Predigt zum 20. Sonntag nach Trinitatis, 25. Oktober 2020

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Predigt zum 20. Sonntag nach Trinitatis, 25. Oktober 2020

25.10.2020

zu Markus 2, 23 - 28; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
„im Alten Testament gibt es auch das Verbot, Schweinefleisch zu essen“, sagte ich vor einigen Wochen unserer damaligen Freiwilligen im Domladen, die aus Syrien stammt und aus diesem Grund muslimischen Glaubens ist. Wir saßen bei einem Imbiss aus Anlass eines Geburtstages einer Mitarbeiterin zusammen. Auf die Wiener Würstchen wollte Hanan lieber verzichten. „Warum halten sich die Christen dann nicht daran und essen trotzdem Schweinefleisch?“ fragte sie mich.
Hat sie Recht? Sollten wir – nicht nur aus Gründen gesünderer Ernährung und wegen der Massentierhaltung, sondern auch aus Glaubensgründen – lieber auf Schweinefleisch verzichten? Die Adventisten machen es so. Sie essen kein Schweinefleisch. Sie halten auch den Sabbat ein, wie er im ersten Schöpfungsbericht der Bibel erwähnt wird: Am siebenten Tag ruhte Gott von allen seinen Werken. Und wenn das auch heute weitgehend aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden ist: Der siebente Tag ist der Sonnabend und nicht der Sonntag; sonst wäre der Mittwoch ja nicht der Mittwoch. Hätten wir diesen Gottesdienst also lieber gestern feiern sollen, wie die Adventisten es halten?
Mit diesen Fragen wird Jesus konfrontiert. Seine Jünger haben am Sabbat Hunger und ernten Ähren vom Wegesrand. Das aber ist nach der Auffassung einer strengen Richtung der Pharisäer am Sabbat nicht erlaubt. So etwas ist Arbeit und arbeiten soll man am Sabbat nicht. So wird das Sabbatgebot von den strenggläubigen Juden übrigens noch heute ausgelegt. Ein ehemaliger Mitbewohner in meiner Studenten-WG erzählte einmal, dass er von einem orthodoxen Juden in Jerusalem gebeten worden sei, mit ihm nach Hause zu kommen und den Herd auszuschalten. Das war vor Beginn des Sabbats vergessen worden. Darum wollte es der fromme Jude nicht selbst machen und bat darum einen Nichtjuden darum.
Jesus sieht das in dieser Erzählung ganz anders. Er steht damit einer anderen Auffassung von den Geboten Gottes nahe. Auch unter den Pharisäern gab es solche, die Jesu Satz unterschrieben hätten: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht.“ Die Gebote sollen unser Leben zum Guten führen; sie sollen unsere menschliche Freiheit und Würde schützen; sie sollen uns helfen, das Leben so zu gestalten, dass es gelingt. Was sie nicht sollen, ist unser Leben einzuengen. Auf keinen Fall sollen Gottes Gebote Lebensmöglichkeiten beschneiden. Niemand braucht darum am Sabbat zu hungern, auch wenn dabei die Sabbatruhe gestört wird.
Jesus stellt dies gegenüber den Pharisäern aber nicht als seine persönliche Meinung dar. Er sagt nicht: Ich schließe mich in meiner Auffassung dem Rabbi Hillel und seiner Schule an. Jesus beansprucht vielmehr für sich die Vollmacht, das Sabbatgebot gültig auslegen zu können. Als „Menschensohn“ bezeichnet er sich dabei. Jesus stellt sich als die Figur dar,  die schon beim Propheten Daniel erwähnt wird. Der Menschensohn ist der Gesandte Gottes. Er kann in der Vollmacht Gottes die Gebote gültig auslegen.
Es ist also keine Frage der Auslegung, sondern es entspricht dem Willen Gottes: Die Gebote sind für den Menschen da und nicht umgekehrt. Der Mensch steht im Mittelpunkt, seine Unversehrtheit, seine Würde, seine Freiheit – auch seine Verantwortung. Darum sieht Jesus das Doppelgebot der Liebe – wie wir an anderer Stelle lesen – als eine vollständige Zusammenfassung der Gebote an.
In Bezug auf das Schweinefleisch ist es uns Christen also durchaus erlaubt, Schweine zu züchten und zu halten. Denn die hygienischen Bedingungen unserer heutigen Zeit lassen es nicht mehr zu einer schwerwiegenden Gefahr für die menschliche Gesundheit werden. Wenn es auch unserer Gesundheit nicht unbedingt förderlich ist und die Bedingungen, unter denen die Tiere gehalten werden, bekanntlich heute sehr problematisch sind.
Es gibt allerdings auch Speisegebote, an die wir uns um der menschlichen Gesundheit willen halten. Niemand aus dem jüdisch-christlichen Kulturkreis käme auf die Idee, Fledermäuse oder Gürteltiere zu essen und damit tödliche Viren in sich aufzunehmen und die ganze Welt damit anzustecken. So etwas war nur dort möglich, wo das Christentum die Kultur nicht prägen konnte.
Der Mensch steht nach den Worten Jesu im Mittelpunkt. Sein Leben, seine Würde und seine Freiheit sollen die Gebote schützen und fördern.
Der Streit um den Sabbat ist in diesem Zusammenhang wieder aktuell. In diesen Tagen gibt es ja wieder eine Diskussion um die Ladenöffnung am Sonntag. Grundsätzlich stehen wir dem verkaufsoffenen Sonntag als Christen und als Kirche ja sehr kritisch gegenüber. Das Sabbatgebot hat ja den guten Sinn, dass es einmal in der Woche eine Ruhepause gibt. Einmal in der Woche sollen wir zu uns kommen können, den Alltag hinter uns lassen, Zeit für die Familie und nicht zuletzt für Gott haben können. Es gibt schon jetzt genügend Menschen, die am Sonntag arbeiten müssen. Das sind bei weitem nicht nur Pfarrer oder Krankenschwestern. Angebliche wirtschaftliche Zwänge lassen auch anderen keinen freien Sonntag. Dabei geht es auch anders. Neulich waren wir über ein freies Wochenende in Mainz. Da war das große Café auf dem Markt vor dem Dom am Sonntag geschlossen. Wir haben darüber gestaunt. Aber ich fand das gut. Cafés können also auch am Sonntag geschlossen sein. Auf die sicherlich nicht geringen Einnahmen am Sonntag verzichtet der Inhaber im katholischen Mainz offenbar ganz bewusst. – Was die Ladenöffnungen am Sonntag jetzt im Dezember angeht, so wird damit argumentiert, dass dadurch die Kundenströme entzerrt würden und damit die Ansteckungsgefahr sinken würde. Ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen. Es wäre in dieser Ausnahmesituation allerdings wiederum ein ernsthaftes Argument für die Sonntagsöffnung, dem wir uns nicht ohne weiteres verschließen könnten. Denn das Gebot der Feiertagsheiligung ist um des Menschen willen gemacht und nicht umgekehrt.
Der Mensch, seine Würde, seine Freiheit stehen im Mittelpunkt. Ihnen wollen die Gebote Gottes dienen. Was das im Einzelnen bedeutet, ist manchmal sehr schwer zu erkennen und manchmal auch sehr umstritten. Sicherlich entspricht es dem Liebesgebot, auf andere Rücksicht zu nehmen. Ich kann darum die nicht verstehen, die im Geschäft oder im Bus die Maske unter der Nase tragen – wohl wissend, dass sie damit weitgehend unwirksam ist. Aber ist es wirklich gut, Menschen in den Altenheimen von ihren Angehörigen zu isolieren, wie das während des Herunterfahrens des öffentlichen Lebens geschehen ist und jetzt wieder in einigen Heimen beginnt? Ist es gut, die seelische und geistige Gesundheit alter Menschen zu gefährden, um ihre körperliche Gesundheit zu schützen? Das sind sehr schwierige Fragen, um die wir uns immer wieder neu Gedanken machen müssen.
Manchmal gibt es um die Gebote ja auch erbitterte Konflikte. An der Frage der Homosexualität ist unsere Landeskirche fast zerbrochen. Da waren auf der einen Seite die, die die Ablehnung homosexueller Partnerschaften in den Geboten der Bibel widerfanden. Die Gegenposition war, dass auch in dieser Frage wie im Streit um das Sabbatgebot der Mensch und seine Würde im Mittelpunkt stehen und darum niemandem eine verantwortete Partnerschaft verwehrt werden sollte.
Gottes guter Wille für unser Leben will unsere Würde und Freiheit schützen. Die Gebote eröffnen unserem Leben darum einen geschützten Raum. Diesen Raum dürfen wir nutzen, ohne dass er zum Gefängnis für uns wird. Die Freiheit, sich in diesem Raum zu bewegen, bedeutet eine große Verantwortung. Aber genau darin liegt die menschliche Würde, die die Gebote stärken und schützen wollen.
Amen.

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