Predigt zum 1. Sonntag in der Passionszeit (Invokavit), 6. März 2022

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Predigt zum 1. Sonntag in der Passionszeit (Invokavit), 6. März 2022

06.03.2022

zu 2. Korinther 6, 1 - 10; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
von einer Konfirmandin oder einem Konfirmanden kam im Rahmen einer Umfrage zur Auswertung des Konfirmandenunterrichts die Rückmeldung, Kirche habe mit der Normalität nichts zu tun. Man könnte sicherlich ebenso gut formulieren: Der christliche Glaube hat mir der Realität nichts zu tun. Unser Predigttext scheint das zu bestätigen. Was schreibt der Apostel Paulus: „Siehe jetzt ist die willkommene Zeit; siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ Lügt er sich denn jetzt vollkommen in die Tasche? Sicherlich gab es zur Zeit des Apostels nicht die Gefahr, dass die Menschheit sich selbst durch einen atomar geführten Krieg auslöscht. Aber Kriege, in denen unzählige Menschen starben, gab es nicht weniger. Es gab vielleicht keine weltweiten Pandemien, aber furchtbare Seuchen, an denen die Menschen starben, gab es auch. Es gab sicherlich keinen weltweiten Wandel des Klimas mit furchtbaren Folgen, die das Leben auf diesem Planeten schwer machen werden. Aber die Menschen hatten es dafür umso schwerer, der Natur das Lebensnotwendige abzuringen. Wie kann der Apostel da von einer heilvollen Zeit sprechen? Ist die Zeit nicht eher vollkommen heil-los? Unsere jetzige Zeit könnte ja kaum heilloser sein – und nicht erst seit dem 24. Februar 2022. Ich bin immer tagsüber ein Hörer der Nachrichten im Radio und am Abend ein Zuschauer von Tagesschau und heute journal gewesen, aber man mag sich das ganze Elend ja kaum noch zumuten. Wenn ich hören und sehen muss, wie die armen Menschen in der Ukraine unter dem Terror des Diktators in Moskau zu leiden haben, muss ich regelmäßig mit den Tränen kämpfen. Und niemand weiß, wie man Putin und sein Militär stoppen könnte, ohne dass es einen dritten Weltkrieg gibt. „Siehe, jetzt ist der Tag des Heils??“ So ist diese Welt doch nicht, oder? Müsste eine Welt, in der das Heil angebrochen ist, nicht ganz anders aussehen?
Eine ganz ähnliche Frage haben sich die Korinther in Bezug auf den Apostel Paulus gestellt. Dass er ein „Diener Gottes“ sein, wie er von sich schreibt, das stellten sie in Frage. Unter einem Mann Gottes stellten sie sich eine charismatische Persönlichkeit vor. Vielleicht jemand mit dem Aussehen, der Statur und der fröhlichen und unbekümmerten Ausstrahlung Pfarrer Geilhufes. Ein Mann, der zugleich die Gegenwart Gottes durch Zungenrede, Heilungen und allerlei sonstige Geistesgaben mitten in dieser Wirklichkeit sichtbar machen kann. So stellten sich die Korinther einen Gottesmann vor. Paulus war das genaue Gegenteil: eher klein, von einer Krankheit gezeichnet, nicht immer der Umgänglichste und außer schwer zu verstehenden Reden hatte er nicht viel zu bieten. Dass Teile der korinthischen Gemeinde keine gute Meinung von ihm haben, wird in seinen Zeilen deutlich. Offenbar liefen böse Gerüchte über ihn in der Gemeinde um. Er habe die Menschen fälschlicherweise davon überzeugt, dass er ein Apostel sei, hieß es. Er sei doch eigentlich ein Niemand, längst keine Persönlichkeit wie der Apostel Petrus beispielsweise. Dass er immer schwere Zeiten habe durchmachen müssen, sei ja nun nicht gerade ein Zeichen für einen Mann, der unter dem Segen des Herrn stünde. Das und anderes wurde über ihn erzählt.
Viele von uns fragen in dieser Zeit: „Müsste eine Welt, in der das Heil angebrochen ist, nicht ganz anders aussehen?“ Die Korinther fragten: „Müsste ein Mann Gottes, der uns das Heil verkündigen will, nicht ganz anders aussehen?“
Beide Fragen lassen außer Acht, dass Gottes Heil ganz anders aussieht, als wir uns das vorstellen. Wir haben es im Evangelium ja eben gehört. Jesus wehrt die Versuchung des Teufels ab. Er lehnt es ab, alle Fäden in dieser Welt in die Hand zu nehmen, alle Dinge so zu regieren, dass niemand mehr zu leiden hat. Steine in Brot zu verwandeln, hätte den großen Hunger der Menschen zu seiner Zeit gestillt. Das war der Traum der Menschen damals – sicherlich war ihre Sehnsucht nach Brot damals noch viel größer als unsere Sehnsucht nach Frieden heute. Aber in der Versuchungsgeschichte sagt Jesus Nein dazu. Sein Weg ist ein anderer. Er bekämpft das Leiden. Er bekämpft das Böse. Er bekämpft den Tod. Aber nicht durch den Einsatz teuflischer Macht; erst recht nicht durch den Einsatz himmlischer Macht. Jesus geht stattdessen einen ganz anderen Weg. Er geht einen Weg des Leidens. Sie werden ihn auspeitschen. Er wird beim Tragen des Kreuzes einen Schwächeanfall erleiden und dann werden sie ihn an dieses Kreuz nageln. Jesus liefert sich dem Bösen aus. Die ihn kreuzigen ließen, ging es wie Putin nur um ihre Macht und ihr Ansehen. Wie wir sündigen Menschen nun einmal sind, wenn wir Macht haben und niemand diese Macht begrenzt. Denen liefert sich Jesus aus. Dann erleidet er durch sie den Tod. Ein schreckliches Unglück für alle, die ihre Hoffnungen auf Jesus gesetzt haben. Aber dann erkennen sie am Ostermorgen, dass dieses furchtbare Unheil die Geburtsstunde des Heils gewesen ist. Denn ihnen erscheint der auferstandene Jesus, der lebendige Christus.
Darum ist es in den Augen des Apostels kein Fehler Gottes, dass er einen wie den Paulus zum Diener Gottes berufen hat. „Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, auf dass auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde“, hat er den Korinthern zwei Kapitel zuvor (4,10) geschrieben: Das Heil ereignet sich mitten im Unheil und durch das Unheil hindurch. Das Evangelium von dem Gekreuzigten wird verkündigt von einem Apostel, in dessen Schwachheit Gottes Kraft mächtig ist.
Aber das Umgekehrte gilt eben auch! In der Schwachheit des Apostels ist Gottes Kraft mächtig. Darum wünscht er den Korinthern nicht den Zorn Gottes, sondern wirbt in langen Briefen um sie. Darum kann er Bedrängnisse, Nöte, Ängste und manches mehr in Geduld tragen und ertragen. Darum kann er langmütig bleiben mit denen, die ihm Böses antun und ihnen dennoch in Liebe begegnen. Darum ist er geistlich reich in materieller Armut. Darum wird er in allen Bedrängnissen immer wieder von Gott aus der Gefahr errettet.
Ähnlich ist es mit der Verfassung unserer Welt. Das Heil ereignet sich mitten im Unheil und durch das Unheil hindurch. Aber das Umgekehrte gilt eben auch! Mitten im Unheil wird Gottes Heil sichtbar. Die Welle der Hilfsbereitschaft, die ganz Europa erfasst hat, ist für mich ein unübersehbares Zeichen. 160 Menschen haben am Aschermittwoch im Friedensgebet im Dom so viel gespendet wie am Heiligen Abend ein voller Dom. Menschen machen sich von hier aus auf den Weg an die Grenze Polens zur Ukraine und sammeln dort Flüchtlinge ein und nehmen sie mit hierher. Andere nehmen sie bei sich zu Hause auf, wie unter anderem die Familie Geilhufe in Großschirma. Ich habe den Ortsausschuss übrigens gebeten zu prüfen, ob das Gästezimmer im Pfarrhaus zur Verfügung gestellt werden kann. Am Kreuz ist Jesus gescheitert, aber dieses Scheitern war sein Sieg. An Jesu Kreuz ist es sichtbar geworden: Opferbereitschaft, Hingabe, Liebe, Gewaltlosigkeit führen nicht zu schnellen Erfolgen. Aber sie sind mächtiger als alle Gewalt, alle Stärke, alle Macht. Der Hilfsbereitschaft, der Solidarität der Menschen untereinander, der Liebe unter den Nächsten kann ein Putin darum auf Dauer nichts entgegensetzen.
„Siehe jetzt ist die willkommene Zeit; siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ Das hat vielleicht nur einer formulieren können, der dem Auferstandene selbst begegnet ist. Das hat vielleicht nur einer formulieren können, dessen Leben von dieser Begegnung vollkommen verwandelt wurde. Aber es ist wahr! Mitten in dem Unheil ereignet sich auf eine für uns oft genug unverständliche Weise das Heil Gottes. Oft genug ist es unter dem Gegenteil verborgen. Aber es wird eben auch sichtbar.
Vor der Ukraine und vor ganz Europa liegt eine ungewisse Zukunft. Aber was auch immer geschehen mag: Wir leben wie der Apostel Paulus in der Nachfolge des gekreuzigten Jesus. Bedrängnisse, Nöte, Ängste gehören auch zu einem Leben im Glauben an den Gekreuzigten. Aber er ist uns nahe. Wie sind nicht allein. An der Kraft, die uns zuwächst, werden wir es spüren. An der Hilfsbereitschaft, die uns umtreibt, werden wir es spüren. Christus geht den Weg mit uns. Und wie sein Weg nicht am Kreuz endete, wird unser Weg nicht am Kreuz enden; der Weg der Ukraine wird nicht am Kreuz enden; der Weg unserer ganzen Welt wird nicht am Kreuz enden!
Amen.

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