Predigt zum 11. Sonntag nach Trinitatis, 15. August 2021

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Predigt zum 11. Sonntag nach Trinitatis, 15. August 2021

15.08.2021

zu Epheser 2, 4 - 10; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
manchmal macht sich in unserer Kirche und unseren Gemeinden eine gedrückte Stimmung breit. Es gibt dazu ja auch Anlass. Die Zahlen der Gemeindeglieder und der Gottesdienstbesucher gehen zurück. Ein Prädikant kam neulich enttäuscht von einem Gottesdienst wieder, wo nur zwei Gemeindeglieder gekommen waren. Da fragt man sich natürlich wirklich, ob es sich da lohnt, mehrere Stunden an der Vorbereitung einer Predigt und des Gottesdienstes zu sitzen. Nach dem Tod seiner Ehefrau haben wir Erinnerungen des schon länger verstorbenen Christian Müller zu lesen bekommen. In denen erinnert er sich daran, dass in früheren Zeiten die Kleinwaltersdorfer Kirche selbst im Winter voll war – und das ohne Heizung. Da kann man schon sehen, dass sich die Zeiten grundlegend gewandelt haben.
Vor diesem Hintergrund hat mich der Optimismus in den Worten des Apostels beeindruckt und inspiriert. Dabei schrieb er an seine Gemeinden nicht etwa in einer für die Kirche einfachen Zeit. Eine Generation nach dem Apostel Paulus war die Euphorie der ersten Jahre abgeebbt, man hatte vergeblich auf die baldige Wiederkunft Christi gewartet, es war auch nicht immer einfach, seinen Glauben in einer heidnischen Umwelt zu leben. Dem setzt der Apostel aber Glaubenszuversicht entgegen, die einfach ansteckend ist. „Er hat uns, die wir tot waren in den Sünden, lebendig gemacht … und … mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus.“ Das ist in etwa so, als würde heute einer kommen und sagen: „Hey Leute. Lasst euch doch nicht runterziehen, von dem, was gerade mal nicht so gut läuft. Haltet euch doch mal vor Augen, was Gott Tolles mit uns gemacht hat. Wir waren doch arme Schweine, bevor wir Christus kennen gelernt haben. Wir hatten doch nur die Arbeit und den Urlaub und dazwischen mal ein wenig Ablenkung durch Fernsehen, Internet, Shopping. Wir dachten, wir müssten alles aus diesem Leben für uns herausholen. Danach kommt ja nichts mehr. Jeder dachte darum nur an sich. Wir waren doch so gut wie tot. Aber Gott hat uns doch den Blick geweitet. Wir vertrauen jetzt auf Christus. Plötzlich steht uns im Glauben der Himmel offen. Dieses Leben ist nicht alles. Wir haben eine Zukunft über diese Zeit hinaus. Das Leben hat eine Perspektive: Wir gehören durch unsere Taufe zu dem lebendigen Christus. Mensch, das ist doch ein riesiger Grund uns zu freuen. Wir sind lebendig. Wir leben jetzt schon mit dem auferstandenen Christus. Wir sind damit sozusagen jetzt schon im Himmel. Haltet Euch das vor Augen. Dann kann euch nichts herunterziehen.“
Liebe Gemeinde, mich hat dieser Optimismus sehr beeindruckt. Der Apostel geht ja sogar so weit, dass er uns an der Seite von Jesus Christus im Himmel sieht. Wir sind sozusagen die, die die Geschicke der Welt mit ihm bestimmen. Ich finde, in gewisser Weise hat der Apostel ja auch Recht. Wir gehören zu dem Lebendigen. Das wird auch unter uns ja immer wieder sichtbar. Wenn ich mir unser Gemeindefest vor Augen halte. Da war hinterher auf dem Grünen Friedhof ein solches Gedrängel von Kindern, Eltern, aber auch älteren Menschen; es war eine so fröhliche Atmosphäre. Unsere Gemeinde zeigte sich da doch sehr lebendig. Eine Woche zuvor, am 4. Juli haben wir hier im Dom die Konfirmation gefeiert. 11 Konfirmanden haben sich zu ihrer Taufe bekannt; zwei haben sich taufen lassen. Der Dom war so voll wie seit dem Heiligen Abend 2019 nicht. Kirche lebt, auch mitten unter uns. In Gottes Augen ist das sichtbar. Der Apostel führt es uns mit seinen Worten vor Augen. Aber es wird auch für unsere Augen immer wieder sichtbar.
Einer von den beiden Täuflingen hat hinterher gesagt, er wisse gar nicht, womit er einen solchen wunderbaren Tag verdient habe. Ich hoffe, er hat damit nicht nur den festlichen Tag, sondern vor allem auch seine Taufe gemeint. Wie auch immer: Er hat absolut Recht. Verdient hat er das nicht. Verdient haben wir alles es nicht. Aber dennoch schenkt Gott uns seine Liebe. „Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.“ Dieses Vertrauen auf den lebendigen Christus ist ein großes Geschenk. Gott macht uns dieses Geschenk. Dass ein junger Mensch in all den Irrungen und Wirrungen der Pubertät sagen kann: Ja, ich lasse mich auf diesen Jesus ein. Ich will zu ihm gehören. Ich lasse mich taufen. Das ist ein Geschenk. Das konnte er nicht machen. Das hat Christus gemacht.
Denn mit dem Glauben ist es ja ähnlich wie mit der Liebe. „Wo die Liebe hinfällt, da bleibt sie liegen“ heißt es in einem Sprichwort. Udo Lindenberg hat es in einem Lied so formuliert: „Und dann knallst du in mein Leben – und ich kann mich nur ergeben.“ Liebe überfällt einen geradezu. Das kann man nicht machen. Genauso ist es auch mit dem Glauben an Jesus Christus. Man kann ihn nicht machen. Es gibt ja in den Freikirchen die Rede davon, man müsse sich für den Glauben entscheiden. Da wird der Glaube zu etwas, was der Mensch in der Hand hat. Genau umgekehrt ist es: Christus hat es in der Hand. Er entscheidet sich für einen. Er schenkt einem den Glauben. Das Vertrauen auf ihn ergreift einen – ähnlich wie einen die Liebe zu einem Menschen ergreift. Weil das so ist, kommen Menschen zum Glauben, die nicht aus einer christlichen Familie stammen. Andere wiederum finden keinen Zugang zum Glauben, obwohl es bei ihnen anders ist. Wie wunderbar ist es darum, glauben zu können! Wir nehmen das viel zu selbstverständlich.
Auch da ist es gut, dass der Apostel uns daran erinnert: Hey Leute, Ihr seid Kinder Gottes! Was für ein riesengroßes Geschenk hat Christus Euch gemacht! Seine Liebe hat euch in eurem Herzen angerührt. Ihr könnt glauben. Ihr könnte auf ihn vertrauen. Wie wunderbar wird das Leben dadurch!
Wir leben im Glauben im Grunde schon im Himmel. Gott hat es uns geschenkt, das glauben und auf ihn vertrauen zu können. Wir brauchten nichts dazu zu tun. – Ich finde schon diese Worte des Apostels ermutigend, inspirierend. Sie flößen mir Zuversicht ein. Was ich aber einfach grandios finde, sind die letzten Ausführungen in unseren Textabschnitt. Der Apostel widmet sich dem Leben eines Christenmenschen. Er schreibt: „Wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.“
Gute Werke, das meint ja ein Leben im Einklang mit dem Willen Gottes. Wir alle aber wissen, wie schwer es ist, nach dem Willen Gottes zu leben. Wie schwer es ist, ungute Gewohnheiten abzulegen, unsere negativen Gefühle zu kontrollieren und wirklich füreinander da zu sein. Da stehen manchmal die Zehn Gebote vor einem und drohen einen zu erschlagen. Ist Gott wirklich der Mittelpunkt meines Lebens oder habe ich heimlich doch andere Götter neben ihm? Bin ich wirklich nie neidisch auf das tolle Auto, das mein Nachbar hat. Habe ich noch nie hinter ihrem Rücken über die Kollegin gelästert und deren Eskapaden? Alles eine Frage der Perspektive, würde der Apostel sagen. Wenn ihr ein richtiges Leben führen wollt, ist das gar kein Problem. Das richtige Leben ist schon da! Ihr braucht es nur zu leben. Folgt einfach Eurem Herzen. Gott hat alles schon für Euch geregelt. Und dann stehen da Menschen vor den Trümmern ihrer Existenz nach einer Naturkatastrophe – und andere lassen sich davon anrühren und spenden. Mehrere Tausend Euro sind allein durch unsere Kollekten in den letzten Wochen zusammengekommen. Oder da sind diese Kinder aus der Nachbarschaft, deren Vater trinkt und deren Mutter ins Krankenhaus musste – und eine christliche Familie nimmt die Kinder vorübergehend auf und gibt ihnen ein Zuhause, bis die Mutter wieder zurück ist. Das richtige Leben ist schon da. Gott hat alles schon für uns geregelt. Wir brauchen nur den Weg zu beschreiten, den er für uns schon gebahnt hat. Damit regieren wir dann tatsächlich die Welt ein wenig mit Christus zum Guten mit. Liebe Gemeinde, was für ein inspirierender Mann muss dieser Apostel gewesen sein. Welche Glaubensfreude spricht aus ihm. Mich hat sie jedenfalls angesteckt. Ohne die Augen vor der Realität zu verschließen: Es gibt noch eine andere Wirklichkeit, die Wirklichkeit Gottes. Wir gehören dazu. Wir sind Kinder Gottes. Der Himmel steht uns offen. Und alles, ohne dass wir uns das verdienen müssten. Dieses Geschenk lässt das Leben gut werden. Für uns. Für andere Menschen. Für unsere Kirche. Und für diese Welt. Wir sind auf dem richtigen Weg.
Amen.

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