Predigt am Reformationstag 2019

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Predigt am Reformationstag 2019

31.10.2019

zu 5. Mose 6, 4 - 9; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
wir öffneten die Tür zu der alten Kirche. Draußen mussten wir unsere Augen mit Sonnenbrillen vor der gleißenden Sonne des südlichen Europa schützen, drinnen mussten sich die Augen auch ohne Sonnenbrille erst einmal an die Dunkelheit gewöhnen. Ich sah mich um: Natürlich dominierte ein Marienaltar ganz vor die ganze Kirche. In den Seitenschiffen aber hatten die Heiligen ihre Orte der Verehrung. Nach langem Suchen fand ich dann schließlich auch einen Christus-Altar. Da merkt man doch, dachte ich, wie die Reformation auch die katholische Kirche in Deutschland verändert hat. Im Süden Europas dagegen erinnert vieles noch an die Zeit, die Martin Luther vor 500 Jahren erlebt hat.
Luther hat bekanntlich eine hohe Achtung vor Maria gehabt; er hatte auch nichts gegen eine Verehrung von Heiligen. Aber er hat im christlichen Glauben Jesus Christus wieder an den Platz gerückt, der ihm zukommt. Martin Luther hat Jesus Christus und ihn allein ins Zentrum des Glaubens gerückt: Der Glaube an ihn und nur dieses Vertrauen auf Jesus Christus bringt uns in eine Beziehung zu dem lebendigen Gott; der Glaube an ihn und nur an ihn schenkt uns eine Hoffnung über dieses Leben hinaus; der Glaube an ihn will das Leben prägen. Das hatte Luther erkannt und in diesem Sinn veränderte er schließlich die Kirche dort, wo sie der Reformation zugänglich war.
Wenn wir in die Zeit des alten Israel zurückgehen, so war es damals nicht viel anders. Die Stämme Israels begegneten in Kannaan einer Vielzahl von Göttern. Sie waren Götter des Werdens und Vergehens, so wie der Kreislauf der Natur vorgibt. Und wie die Natur Vielfalt ist, so war auch der Glauben der Kanaanäer vielfältig. Nur an einen Gott zu glauben, das war – nicht nur in Kanaan – eine Merkwürdigkeit, die sich allein die Israeliten leisteten. In eine solche Situation hinein spricht das Wort Gottes: Höre Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. Und du sollst den HERRN lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Inmitten der Vielfalt der Gottheiten, denen es begegnet, hört Israel auf den HERRN als den einen und einzigen Gott. Er allein ist es, der das Leben bestimmt. Ihm allein kommt es zu, angebetet zu werden. Er allein verdient das Vertrauen der Männer und Frauen und Kinder Israels. Ohne diese Fokussierung auf den einen Gott wäre Israel längst von der Bildfläche der Geschichte verschwunden. Die Beziehung zu dem lebendigen Gott war ihnen ein Anker, der sie davor bewahrt hat, in den Stürmen des Zeitgeschehens davongeweht zu werden.
Möglich ist das geworden, weil Israel sich der Aufgabe gestellt hat, sich immer wieder an den Glauben zu erinnern und den Glauben von Generation zu Generation weiterzugeben: Diese Worte sollst Du Dir zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen. Wie das geschieht, kann man noch heute an frommen, orthodoxen Juden sehen. Noch heute binden sie die Gebetsriemen um die Arme, binden sich die Thora vor die Stirn, schreiben die Worte an die Pfosten und Tore des Hauses. Sichtbar und spürbar wird das Erinnern an den einen Gott, bekommt das Gebet eine leibliche Dimension, wird der Glaube weitergegeben. Durch dieses Erinnern hat Israel sich den Glauben an den einen Gott, neben dem es keine anderen Götter gibt, bewahrt. Durch das Bekenntnis zu ihm ist seine Identität als Volk Gottes bewahrt worden und durch die Weitergabe des Glaubens von Generation zu Generation.
Und wir heute?
Im Grunde sind wir in einer ganz ähnlichen Lage wie vor 500 Jahren oder vor 2500 Jahren. Die Lage ist ähnlich unübersichtlich. Es gibt eine Fülle von Gottheiten, die Anspruch auf unser Leben erheben. Es gibt die Götter anderer Völker, die attraktiver zu sein scheinen als Jesus Christus. Nicht nur Teenager aus schwierigen Verhältnissen konvertieren beispielsweise zum Islam; manche Intellektuelle finden den Buddhismus faszinierend. Vor allem aber gibt es die Fülle der Gottheiten, die auf den ersten Blick gar nicht als solche zu erkennen sind. Sie heißen beispielsweise „Amazon“ und „Google“. Sie sind aber nur nachgeordnete Gottheiten eines Hauptgottes, der sich „Kapital“ oder „Finanzen“ nennt. Dieser Gott hat sich einen Großteil der Menschheit und die Natur unterworfen. –Es gibt aber auch ganz menschliche Gottheiten, die ähnlich wie Jesus eine Vielzahl anderer Menschen in die Nachfolge rufen. Man nennt sie „Influencer“ und sie lassen über das Internet Menschen an ihrem wunderbaren Alltag teilhaben. Sie zeigen ihren Jüngern, wie wunderbar auch deren Leben werden kann.
Höre Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. Und du sollst den HERRN lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.
Das ist heute ebenso wie damals im alten Israel, heute ebenso wie zur Zeit der Reformation in dringender Weise das Gebot der Stunde: Was wir brauchen, ist eine Neubesinnung hin zu dem einen Gott. Was wir gebrauchen könnten, wäre ein Mann wie Martin Luther, der Jesus Christus wieder ins Zentrum rückt. Was wir gebrauchen könnten, wäre ein Mann oder eine Frau wie er, der oder die diesen Glauben – mit Christus im Zentrum – unter die Leute bringt und den falschen Göttern den Kampf ansagt. Aber wir brauchen auf keinen Luther unserer Zeit zu warten. Momentan ist auch keiner in Sicht. Nicht einmal eine – von manchen ja wie eine Heilige verehrte – Margot Käßmann hat grundlegend etwas an der Lage des Glaubens in unserem Land zu ändern vermocht. Aber dennoch kann es eine Reformation auch in unserer Zeit geben! Wir brauchen nur bei uns selbst zu beginnen.
Denn wenn wir einmal ehrlich und in Ruhe darüber nachdenken, werden die meisten unter uns nicht mit völlig ungeteiltem Herzen auf Jesus Christus vertrauen. Da sind und werden neben ihm immer auch und immer wieder auch andere Dinge wichtig: Karriere, Geld, Freizeitvergnügen. Wie lege ich denn mein kleines oder vielleicht auch größeres Sparguthaben an, wenn es auf der Bank keine Zinsen mehr gibt, mögen wir uns beispielsweise fragen. Dabei sind keine Zinsen sehr biblisch und Jesus hat ja im Gegenteil dazu geraten, sein Geld eher den Armen zu geben. Aber ohne eine Rücklage zu leben und eine Sicherung allein bei Gott zu suchen, wäre das nicht sehr riskant? Man weiß ja nicht, was kommt. Wenn Ihnen solche Gedanken völlig fremd sind, sind Sie schon weiter im Glauben als ich.
Vermutlich ist genau das der Punkt! Im Leben vieler Christen steht Christus nicht ganz, nicht ungeteilt im Zentrum des Glaubens und noch weniger ganz im Zentrum des Lebens.
Reformation heute, heißt also: Fangen wir bei uns selbst an! Machen wir uns immer wieder klar: Der eine und einzige Gott ist der Dreieinige: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Im Zentrum unseres Glaubens steht Jesus Christus. Er hat alles losgelassen, sogar sein eigenes Leben, um für uns da sein zu können. Er allein verdient unser Vertrauen; er verdient es aber auch wirklich! Erinnern wir uns daran immer wieder. Wir benutzen keine Gebetsriemen. Aber wir haben die Bibel und das Gesangbuch; wir haben unseren wunderbaren Dom und die Geschwister im Glauben, mit denen wir an jedem Sonn- und Feiertag Gottesdienst feiern können. All das facht die Flamme des Glaubens immer wieder neu an. Führen wir uns auch vor Augen, was wir mit ihm erlebt haben! Jeden einzelnen Augenblick wunderbarer Bewahrung; jede einzelne Erfahrung, wo er uns getragen hat, als uns die Kraft ausging. So können wir uns das Wort von dem einen und einzigen Gott immer wieder zu Herzen nehmen.
Fangen wir bei uns selbst an mit der Reformation, die heute mehr denn je not tut. Geben wir den Glauben auch an die nächsten Generationen weiter! Viele der jungen und jüngeren Erwachsenen streifen heute den Glauben und die Kirche ab wie einen alten Mantel, der nicht mehr passt. Aber mit ihnen ist die Weitergabe des Glaubens dennoch nicht an ihr Ende gekommen. Großeltern können mit den Enkeln, Urgroßeltern mit den Urenkeln beten und ihnen von dem Mann aus Nazareth erzählen. Wenn wir uns das immer wieder vor Augen halten, was uns trägt, dann wird die jüngste Generation von uns erfahren, dass es nur den einen Gott gibt, der Leben schenken kann.
Israel hat sich von dem HERRN als dem einen Gott durch die Jahrtausende tragen lassen. Martin Luther hat seinen Sohn Jesus Christus wieder ins Zentrum des Glaubens gestellt. Wir stellen uns in diese Tradition hinein. Gegen die falschen Götter unserer Zeit bekennen wir den einen und einzigen Gott und wir lassen die, die uns am Herzen liegen, daran teilhaben. So wird sich die Kirche erneuern über die Zeiten hinweg. Nein: So wird der HERR, unser Gott, die Kirche erneuern über die Zeiten hinweg.
Amen.

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