Predigt zu Heilig Abend, 24. Dezember 2025

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Predigt zu Heilig Abend, 24. Dezember 2025

30.12.2025

über Hesekiel 37,24-28 (Lut17); gehalten im Dom St. Marien zu Freiberg von Dr. Gunnar Wiegand, Pfarrer des Freiberger Doms

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

nur noch ein klein wenig – und dann erscheint die Kurrende… mit Lichtern… Gesang… die Weihnachtsgeschichte aus den vier Himmelsrichtungen… der Quempas. Spannung, Aufregung. Ein ganz besonderer Moment.

Nur noch kurze Zeit und dann geht es nach Hause – endlich der ersehnte Heilige Abend! Ein gemeinsames Essen, der Christbaum, die Bescherung. Innere Unruhe. Was wird es dieses Jahr wohl geben? Waren die Kinder brav, dass das Christkind und der Weihnachtsmann auch wirklich etwas bringen? Aber dann ist da vielleicht auch die andere Seite – die wir gerne wenigstens heute verbergen wollen. Bleiben zwischenmenschliche Konflikte aus oder brechen sie gerade heute besonders hervor – wie man den Statistiken glauben darf? Oder ist meine Vorfreude auf Weihnachten durch Trauer oder Krankheit getrübt? Vielleicht kann ich gar nicht mit den Menschen feiern, wie ich es eigentlich wollte.

Warten mit Spannung, mit Unruhe, mit Trauer und Freude mussten auch die Juden vor vielen, vielen Jahrhunderten in Babylon. Sie ersehnten die Rückkehr in ihre Heimat, die Rückkehr in und um die Stadt Jerusalem. Der Prophet Hesekiel will den Leuten Mut machen, ihnen das Warten, die Anspannung verkürzen. Konkret gibt es da eine Person, die das alles machen wird. Sie kündigt er an – für uns ist diese Person Jesus, der Christus. Doch hören Sie selber bei Hesekiel im 37. Kapitel:

Lesung des Predigttextes Hesekiel 37,24-28 (Lut17)

Ja, Hesekiel kündigt Jesu Geburt an. Doch klingen seine Worte doch auch ziemlich anders. Da ist nicht die Rede von einem kleinen Kind in der Krippe. Da ist die Rede von Herrschaft und Knechtschaft. Es ist die Rede eines Bundesschlusses, eines großen Friedens, da ist die Rede vom Verhältnis zwischen Gott und dem Volk, ja den Völkern. Da ist die Rede von einem großen Heiligtum, das da sein wird.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen beim Hören dieser Worte geht. Meine Gefühle sind zwiespältig: auf der einen Seite klingt das alles irgendwie vertraut. Aber es klingt auch offiziell-distanziert, ja, fast staatsmännisch. Und dann frage ich mich: wo bleibt hier die Weihnachtsbotschaft? Was hat dieser Prophet mit meinem Leben, mit meiner Situation heute an Heilig Abend zu tun? Enttäuschung, Ärger? …Eine Spannung zwischen dem schönen Quempassingen und diesen prophetischen Worten.

Schauen wir uns die Botschaft genauer an: Hesekiel war ein Prophet, der im 6. Jahrhundert vor Christus als Jude im Exil in Babylon lebte – weit weg also von der Gegend um Jerusalem. Nach Babylonien wurden ja große Teile der Bevölkerung Judas und Israel verschleppt. Hesekiel dem Gottesvolk Hoffnung machen, dass sie wieder zurückkehren werden in die Gegend um Jerusalem. Der niedergerissene Tempel wird wieder aufgebaut. Um diesen Tempel versammelt sich das Volk der Juden, aber auch alle anderen Völker. Dazu gibt es einen großen König aus dem Geschlecht Davids, der diese Völker zusammenbringt. Eine ungeheure Botschaft – weil Hesekiel damit allen Menschen die Zugehörigkeit zu Gott zuspricht.

Doch noch einmal: was hat das nun mit uns heute Abend zu tun, hier im Freiberger Dom an Heiligabend 2025? Ich glaube, dass der Prophet die Menschen damals sehr gut kannte und auch uns sehr gut kannte. Denn in der offiziösen Botschaft der Völker, des Bundes, von Herrschaft und Knechtschaft greift Hesekiel Gefühle von uns Menschen auf, die es früher gab und die jede und jeder von uns in sich trägt:

-        Die Sehnsucht nach Frieden, oder anders formuliert nach Harmonie – und zwar in jeder und jedem von uns. Da sind die alltäglichen Streitigkeiten, der Zwist, der Druck auf der Arbeit, die subtilen Auseinandersetzungen in der Familie, mit den Eltern, mit den Kindern zwischen Eheleuten. Spannungen mit Nachbarn – oft über Lappalien. Die Verhältnisse auf den Straßen – Staus, Baustellen, Stress. Das was uns politisch auf die Nerven geht. Das was uns juristisch oder in der Kommune belastet – sie kennen ihre inneren Konfliktfelder. Und wo bleibe ich dabei? Frieden, Harmonie und die tiefe Sehnsucht danach: „Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein“ – sagt der Prophet.

-        Die Sehnsucht nach Verhältnissen, die mir selber am besten entsprechen: vielleicht stramme Ordnung, vielleicht kreatives Chaos. Die Sehnsucht nach einem starken, einfühlsamen und gerechten Gegenüber, die Sehnsucht nach jemandem, der mich annimmt, meine Bedürfnisse ernst nimmt. Ja, der Prophet kündigt diese Person an und nennt sie König. Und wir wissen, dass es Jesus Christus ist. Wer, wenn nicht ein unschuldiges Kind, ein unbeschriebenes noch völlig unbelastetes Blatt, könnte ein besserer Träger dieser Sehnsüchte sein. Beim Jesus-Kind ist noch alles offen. Und gerade darin ist er der starke Fürst, König, das Gegenüber, das uns alle zusammenführt.

-        Zuletzt ist da noch die Sehnsucht nach Heimat, nach Zugehörigkeit, nach einem Platz an dem ich nicht fremd bin – wie es die Israeliten in Babylon waren. Und das heißt: für uns Christinnen und Christen ist der Ort unserer Heimat von zweitraniger Bedeutung. Wir gehören zusammen, weil wir an Christus glauben, weil wir die Werte des Evangeliums teilen, weil wir heute hier gemeinsam Weihnachten feiern. Damit sind wir mit allen Christinnen und Christen der Welt verbunden – so können wir überall zuhause sein. Auch wenn wir natürlich wissen, dass uns Elternhaus oder unser neues Heim, doch meistens schon etwas Besonderes ist. Manche von Ihnen haben z.T. sehr weite Wege auf sich genommen.

Jesus ist einst als Kind in die Welt gekommen – daran erinnern wir an Weihnachten. Er ist unser Gegenüber. Jesus erfüllt das, was unsere Sehnsüchte prägen: Frieden, Harmonie, Zugehörigkeit. Das, was Hesekiel vor langer Zeit, der Engel vor der Geburt, vorausgesagt hat, ist mit Jesus Wirklichkeit geworden. Hierauf können wir vertrauen und daran können wir immer wieder anknüpfen – bis Jesus wiederkommt.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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