Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis, 16. August 2020

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Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis, 16. August 2020

16.08.2020

zu Römer 11, 25 - 32; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
es war einfach unglaublich. Da ging dieser Mann in der Fremde zu seinen Landsleuten in den Gottesdienst und erzählte ihnen von einem Erlebnis, das ihn zutiefst berührt und sein Leben verändert hatte. In bewegenden Worten schilderte er, wie er auf dem Weg nach Damaskus dem Auferstandenen selbst begegnet war. Er gab offen zu, dass er selbst der Predigt der Jünger Jesu erst nicht hatte folgen wollen und im Gegenteil die ersten Christen als eine abtrünnige Sekte verfolgt hatte – bis ihn dann der auferstandene Jesus selbst von sich überzeugt hatte. Er öffnete ihnen sein Herz und wollte sie teilhaben lassen an der Begeisterung für den Glauben an Jesus als den Christus, den Messias Israels. Aber was war das Ergebnis: Niemand, aber auch rein niemand von seinen jüdischen Landsleuten schenkte seiner Predigt Glauben. Niemand wollte akzeptieren, dass sich die Verheißungen Gottes durch die Propheten ausgerechnet in einem Gekreuzigten erfüllen sollten. Diese ernüchternde Erfahrung wiederholte sich an jedem Ort, den er auf seiner Missionsreise besuchte. Seine Predigt stieß bei seinen jüdischen Glaubensgeschwistern nur auf eine mehr oder weniger erbitterte Ablehnung.
Aber: Die Einheimischen aus dem Umfeld der jüdischen Synagoge wurden neugierig. Sie, die im Gottesdienst nur am Rande dabeisein durften als heidnische Sympathisanten des Glaubens an den Gott Israels, sie wollten mehr erfahren von Jesus Christus. Jesus hatte selbst ja am Anfang angenommen, dass er nur zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“ sei, wie er selbst es einmal formuliert hatte. Aber dann hatte eine ausländische Frau ihn umdenken lassen. Ihr durch nichts zu erschütternder Glaube, dass er ihre Tochter würde heilen können, öffnete Jesus für den Gedanken, dass Gottes Liebe und Barmherzigkeit die Grenzen des jüdischen Volkes überschreitet. Von diesem Jesus wollten die Heiden aus dem Umfeld der Synagoge mehr erfahren. Dass er zur schließlich für uns Menschen sein Leben hingegeben hatte, dass Gott durch ihn die ganze Welt mit sich versöhnt hatte, das ergriff sie in ihrem Herzen. Sie ließen sich taufen auf Jesu Namen und gaben den Glauben an ihre Familien weiter.
Warum aber dieses totale Ablehnung bei den Juden und die große Offenheit bei den Heiden? Das fragte sich der Apostel Paulus. Das Ergebnis seiner Überlegungen haben wir eben gehört:
Paulus kam zu der Erkenntnis, dass das dem Heilsplan Gottes mit der Welt geschuldet sei. Wenn die Juden Jesus als den jüdischen Messias angenommen hätten, dann wäre das Evangelium innerhalb der Grenzen des jüdischen Volkes geblieben; es hätte nur die Juden in Israel und der Diaspora erreicht. So aber erfuhren auch die Heiden von dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Gott hat es aus diesem Grund den Juden unmöglich gemacht, an Jesus Christus zu glauben, so die Erkenntnis des Juden Paulus. Seine Landsleute – mit Ausnahme derer, die Jesus selbst erlebt hatten, – waren nicht unwillig, an Jesus Christus zu glauben, sondern sie konnten es nicht. Gott ließ sie nicht, damit auch die Heiden Gottes Erbarmen erfahren konnten und können.
Paulus ist anscheinend über diesen Gedanken, der ihm da gekommen war, selbst erschrocken. Denn wenn der Welt in Christus das Heil geschenkt ist und die Juden nicht an ihn glauben können, sind sie dann verloren oder gar verworfen? Nein, schreibt Paulus. „Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen“. In anderen Worten: Israel bleibt das auserwählte Volk Gottes. Es ist nicht so, wie es die christliche Kirche über Jahrhunderte gedacht hat. Die Kirche ist nicht das neue Gottesvolk und die Juden sind verworfen. Das Judentum ist nicht aus der Erwählung herausgefallen und von der Kirche ersetzt worden. Beide – Juden und Heiden – sollen Gottes Barmherzigkeit erfahren. Paulus schreibt dann auch an anderer Stelle, wie das geschehen soll, wie Gott schließlich Israel zu Jesus Christus bekehren wird. Dies wird geschehen, wenn Christus unsere Welt in seine ewige Welt verwandeln wird – am Ende aller Zeiten.
Liebe Gemeinde, mit den Konfirmanden fahre ich regelmäßig nach Chemnitz oder Dresden. Wir bekommen dort die Synagoge, das ja jeweils neu gebaute jüdische Gotteshaus erklärt. Wichtig ist mir, dass die Konfirmanden etwas von unserer Mutterreligion erfahren. Sie sollen verstehen, dass wir an denselben Gott glauben; dass wir die Zehn Gebote gemeinsam haben; dass wir beide das Alte Testament als Bibel ansehen; dass das Neue Testament eher so etwas wie ein christlicher Kommentar zur jüdischen Bibel ist.
Ich hoffe, dass sie das auch davor bewahrt, den Antisemiten unserer Zeit auf den Leim zu gehen. Wenn beispielsweise ein Herr Gauland die Nazizeit als einen Fliegenschiss bezeichnet, so hat er zwar insofern Recht, als 12 Jahre in der langen Geschichte Deutschlands nur eine kurze Zeit sind. Aber in diesen wenigen Jahren mussten Millionen Juden mussten letztlich sterben, weil sie das auserwählte Volk Gottes waren. Denn die Nazis wollten selbst wie Gott sein. Wenn sie den Krieg gewonnen hätten, hätten sie konsequenterweise auch alle Christen umgebracht, die zu ihrem Bekenntnis gehalten hätten. Wer den Völkermord an den Juden herunterspielt, versündigt sich. Wer wie Herr Höcke das Gedenken dieser Untaten als „Schuldkult“ bezeichnet, stellt sich in die Tradition der nationalsozialistischen Verbrechen und macht ein Attentat wie das von Halle möglich. Zwischen solchen Leuten und uns Christen kann es nur einen klaren Trennungsstrich geben. Das sei an dieser Stelle mit aller Deutlichkeit gesagt!
Ein zweites wird mir wichtig, wenn ich diesen Text des Apostels bedenke. Wir erleben heute ja in einer ganz ähnlichen Weise, dass das Evangelium ungehört verhallt. Von den jungen Erwachsenen, die erst vor wenigen Jahren bei der Konfirmation ein Bekenntnis des Glaubens abgelegt haben, tritt im Schnitt die Hälfte aus der Kirche aus und zwar dann, wenn sie aus dem Blickfeld ihrer Eltern oder ihres Ortspfarrers weggezogen sind und/oder den ersten Steuerbescheid mit dem Kirchensteuervermerk bekommen. Da scheint das Konfirmationsbekenntnis dann doch eher ein Lippenbekenntnis gewesen zu sein. Nur noch die Hälfte aller Deutschen gehört überhaupt einer Kirche an. Von denen tragen sich etliche mit dem Gedanken, ebenfalls der Kirche den Rücken zu kehren. Wir erleben also heute in einer ganz anderen Zeit und unter ganz anderen Umständen, dass das Evangelium die Herzen der Menschen nicht erreicht. Warum?
Mir ist es nicht gegeben, eine so klare Antwort zu finden, wie der Apostel Paulus sie gefunden hat. Es liegt nahe, die Schuld bei uns Pfarrern zu suchen. Aber das wäre viel zu kurz gegriffen. Gegen den allgemeinen Trend kommen die besten Pfarrer oder Pfarrerinnen nicht an. Eher liegt es an einer anderen Form von Verstockung. Unser Volk hat sich – wie die anderen industrialisierten Gesellschaften – der irrigen Meinung hingegeben, wir modernen Menschen brauchten keinen Gott. Wir seien im Grunde an seine Stelle getreten; wir hätten unser Leben allein in der Hand. Ich bin mal gespannt, ob das Coronavirus uns da auf Dauer Grenzen aufzeigen wird. So sehr ich es mir wünschen würde, dass es der Menschheit gelingt, das Virus durch einen Impfstoff zu besiegen. Wir Menschen sind nicht allmächtig wie Gott. Wir denken es nur. Wir maßen es uns beispielsweise an, über Leben und Tod zu entscheiden: über das Leben von Ungeborenen, über das Leben von behinderten Ungeborenen vor allem, und ebenso über das Leben von Alten und Sterbenden. Wir denken, wir hätten das Recht darüber zu entscheiden – wie Gott. Wie größenwahnsinnig sind wir denn? Sein zu wollen wie Gott und das an manchen Stellen auch zu können, führt uns auf einen furchtbaren Irrweg – immer weiter weg von Gott. Da ist es kein Wunder, dass das Evangelium an den Herzen so vieler Menschen abprallt.
Bleibt uns insofern nur zu resignieren? Nein, keineswegs. „Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme“, schreibt der Apostel. Gottes heilvoller Wille mit uns Menschen wird sich einmal als stärker erweisen als alle Widerstände. Christus hat sich dem Tod ausgesetzt, damit das Leben den Sieg davontragen kann. Gott hat sein Volk verstockt, damit das Heil auch die Heiden einschließen kann. Seinen Willen zum Heil der Menschen kann niemand brechen und niemand aufhalten.
Zeichen dafür erleben wir immer wieder, wie ich in der vergangenen Woche. Ich habe eine Frau aus kirchenferner Familie besucht, die auf verschlungenen Wegen zum Glauben gekommen ist. Ich sprach mit christlichen Frauen, die ihre ungläubigen Männer dazu gebracht hatten, ihr Kind taufen zu lassen. Und für mich am meisten berührend war eine Begegnung im Rahmen eines Taufgesprächs mit einem kleinen Mädchen von zweieinhalb Jahren. Beim Abschied sprach ich sie noch einmal an: „Wenn ich dich taufe, dann ist Jesus unsichtbar dabei und sagt zu Dir: Ich bin Dein Freund, willst Du meine Freundin werden?“ Mit leuchtenden Augen sagte sie: „Ja!“
Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.
Amen.

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