Predigt zum 2. Sonntag in der Passionszeit (Reminiszere), 28. Februar 2021

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Predigt zum 2. Sonntag in der Passionszeit (Reminiszere), 28. Februar 2021

04.03.2021

gehalten zum Ordinationsgottesdienst von Pfr. Justus Geilhufe zu Matthäus 17, 1 - 8

Liebe Gemeinde,
Sie wundern sich sicher, warum ich hier unten vor Ihnen stehe. Das hat den einfachen Grund, dass ich zu groß für beide Kanzeln hier im Dom bin. Sie sehen also den Prediger heute nicht wie gewohnt von dort oben, sondern von hier unten.Aber sind wir ehrlich: das ist jetzt auch nicht mehr wichtig, nachdem der Rest schon so komplett anders ist. Ich muss ja nicht nur von da oben nach hier unten ausweichen. Viele Großschirmaer mussten ja von Großschirma, Rothenfurth, Groß- und Kleinvoigtsberg hier her ausweichen. Unser großer Posaunenchor kann nicht spielen, der Chor nicht singen. Wir können nicht auf unserem herrlichen Großschirmaer Pfarrhof  noch zusammen sein und Kaffee trinken.Im Endeffekt sind wir heute fast alle nicht dort, wo wir heute eigentlich sein wollen. Im Endeffekt ist heute sehr vieles ganz anders, als wir eigentlich gehofft hatten.Ich gesteh gern ein, dass mir das durchaus Angst macht. Für mich ist das Gefühl, an einen Ort gezwungen zu sein, den ich mir nicht ausgesucht habe oder eine Situation aushalten zu müssen, die ich mir ganz anders ausgemalt hätte, schlimm. Und zwar deshalb, weil ich es eigentlich nie so erlebt habe. Ich konnte mir immer alles so einrichten, wie ich wollte. Und – und das ist sicher das, was die neue Situation heute bedrohlich erscheinen lässt – ich hatte immer das Gefühl, dass auch Gott mich an den Orten haben wollte, an die ich gegangen bin.Paris, Princeton, München, Göttingen. Immer bessere Unis, immer bessere Lerngruppen und immer wieder das Geschenk tragender Freundschaften, prägender Lehrer und auch einfach das Geschenk eines Glaubens, der eigentlich nie eine Erschütterung erfahren hat. Von mir aus hätte das immer so weiter gehen können. Dieses Zusammenspiel von dem, was ich mache und dem, was Gott dann noch drauf legt. Dass alles immer Sinn macht und aufgeht.Aber egal wie lange Gott unseren Weg auch mitgeht. Irgendwann geht er in eine andere Richtung. Nicht, um uns zu ärgern, sondern einfach, weil seine Wege andere sind als unsere.Die Angst, die das auslöst, entsteht dadurch, dass der Moment, in dem man das bemerkt, sich so anfühlt, als würde es nicht mehr bergauf, sondern bergab gehen. Es ist aber nur der Moment, an dem Gott, der sich scheinbar von uns hat bewegen lassen, damit anfängt, uns zu bewegen. Und zwar dahin, wohin er uns haben will.
Die Bibel erzählt das so:
Text-Lesung MT 17, 1-8
17 1 Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg. 2 Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. 3 Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm. 4 Petrus aber antwortete und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. 5 Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören! 6 Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und fürchteten sich sehr. 7 Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht! 8 Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein.

Egal wie lang Gott unseren selbstgesuchten Lebensweg mitgeht: Es kommt der Moment, in dem sein Weg ein anderer ist als der, den wir gern weitergehen würden. Bei mir gab es diesen Moment vor drei Jahren mit dem Beginn des Dienstes als Vikar. In den Dienst als Vikar wird man entsendet. Das heißt, ich habe mir nicht die Stelle ausgesucht, von der ich meinte, sie würde sich jetzt perfekt an meinen bisherigen Lebenslauf anschließen. Das funktioniert – zumindest hier in Sachsen – anders. Ich wurde in eine Gemeinde geschickt, von der unsere Kirche der Meinung war, dass es gut ist, dass ich dorthin gehe.
Am Beginn des Vikariats in der Gemeinde wurde unser Sohn geboren. Groß und lebendig. Aber was wir nicht wussten – während seiner Geburt hat er sich eine Verletzung zugezogen, die dazu führte, dass er fast den ganzen Tag und die ganze Nacht geschrien hat. Über Monate hinweg. Genau ab dem Moment, wo er aber geboren wurde, musste ich für ein Jahr fast die Hälfte jedes Monats auf Weiterbildungen fahren. Und weil kein Tag allein aushaltbar war, mussten Anne und er jedes Mal mit. Und so war der ganze Sommer und der ganze Herbst und der ganze Winter.
Als es Johann mal wieder besonders schlecht ging, musste ich für mehrere Tage allein weg fahren. Zu unserer Konfirmandenrüstzeit, im Februar, ganz tief ins Gebirge. Dort steht irgendwo am Ende einer geraden Versorgungsstraße ein Haus, das ungefähr in den 1960er Jahren gebaut wurde. Ob zur Internierung politischer Häftlinge oder als Ferienheim lässt sich auf den ersten Blick gar nicht genau sagen. Dort waren wir nun mit 60 Jugendlichen, die sich alle scheinbar vorgenommen hatten, 4 Tage lang nicht zu schlafen, nur Chips und zuckerhaltige Kaltgetränke zu sich zu nehmen und sich beim ersten Sprung ins Schwimmbad die Vorderzähne rauszuschlagen.
An einem der Abende dieser durchaus fordernden Rüstzeit sollte es für die Konfirmanden verschiedene Möglichkeiten geben, den persönlichen Glauben ins Gespräch zu bringen. Ich hatte die Aufgabe, einfach in einem Raum da sein und Gespräche anbieten über die Dinge, die die Konfirmanden beschäftigten. Jetzt saß ich also irgendwo tief im Erzgebirge, in einem zugigen DDR-Bau in einem hässlichen Raum voller miefiger Sofas. Zuhause schrie mein Sohn seit drei Tagen meiner Frau 19 Stunden am Tag ins Ohr und ich wartete auf Konfirmanden, die sicher eh nicht kommen würden.
Nach einem unendlich kräftezehrenden Jahr war ich nun an einem Ort angekommen, an den ich definitiv nicht hinwollte. In einer Situation, die fast nichts mit den Träumen, die ich vom Pfarrberuf hatte, zu tun hatte. Und da hab ich schon Angst bekommen. Angst, dass alles davor umsonst war und ich jetzt auf einem Weg gelandet war, der offensichtlich daraus bestand, im Linoleumgeruch von kalten DDR-Immobilien herumzusitzen und auf Konfirmanden zu warten. Bei mir fühlte sich das so an, wie als ginge es jetzt bergab. Aber Gott fing jetzt einfach an, den Weg zu gehen, den er sich vorgenommen hatte.
Genau wie bei Petrus, Jakobus und Johannes auf dem hohen Berg. Sie haben mit Jesus einen wahnsinns Weg hinter sich gebracht und dann erleben sie diesen irren Moment auf dem Berg, in dem Jesus verklärt wird und mit Moses und Elia vor ihren Augen redet. Ihre Biografien sind in dem Moment eingewebt in die gesamte Glaubensgeschichte ihres Volkes. Und die Geschichte dieses Volkes ist die Geschichte Gottes mit der ganzen Welt. Natürlich wollen die drei nichts anderes mehr als das. Natürlich wollen sie den Moment festhalten und dort ihre Hütten bauen. Was denn sonst?
In dem Moment erleben wir Gott, den Vater, der eins klarstellt: Der dort, der gerade mit Mose und Elia redet – das ist mein lieber Sohn. Das ist nicht eure Erfahrung, das bleibt nicht eure Erinnerung, das kommt jetzt nicht in euer Schatzkästlein, wie man das im Predigerseminar immer so schön formuliert. Das ist mein lieber Sohn. Der lebendige Gott in eurem Leben. Der lebendige Gott auf dieser Erde.
Und dieser liebe Sohn geht irgendwann auch wieder seine eigenen Wege. Er ist zwar mit diesen drei Jüngern auf den Berg hinauf gegangen. Aber sein Weg führt ihn von diesem Berg auch wieder herunter. Runter in alles, was das Leben und alles, was diese Erde ausmacht. Und selbst noch weiter herunter – bis in die Hölle von Folter, Kreuzigung und Tod.
Weil Jesus diesen Weg gehen will, können ihn die drei Jünger nicht auf dem Berg festhalten. Und der Moment, in dem sie das merken, in dem sie merken, dass sich Jesus von ihnen keine Hütten bauen lässt, macht ihnen Angst. Denn sie merken in dem Moment, dass ihnen Jesus aus den Händen rutscht. Sie begreifen schmerzhaft, dass Jesus seinen eigenen Weg geht und dass dieser Weg anders ist als der, den sie sich ausgemalt haben.
Und zugleich ist dies auch der Moment, so erzählt es die Bibel, in dem der Himmel über Petrus, Jakobus und Johannes offen steht. Hier sehen sie, wer Jesus. Die Bibel sagt: Sie sahen Jesus allein. Jesus ohne Mose und Elia, Jesus ohne die guten Erinnerungen, Jesus ohne die schönen Orte, Jesus ohne eine Hütte. Jesus allein, der sich ihnen voran nun hinunter von diesem Berg macht zu allen, die dort warten. Jesus allein, der sich von ihnen nicht vereinnahmen lässt und sich unbeirrbar allen denen hingibt, die es nicht auf den Berg geschafft haben.
Als ich in dieser DDR-Baracke nun deprimiert und mit Angst vor meiner Zukunft, die scheinbar darin besteht, in eben solchen DDR-Baracken Konfirüstzeiten zu absolvieren, auf meinem Sofa lümmele, stehen auf einmal sechs Bilderbuchkonfirmanden vor mir. Die Haare bischen wirr, die Hosen alle etwas zu kurz...Und die drängeln sich jetzt durch die schmale Tür und verteilen sich auf die Sofas.
Nach einer Pause fangen sie an: Wie geht das, heute Christ zu sein? Wenn wir bei uns im Dorf nur so wenige sind. Die meisten dort lachen ja, wenn wir zur Konfirmandenstunde gehen. So geht das eine ganze Weile. Und ich frage mich, wie ich den jungen Männern helfen kann. Hin und wieder sag ich was. Und es scheint das Gespräch zumindest am Laufen zu halten. Besser wird die Stimmung aber nicht. Irgendwann sagt einer: Dort, wo wir wohnen, ist es schon doof wenn man Christ ist. Darauf sagt ein anderer: Ist doch egal, was andere bei uns denken. Gott ist doch sowieso da.
An dem Ort, vor dem ich langsam Angst bekommen hatte, weil gefühlt alles, was ich vorher mit Gott erlebt hab, weg war, an dem Ort, an ich gemerkt habe, dass ich Gott nicht festhalten kann und mir meinen Weg mit ihm nicht aussuchen kann, da finden ein paar Jungs die ersten kleinen Spuren Gottes in ihrem Leben. Entdecken für sich den Glauben und das Geheimnis des großen Gottes in dieser manchmal so kleinen Welt.
Ein bisschen war dort, in dieser DDR-grauen Bude im Wald, der Himmel offen. Und aus meiner Angst an diesem Ort wurde ein Freude über diesen Moment, den die Jungs miteinander erlebt haben. Es wurde klar, der Weg, wie ich ihn mir vorgestellt habe, ist erst einmal zu Ende. Aber Gott geht hier seinen Weg. Und so finden wir ihn nicht nur oben auf dem Berg, sondern auch unten. Deshalb finden wir ihn mitten im Erzgebirge, mitten im Wald in einer DDR-Baracke auf einem miefigen Sofa.
Am Anfang meiner Predigt hatte ich gesagt, dass die meisten von uns heute eigentlich nicht dort sind, wo sie heute sein wollten. Die Vorstellungen, die wir von diesem Tag und vielleicht auch von unserer Gemeinde hatten, waren ganz anders. Am liebsten ein großer Ordinationsgottesdienst in Großschirma, eine brechend volle Kirche, ein schönes Fest im Anschluss...und das mit dem nächsten Pfarrer und dem nächsten und dem nächsten...So wie es eben immer war.
Und das hat einen guten Grund: Wir haben alle in unseren Gemeinden existenzielle, wunderbare Dinge mit Gott erlebt. Diese Dinge verbinden wir mit diesen Orten. Deshalb wollen wir diese Orte nicht verlieren. Aber Gott geht auch an andere Orte. Ja, das macht Angst. Und ja, manchmal fühlt sich das an, als geht es bergab. Aber es ist nur der Weg, auf nicht nicht wir Gott mitnehmen, sondern der Weg, auf den Gott uns mitnimmt.
Amen.

Die Predigt können Sie unter folgendem Link auf YouTube abrufen:
https://www.youtube.com/watch?v=DgpMWCP2l1U&t=238s

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