Predigt am Frühjahrsbußtag, 26. Februar 2020

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Predigt am Frühjahrsbußtag, 26. Februar 2020

26.02.2020

zu Matthäus 9, 14 - 17; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
ich gebe zu, ich bemühe mich in jeder Passionszeit darum, Verzicht zu üben. Mal gelingt es mir besser; mal bin ich weniger zufrieden mit mir. Fasten würde ich das nicht nennen. Das wäre zu hoch gegriffen, aber Verzicht üben trifft es ganz gut. Nach dem Mittagessen habe ich beispielsweise immer Appetit auf ein Stück Schokolade. Auch ein Glas Bier oder Wein gönne ich mir erst ab Ostern wieder. Das fällt nicht immer leicht.
Sollte ich dieses Vorhaben aufgeben, wenn ich mir vor Augen führe, was Jesus hier zu den Jüngern des Johannes gesagt hat? Seine Worte sind dem Fasten gegenüber ja recht kritisch. Neuer Wein in alte Schläuche, sagt Jesus, dabei kommt nichts Gutes heraus. Dieses Bildwort ist in unserer deutschen Sprache ja zur Redewendung geworden. Neuer Wein in alte Schläuche: Das bedeutet: noch nicht ganz ausgegorener Wein wird in einen Schlauch gefüllt, der nicht mehr so elastisch ist wie ein neuer. Die Gasentwicklung beim weitern Gärprozess kann ihn dann – anders als den neuen Schlauch – zum Platzen bringen. Will sagen: Alte Formen sind nichts für neue Inhalte. Das passt nicht zusammen. Dabei kommt nichts Gutes heraus. Das Fasten ist so ein alter Schlauch, eine alte Form der Frömmigkeit. Es passt nicht zu der Haltung eines Menschen, der Jesu Ruf zur Umkehr gehört hat und danach zu leben versucht. Warum eigentlich nicht?
Jesus hat dabei – so verstehe ich es – die relativ rigiden Fastenvorschriften vor Augen, nach denen die Jünger und die Pharisäer damals lebten. Sie meinten, ein frommer Mensch MÜSSE fasten, wenn er ein vor Gott angesehenes Leben führen wollte. Jesus fand, das passe nicht zu seinem Evangelium, seiner frohen Botschaft von der Herrschaft der Liebe Gottes. Mit der Person Jesu war diese Herrschaft angebrochen. Jesus rief seine Zuhörer zwar auch dazu auf, ihr Leben zu ändern und sich Gott neu zuzuwenden. Aber nicht durch Fasten und ähnliche fromme Übungen sollten sich die Menschen Gott zuwenden. Jesus kam es auf ein umkehrbereites Herz an; durch eine Änderung ihres Sinns sollten die Menschen ihr Leben neu auf Gott hin orientieren. Nicht weil sie es zu müssen glaubten, sollten die Menschen sich auf den Weg zu Gott machen, sondern weil sie es gar nicht anders konnten – vor lauter Freude über das nahe Himmelreich. Darum passten fromme Übungen wie das Fasten ebenso wenig zu dem Evangelium Jesu wie neuer Wein zu alten Schläuchen.
Der heutige Aschermittwoch wird in unserer Landeskirche als Bußtag begangen. Buße als Hinwendung zu Gott kann nach den Worten Jesu nur aus einem Herzen heraus geschehen, das diese Buße tun WILL, nicht tun muss. Wer in sich die Liebe Gottes spürt, kann nicht anders als sich diesem liebenden Gott immer wieder zuzuwenden und diese Liebe weiterzugeben. Wer sich in der Liebe Gottes geborgen weiß, der kann gar nicht anders als sein Leben immer wieder in Frage zu stellen. Der weiß, was eigentlich seiner Bestimmung nicht entspricht. Der stellt sich seinen Schatten und verdrängt sie nicht. Aus dem Glauben an Jesus Christus heraus geht es gar nicht anders als sich immer wieder von neuem ihm zuzuwenden.
Buße zu tun, ist nach den Worten Jesu insofern eigentlich keine Last. Im Gegenteil, es ist geradezu eine Freude. Es ist eine Freude, Christus all das anvertrauen zu können, was wirklich schief läuft im eigenen Leben. Es ist geradezu eine Freude, einen Schlussstrich zu ziehen und vor Gott reinen Tisch zu machen. Es ist geradezu ein Fest, völlig neu anzufangen und sich wieder ganz neu am Willen Gottes zu orientieren.
Kann das Fasten dabei eine Rolle spielen?
In richtig verstandener Weise schon. Die äußerliche Übung kann die Hinwendung zu Gott nicht ersetzen. Aber sie kann dazu helfen. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied. Wenn ich auf liebgewordene Gewohnheiten verzichte, dann macht mich das ja auch frei von ihnen. Dann kann ich ganz anders über mich und mein Leben vor Gott nachdenken als bisher. Das Erlebnis, frei geworden zu sein von liebgewordenen Gewohnheiten, hilft mir dann auch, mich frei zu machen von Dingen, die dem Willen Gottes für mein Leben widersprechen. Wenn ich an der einen Stelle frei geworden bin, kann ich es auch an anderer Stelle werden. Insofern kann das Fasten so etwas wie eine Krücke sein oder ein Hilfsmittel, ein Werkzeug oder eine App. Aber es ersetzt die frohe Hinwendung zu Gott nicht, das kann das Fasten auch nicht.
Jesus hat uns gerufen, uns aus einem frohen Herzen heraus voller Freude Gott zuzuwenden, sich ihm in die Arme zu werfen und dabei das Leben neu auf ihn auszurichten. Das war der neue Wein, von dem er gesprochen hat. Der Verzicht auf liebgewordene Gewohnheiten kann dabei eine Hilfe sein. Aber es ersetzt diese freudige Hinwendung zu Gott natürlich nicht. Sonst wäre das Fasten ein alter Schlauch, in den man den neuen Wein füllen will. Aber die Umkehr zu Gott kann mit einer ganz anderen Art des Fastens verbunden sein. Zu jeder Persönlichkeit gehören ein paar Eigenschaften, die sind große Stärken, aber auch immer zugleich große Schwächen. Jede Persönlichkeit hat darum Aspekte, die sich zwischen uns und unsere Mitmenschen stellen und nicht weniger zwischen uns und Gott. Eine ist so penibel, dass sie damit ihren Mitmenschen auf die Nerven geht. Einer ist immer so ängstlich, dass mit ihm eigentlich kaum etwas anzufangen ist. Eine ist so entspannt, dass sie manches in ihrem Leben auch nicht stattfindet, weil sie es nicht zuwege bringt. Einer kann immer fröhlich sein und das Leben in vollen Zügen genießen, aber ein ernsthaftes Gespräch kann man mit ihm nicht führen. Eine ist völlig vertieft in ihre Forschungen, übersieht dabei aber die Menschen und das Leben. Jede Persönlichkeit hat so ihre Schattenseiten. Die zu fasten wäre durchaus ein Akt der Buße. Sich ihnen zu stellen und zu versuchen, die eigenen Verhaltensmuster in Frage zu stellen, würde eine Umkehr bedeuten. Das ist übrigens der Hintergrund der manchmal sehr eigenartig anmutenden Themen von Sieben-Wochen-Ohne. In diesem Jahr heißt es: „Sieben Wochen ohne Pessimismus.“ Es gibt ja Menschen, die sehen das Glas immer eher halbleer als halbvoll. Das beruht zum Teil auf Erfahrungen, zum Teil auf Persönlichkeitsmustern. Sich zu dem lebendigen Gott hinzuwenden, bedeutet aber, auf eine frohe Zukunft zuzugehen. Wir haben in der Welt natürlich viel Anlass zu Pessimismus. Aber mit dem Blick auf Gott kann nur alles gut werden.
Buße tun, ist nichts Schlimmes. Es ist nicht mit Schmerz oder Leid verbunden. Es ist die Hinwendung zu der Gnade und Barmherzigkeit Gottes. Das ist etwas Wunderbares. Machen wir uns auf diesen Weg. Wenn uns Fasten dabei hilft, ist es gut. Wenn es das nicht tut, lassen wir es ruhig sein. Christus braucht unser Fasten nicht, aber er braucht unser Herz.
Amen.

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