kommen wir aber nicht vorbei.
Denn es gilt im ganz alltäglichen Leben ebenso wie in den Fragen des Glaubens: Ohne einen Einsatz, ohne die Investition von Kraft und Zeit, ohne Mühe und manchmal auch ohne Opfer ist nicht zu haben, worauf es im Leben wirklich ankommt.
Wir leben ja in einer Zeit, in der das billige Vergnügen gefragt ist. Manche junge Leute in den Städten sind gar nicht mehr in der Lage, eine Beziehung einzugehen, weil ihnen das viel zu anstrengend ist. Unverbindliche Kontakte, die man über Plattformen wie Tinder knüpfen kann, sind doch viel spannender und aufregender. Die Welt ist doch voller attraktiver Menschen. Warum sollte man sich da an einen einzigen binden? – Ja, man gibt all die anderen auf, wenn man sich für einen oder eine entscheidet. Auch das mag man als ein Opfer ansehen. Natürlich ist es auch anstrengend, sich auf einen anderen Menschen einzulassen; seine Fehler und Schwächen zu tragen und manchmal zu ertragen. Natürlich ist es mit Mühen und Opfern und nicht zuletzt auch mit finanziellen Einschränkungen verbunden, wenn man dann noch miteinander Kinder großzieht. Aber was ist das alles beispielsweise gegen das glückselige Lächeln einer frischgebackenen Großmutter, das wir in dieser Woche in der Kanzlei sehen durften, weil in der Nacht das Enkelkind geboren worden war. Das, worauf es im Leben wirklich ankommt, ist nicht immer ohne Opfer zu haben. Aber ohne das, was dem Leben wirklich Sinn und Erfüllung geben kann, hat das Leben seinen Sinn verloren, gibt es kein Leben im eigentlichen Sinn.
Wie sollte es mit dem Glauben an Jesus Christus anders sein? Wer in der DDR seinen Glauben zu leben versucht hat, weiß besser als ich, mit welchen Opfern das verbunden war. Die Pfarrfrau Caritas Führer hat von ihrer „Montagsangst“ in dem gleichnamigen Buch erzählt, weil sie am Montag wieder in die Schule musste und dort von Neuem den Drangsalierungen als Christin durch die regimetreuen Lehrer ausgesetzt war. Auch heute ist ein erfülltes Leben im Glauben nicht ganz ohne Opfer zu haben. Natürlich kann man beispielsweise mit dem Sonntag etwas anderes anfangen, als in die Kirche zu gehen. Man kann in aller Ruhe frühstücken, sich dann ins Auto oder auf das Fahrrad setzen und einen Ausflug machen. Wenn man dagegen in die Kirche geht, ist schon der halbe Sonntag vorbei. Aber wenn es gar keine Zeit und keinen Ort gibt, wo man Gott loben und ihm danken und sich im Glauben bestärken lassen kann, was wird dann aus dem Glauben? Mein Vikariatsmentor hat einmal gesagt, dann sei der Glaube wie ein Regenschirm, den man irgendwo vergessen hat: Wenn es regnet, hat man ihn nicht mehr. Wobei das Bild insofern hinkt, als einen der Glaube ja nicht nur in schweren Zeiten hindurchträgt. Vor zwei Wochen fand in dieser Kirche aus Anlass meines Geburtstages  ja das Konzert mit Andy Lang statt. Da war viel von Dankbarkeit und Zugehörigkeit und Liebe die Rede. Das alles sind in meinen Augen Geschenke des Glaubens. In der Nachfolge Jesu lernen wir es, dankbar auf den Segen zu sehen, der über unserem Leben liegt, während Menschen ohne den Glauben oft genug unzufrieden sind, weil sie nicht das haben, was andere haben. In der Nachfolge Jesu wissen wir uns zugehörig – nicht nur zu den Menschen, die wir lieben, sondern zu Jesus Christus und denen, die auch zu ihm gehören. In der Nachfolge Jesu wissen wir uns geborgen in der Liebe Gottes – in diesem Leben und über dieses Leben hinaus. Ja, der Glaube ist, wie alles Wichtige im Leben, auch mit Mühen und Opfern verbunden. Aber er macht das Leben auch unendlich reich. Denn Jesu Wort ist so wahr „Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird´s finden.“
Amen.

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