Predigt zum 1. Sonntag nach Epiphanias, 9. Januar 2022

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Predigt zum 1. Sonntag nach Epiphanias, 9. Januar 2022

09.01.2022

zu Jesaja 42, 1 - 4; gehalten von Pfarrer Urs Ebenauer in der Kirche Großschirma

Liebe Gemeinde,

als sich am 3. Oktober 1990 die Länder der DDR der Bundes­republik Deutschland anschlossen, war ich gerade zu einer Studienreise in der damaligen Sowjetunion. Auf dem Rückweg vom Flughafen Schönefeld über die ehemalige Transit-Autobahn in Richtung Hannover fiel mir dann als Erstes auf, dass die Nummern auf den Schildern überklebt waren. Nach bundesdeutschem Recht, das nun Einzug gehalten hatte, trug sie nun die Bezeichnung A2, die sie auf westdeutscher Seite schon immer getragen hatte.
Was sich auf Autobahnschildern noch recht harmlos ausmacht, hat viele Menschen nach der Wende zum Teil ja auch hart getroffen. Ausbildungen wurden plötzlich nicht mehr oder nur noch teil­weise anerkannt. Mancher konnte in seinem alten Beruf auch gar nicht mehr tätig sein, weil er oder sie nicht den richtigen Ab­schluss hatte. Da hat das Ausweiten des Grundgesetzes auf die damals neuen Länder in so manche Biographie massiv einge­griffen und in Einzelfällen einen regelrechten Bruch verursacht. Die Unzufriedenheit, die sich heute an den Coronamaßnahmen der Regierungen festmacht, kommt sicherlich auch daher.
Wenn Gott jedoch sein Recht in der Welt ausbreitet, dann macht er es anders. So lesen wir es beim Propheten Jesaja. Da ist von einem besonderen Mann die Rede. Er wird auf der Erde das Recht Gottes in Kraft setzen, heißt es von ihm. Er wird von Gott als sein „Knecht“ bezeichnet. Das hebräische Wort bezeichnet auch jemanden, der einem Herrscher – oder in diesem Fall Gott – als Sekretär oder Berater zur Verfügung steht und so etwas wie seine rechte Hand ist. Wie eng das Verhältnis dieses Gottesknechts zu seinem Herrn ist, wird daran deutlich, dass der Geist Gottes in ihm wirksam ist. Gott hat zudem offenbar eine emotionale Bindung an ihn. Denn es ist davon die Rede, dass Gottes Seele an ihm Wohlgefallen hat.
Dieser Gottesknecht soll nun das Recht Gottes unter die Heiden bringen; er soll es hinaustragen in die Welt, ähnlich wie mit der Vereinigung Deutschlands das Rechtssystem der alten Bundesrepublik in das Gebiet der damaligen DDR ausgeweitet wurde. Er macht es aber nicht so wie manche der Leute, die nach der Wende aus dem Westen hierher gekommen sind. Er tritt nicht laut und polterig auf. Er sucht auch nicht seinen eigenen Vorteil. Dieser Gottesknecht kommt vielmehr leise und sanft. Behutsam geht er vor. Schonend für die Menschen richtet er das Recht Gottes auf, setzt er die Gebote Gottes in Kraft, misst er die Menschen am Maßstab des Willens Gottes. Selbst wenn jemand am Maßstab des Gottesrechtes zu verwerfen ist, lässt er ihn nicht verlorengehen. „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Doch wird er nicht auslöschen“, lesen wir. Wenn Gottes guter Wille für uns Menschen in Kraft gesetzt wird von diesem Gottesknecht, dann soll niemand daran zerbrechen oder Schaden nehmen. Im Gegenteil, die Menschen werden das als eine Befreiung erfahren. Denn er wird Blinden die Augen öffnen, Gefangene aus dem Gefängnis führen und er wird ein Licht sein für die Heiden, die in der Dunkelheit der Gottesferne leben müssen.
Liebe Gemeinde, wir wissen nicht genau, wen der Prophet genau mit diesem Knecht Gottes gemeint hat. Sich selber? Das Volk Is­rael? Einen neuen und ganz anderen König? Wie gesagt: Wir wis­sen es nicht. Aber vielleicht ist es Ihnen ja beim Hören der Worte des Propheten auch so gegangen: Sie hören sich so an, als seien sie eine Weissagung auf Jesus Christus hin. Den ersten Christen, die ja allesamt Juden und mit dem Alten Testament sehr vertraut waren, ist es jedenfalls so gegangen. Sie fanden in dem, was hier von dem Gottesknecht gesagt wurde, das Leben und Wirken und auch das Sterben und Auferstehen Jesu Christi wieder. Und sie sahen umgekehrt auch sein Leben im Rückblick im Licht dieser Worte. Der Auserwählte, an dem Gottes Seele Wohlgefallen hat, das konnte doch nur Jesus gewesen sein. Er war doch zumindest den „geknickten Rohren“ und „glimmenden Dochten“ gegenüber so menschenfreundlich und liebevoll aufgetreten. Wenn er auch den Mächtigen gegenüber deutliche Worte formulieren konnte. Er hatte die Dunkelheit so mancher Menschen erhellt. Dass er Kranke gesund gemacht hatte, wussten alle, die sich Christen nannten. Dass er sich gerade den Menschen mit gebrochenen Biographien zugewandt hatte, wurde immer wieder erzählt. Man dachte an die Zöllner und Sünder, mit denen er gegessen hatte und von denen er einige durch seine Zuwendung zu ihnen zur Umkehr bewegt hatte. Jesus war ein Licht gewesen für so viele, auch ganz buchstäblich für einige Blinde, die er geheilt hatte. Einer von ihnen war dann sogar sein Jünger geworden. Jesus hatte niemals den Stab über einen Menschen gebrochen, nicht einmal über eine Ehebrecherin, die nach damaligem Recht den Tod verdient hatte. „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Doch wird er nicht auslöschen“: Genau so hatte Jesus gepredigt und gelebt.
Liebe Gemeinde, wenn Gottes Recht aufgerichtet wird in der Welt, dann müsste das eigentlich massive Verwerfungen nach sich ziehen. Dagegen ist die Einführung bundesdeutschen Rechts in dem Gebiet der ehemaligen DDR eine Kleinigkeit gewesen. Da bundesdeutsche Recht im Osten umzusetzen, war schon eine Herausforderung und für manche eine Überforderung. Am Gottesrecht dagegen können wir allesamt nur scheitern. Wer liebt schon Gott von allen Kräften und von ganzem Herzen und dazu noch seinen Nächsten ebenso wie sich selbst? Wer will sein Leben nicht zuerst in die eigene Hand nehmen. Wer sieht nicht zuerst seine eigenen Interessen? Am Gottesrecht können wir nur zerbrechen; im Licht der Liebe Gottes könnte unser Leben eigentlich keinen Bestand haben. Aber Gott richtet sein Recht behutsam, menschenfreundlich auf. Am Kreuz hat er in Jesus lieber seine eigene Biographie brechen als uns zerbrechen zu lassen. So brauchen wir im Licht der Liebe Gottes mit all unserer Lieblosigkeit nicht zu vergehen. „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Doch wird er nicht auslöschen.“
Der Gottesknecht, den wir als Christen mit dem Namen Jesus Christus identifizieren, geht so mit uns. Davon leben wir. Nur so können wir leben. Und umgekehrt leben aber auch andere davon, dass wir in gleicher Weise mit ihnen umgehen.
Vor einigen Jahren las ich in der Zeitung von einer Frau, die vom Bundespräsidenten das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen hatte. Sie bekam diese Ehrung dafür, dass sie in der Dresdner Frauenkirche als Seelsorgerin zur Verfügung steht. In dem Zeitungsbericht erzählte sie, dass es vor allem darauf ankomme, zuzuhören und nicht gleich „Ja, aber...“ zu sagen. Schon wenn wir mit anderen reden, sind wir nämlich schnell dabei, ihnen etwas überzustülpen. „Ja, aber ...“ bricht den Zweig durch und löscht die Glut ganz aus. Zuhören, darauf hören, was den anderen bewegt, nachfragen, ob das, was man verstanden hat, auch das ist, was der andere sagen will, das hilft im seelsorgerlichen Gespräch einem Menschen, der Probleme hat. So wird der Bruch ein wenig geheilt und die Flamme kann wieder heller leuchten.
Das „geknickte Rohr“ und der „glimmende Docht“, das sind in auch die Menschen, die über Weißrussland oder das Mittelmeer zu uns kommen wollen, weil sie die Hölle, die ihre Heimatländer durch Krieg und Gewalt oder wirtschaftliche Not bedeuten, nicht mehr aushalten können. Manche lehnen das vollkommen ab, aber sollen diese Menschen auf dem Mittelmeer oder an der weißrussischen Grenze umkommen? Was würde der machen, der das geknickte Rohr nicht zerbrochen und den glimmenden Docht nicht ausgelöscht hat?
Das geknickte Rohr sind in diesen Tagen sicherlich auch die Menschen, die Angst vor der Impfung haben. Meine Nachbarin erzählte jetzt, dass sie Angst hat, davon Krebs zu bekommen. Ich persönlich halte diese Angst für unbegründet und finde die Probleme sehr schwerwiegend, die sich aus der Impfverweigerung ergeben. Aber in Orientierung an dem, der das geknickte Rohr nicht zerbrochen hat, sollte allen eine Wahlmöglichkeit gelassen werden. Wer nicht geimpft ist, kann aus Gründen des Infektionsschutzes nicht beruflich Umgang mit Alten oder Kranken haben oder ins Kino gehen. Aber er oder sie sollte nicht zu etwas gezwungen werden, was ihn oder sie mehr ängstigt als eine todbringende Krankheit.
Gott geht jedenfalls zwingt uns nicht. Er geht mit uns behutsam und liebevoll um. „Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt“, hat Jochen Klepper gedichtet. Wir brauchen darum nicht an dem Willen Gottes zu zerbrechen. Lieber lässt sich Jesus am Kreuz zerbrechen. Behutsam gehen wir darum mit denen um, die sich wie ein glimmender Docht fühlen und helfen ihnen, dass die Flamme wieder hell brennen kann. Und die sich wie ein geknicktes Rohr fühlen, die richten wir liebevoll wieder auf.
Amen.

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