Predigt zum 2. Sonntag vor der Passionszeit (Sexagesimae), 7. Februar 2021

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Predigt zum 2. Sonntag vor der Passionszeit (Sexagesimae), 7. Februar 2021

07.02.2021

zu Lukas 8, 4 - 8; gehalten von Pfarrer Urs Ebenauer in der Kirche Großschirma

Liebe Gemeinde,
was würde ein Landwirt von dem Sämann halten, von dem Jesus erzählt? Vermutlich würde er mit dem Kopf schütteln.
Was für ein merkwürdiger Bauer ist das nur? Er scheint sein kostbares Saatgut in äußerst ungeschickter Weise und auch ziem­lich nachlässig zu verwenden. Manches wirft er auf den Weg, wo es nun wirklich nicht hingehört. Wenigstens kommt es den Vö­geln zugute und wird nicht nur zertreten. – Etliche Saatkörner streut er auf felsigen Untergrund. Nun gut, dass kann er kaum ver­hindern, weil in Israel der Mutterboden viel dünner ist als bei uns. Steinige und felsige Flächen sind wie Flecken im Acker einge­sprenkelt. Aber dennoch könnte er auch da ein wenig besser aufpassen. – Den Boden hat er vor dem Säen wohl auch nicht be­sonders gut bearbeitet. Denn einen Teil seines Saatgutes streut er zwischen das Unkraut. – Aber immerhin: Ein Teil der Weizensamen fällt auch auf gutes Land. Es geht auf und bringt im nächsten Jahr eine reiche Ernte. Fast wie nach dem Motto: Di dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln. So verschwenderisch und sorglos mit dem kostbaren Saatgut umzugehen, kann sich ein Bauer aber eigentlich nicht leisten. Und das war zur Zeit Jesu auch nicht anders.
Aber Jesus will mit dem Gleichnis vom Sämann auch keine Hand­lungsanweisung für Landwirte geben. Wem soll es einen Nutzen bringen, wenn ein Landwirt sein kostbares Saatgut verschwendet? Mit Gleichnissen wie dem vom Sämann will Jesus uns etwas über Gott sagen. Er hat gerne solche kleine Geschichten erzählt. Denn die gehen uns zu Herzen, auch wenn wir uns mit dem Verstand vielleicht zuerst einmal wundern. Aber mit dem Herzen wird es gerade durch solche kleinen Geschichten am ehesten begreiflich, was Jesus uns sagen will.
„So wie der Sämann ist Gott!“, will Jesus uns sagen. Wir Men­schen überlegen es uns ganz sorgfältig, wie wir die Mittel ein­setzen, die wir haben. Ein Bauer verschwendet kaum ein einziges Samenkorn. Ein Unternehmer überlegt bei jedem Euro sehr genau, wie er ihn einsetzt, damit er ihm Gewinn bringt. Eine Hausfrau nimmt genau die Zutaten, die sie für ein Rezept braucht, wenn sie beispielsweise einen Kuchen backen will. Kinder machen in der Regel nicht eine einzige Hausaufgabe mehr, als sie machen müssen, um ihre angestrebten Noten zu bekommen. Wir verhalten uns  ganz anders als der Sämann.
Aber Gott, sagt Jesus, macht es genau so! Er ist – wie dieser nachlässige Bauer – schlicht verschwenderisch. Gott verschwendet natürlich kein Getreide. Aber er verschwendet seine Liebe an uns. Über Gerechten und Ungerechten lässt er die Sonne aufgehen, wie es Jesus einmal gesagt hat. Er lädt alle Menschen ein, seine Kinder zu werden und ihm zu vertrauen. Und wie viele davon sind Gott dankbar dafür und schenken ihm tatsächlich ihr Vertrauen? „Reine Verschwendung!“, könnte man sagen.
Gott verschwendet nicht zuletzt auch sein Wort an uns. So wird Jesu Gleichnis im Folgenden ausgedeutet. Auf allen Kontinenten unserer Welt und in ungezählten Orten erzählen Menschen anderen etwas von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus Gestalt angenommen hat. Pfarrer – an manchen Orten auch Pfarrerinnen – z.B. predigen ja an jedem Sonntag überall auf der Welt. Und wenn man sich überlegt, dass die Erde sich dreht, dann ist in unserer Welt den ganzen Sonntag lang irgendwo ein Gottesdienst. Von Mitternacht bis Mitternacht können Menschen miteinander Gottes Wort hören und es miteinander bedenken. Aber wenn man bedenkt, wie viele Gottesdienste es gibt, und wie viele Menschen insgesamt daran teilnehmen: Welch eine Verschwendung!
„So ist Gott!“, sagt Jesus. Er geht verschwenderisch und sorglos wie dieser Sämann mit seiner Liebe und seinem Wort an uns um. Seine Liebe gilt allen Menschen in gleicher Weise, auch wenn sie nichts davon wissen und nicht an ihn glauben wollen. Und sein Wort sollen alle hören, auch wenn sie lieber ihre Ohren davor ver­schließen.
Aber...“, will Jesus mit diesem Gleichnis sagen, „habt keine Angst. Bei aller Verschwendung muss Gott keine Missernte befürchten. Auch wenn manches von seiner Liebe unerwidert bleibt. Auch wenn manches Wort von ihm ungehört verklingt. Gott wird unter den Menschen genügend finden, die ihm ihre Ohren und Herzen öffnen.
Jesus hat dieses Gleichnis ja den Menschen erzählt, die ihm nachfolgten. Schon sie erlebten es auf dem gemeinsamen Weg mit Jesus, dass seine Botschaft nicht immer auf offene Ohren und offene Herzen stieß. Denen wollte er Mut machen. „Gott kann es sich leisten, verschwenderisch zu sein“, wollte er sagen. „Am Ende gibt es immer Menschen, die sein Wort hören und es annehmen. Am Ende wird es genügend Menschen geben, die auf seine Liebe mit ihrem Glauben antworten. Am Ende wird das Wort Gottes die Herzen der Menschen erreichen und seine Wirkungen haben, wie die Saatkörner auf dem guten Land einen reichen Ertrag hervorbringen“.
In unserer Kirche gibt es ja manchmal eine mutlose Grundstimmung. Die Jugend fehlt; nur die Alten kommen und die bleiben zu Coronazeiten auch noch weg. Die Gemeinden werden immer kleiner. Das Geld reicht nicht mehr. Wir verlieren viel Kraft in den dadurch notwendig gewordenen Strukturreformen. Lohnt es sich noch, all die Anstrengungen zu unternehmen? Ich muss gestehen, mich bewegen diese Fragen und Anfragen auch oft: Wie mag es bestellt sein um die Zukunft unserer Kirche?
Da ist es doch, als spräche Jesus mit diesem Gleichnis gerade in unsere Situation hinein. Wenn Gott so verschwenderisch mit seiner Liebe und mit seinem Wort umgeht, dann habt doch keine Sorge, die Kräfte und Mittel in Euren Gemeinden zu ver­schwenden“, will Jesus uns heute vielleicht sagen. „Dann haltet ruhig Gottesdienste mit nur wenigen Christen. Dann erzählt Euren Freunden und Nachbarn ruhig etwas von Eurem Glauben, auch wenn sie das vielleicht gar nicht hören wollen. Der Sämann wirft ja auch Korn auf den Felsen. Ladet ruhig auch die zu Gemeinde­veranstaltungen ein, von denen ihr denkt, dass sie ohnehin nicht kommen werden. Gebt Gottes Wort mit der gleichen verschwen­derischen Sorglosigkeit weiter, die der Sämann an den Tag legt.“
Jesu Gleichnis vom Sämann macht Mut. Denn es gibt einem die Zuversicht, dass all diese Bemühungen nicht sinnlos sind. Denn da, wo der Same auf guten Boden fällt, bringt er einen reichen Ertrag. Wo Gottes Wort von Menschen gehört und auch angenom­men wird, da verändert es sie. Da bleiben sie nicht die, die sie waren. Da wächst in ihnen das Vertrauen auf Gott. Da schenken sie ihre Liebe anderen Menschen. Da tragen sie auch zum Wachstum ihrer Gemeinden bei. Wir haben im Dombezirk eine junge Frau, die aus einem ganz unchristlichen Elternhaus kommt. Sie hat durch ihren damaligen Freund Kontakt zur ESG bekommen. Dann ließ sie sich taufen, ohne dabei auf die kirchliche Trauung zu schielen. Die kam erst viel später. Jetzt gehört sie zu den Aktivsten in unserer gemeinsamen Kirchgemeinde. Von den Abendandachten zum Glockenläuten während des Weihnachtsfestkreises hat sie nur zwei versäumt und das aus guten Gründen. Gottes Wort hat manchmal Wirkungen, die man nicht erwartet hätte. Da bewegt der Glaube einen Menschen manchmal mehr, als man es sich hätte träu­men lassen.
Jesus hat Recht: Gott kann es sich leisten, verschwenderisch mit seiner Liebe und seinem Wort umzugehen. Nicht nur, weil er genügend Liebe für uns hat. Sondern auch, weil das, das von der Saat des Evangeliums aufgeht, genügend Ertrag für eine reiche Ernte bringt.
Darum brauchen wir uns um die Zukunft unserer Gemeinden und unserer Kirche keine unnötigen Sorgen zu machen. Mag auch manche Bemühung, Menschen zum Glauben einzuladen, vergeb­lich sein: Gott wird schon dafür sorgen, dass sein Wort genügend Hörer findet: Menschen, die sich von ihm bewegen lassen; die aus ihm Kraft gewinnen; die dieses Wort an andere weitergeben, die miteinander Gemeinde Jesu Christi sein wollen. Sie sind die Frucht, die reichlich aufgeht. Wir sind es auch.
Amen.

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