Predigt am 6. Sonntag nach Trinitatis, 28. Juli 2019

Predigt am 6. Sonntag nach Trinitatis, 28. Juli 2019

28.07.2019

zu Lukas 16, 19 - 31; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
er steht ein wenig am Rande, ist aber eines der herausragenden Kunstwerke unseres Domes: Der Opferstock von 1520. Zunächst einmal fällt auf, dass er gut gesichert ist. Aus massivem Sandstein ist er gearbeitet und mit einer Metallstange verschlossen. Was hier an Almosen gegeben wurde, sollte nicht in falsche Hände geraten; es sollte den Armen zugutekommen. „Gebet den Armen“ ist daher auf den Opferstock mit vertieft eingearbeiteten Buchstaben geschrieben worden. Vermutlich waren bedürftige Menschen aus dem Gebiet des Domes die, für die das Geld gedacht war. Alle Christen, die den Gottesdienst besuchten, sollten für die Armen im Gemeindegebiet ein Almosen geben. Das war damals die Form der Sozialfürsorge. Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld oder gar eine Rente gab es damals ja noch nicht.
Interessant ist, wie die Gläubigen motiviert werden sollten, etwas für die Armen in der Gemeinde zu geben. Ein unbekannter Meister hat ein Halbrelief gestaltet, das einen nahezu unbekleideten Mann zeigt, der allein dadurch schon als arm gekennzeichnet wird. Während Kleidung für uns heute – leider – ein Wegwerfartikel geworden ist, war sie damals sehr teuer. Arme konnte man daran erkennen, dass sie in sehr lange getragenen und damit oft geflickten Sachen unterwegs waren. Anders ging es nicht. Der Arme auf dem Opferstock kann sich offenbar nicht mal mehr leisten als das, was notdürftig wenigstens seine Scham bedeckt. Wer dieser Arme sein soll, darauf weist der kleine Hund links unten hin, der dem Armen den rechten Fuß leckt. Es geht um Lazarus, den notleidenden, kranken Mann. Er liegt vor der Tür des Reichen. Ihm lecken die Hunde die Geschwüre und verstärken dadurch noch sein Leiden.
Die Lazarus-Geschichte ist erschütternd in mehrfacher Hinsicht. Zum einen berührt uns das Schicksal des Lazarus – wie er da vor der Tür des Reichen liegt und darauf warten muss, dass er etwas von dessen Abfällen bekommt. Mit ihnen will er seinen Hunger stillen. Zudem ist Lazarus – wie viele Obdachlose unserer Zeit auch – von seiner Armut gezeichnet. Mangelnde Hygiene auf der Straße hat dazu geführt, dass er voller Geschwüre ist und sicherlich große Schmerzen ertragen muss. Berührend ist auch, dass es für Lazarus so etwas wie einen Ausgleich gibt. Er wird von den Engeln zum Schoß Abrahams getragen. Er kommt also in das, was wir den Himmel nennen, weil wir kein besseres Wort dafür haben. Er ist geborgen in der Ewigkeit Gottes.
Kalt kann einen auch das Schicksal des Reichen nicht lassen. Bei ihm ist es allerdings ganz anders. Ihn hat das Schicksal des armen Lazarus nicht sehr gekümmert. Er lebte sein Leben lang herrlich und in Freuden. Dass da einer unmittelbar vor seiner Haustür in bitterster Not leben musste, war ihm gleichgültig. Was in der Bibel steht zum Thema Armut, war ihm egal. „Mose und die Propheten“ haben ihn ebenso wenig interessiert wie sie offenbar seine Brüder interessieren. Nun bekommt er die Quittung – und auch das ist erschütternd. Der Reiche findet sich in der Hölle wieder: Er leidet Qualen an einem Ort, wo es offenbar extrem heiß ist. Diese Qualen können wir uns gut ausmalen. Sie sind aber nur ein Bild dafür, dass er getrennt von Gott leben muss. Er hat sich selbst durch sein Verhalten, seine Gleichgültigkeit und vor allem seine extreme Selbstbezogenheit abgeschnitten von der Quelle des Lebens. Diese Selbstbezogenheit kann er nicht einmal in der Hölle ablegen. Er hat sich um Lazarus nie gesorgt. Aber nun soll ausgerechnet der kommen und dem Reichen beistehen oder wenigstens dessen Brüder warnen. Nicht einmal die Qualen der Hölle brechen den Egoismus des reichen Mannes auf. Abraham hat insofern recht: Wer so selbstbezogen lebt, den würde nicht einmal ein auferstandener Lazarus zur Umkehr bewegen können.
Der Reiche hat sich selbst durch sein Verhalten, seine Gleichgültigkeit und vor allem seine extreme Selbstbezogenheit von dem lebendigen Gott getrennt. Das zeigt der unbekannte Künstler, der den Opferstock gestaltet hat, in einer sehr beeindruckenden Weise. Lazarus scheint in seinem Torbogen zu schlafen. Dahinter steckt aber sehr viel mehr als der Wille des Künstlers, die Müdigkeit des von seinem harten Leben erschöpften Armen darzustellen. Die Figur des Lazarus nimmt nämlich genau die Haltung ein, die wir auch an einer Christusfigur hier im Dom beobachten können. Es ist die Figur des sog. „Christus in der Rast“ rechts neben der Goldenen Pforte auf der Innenseite des Domes. Typisch ist der Kopf, der in die Hände gestützt wird. Darum hat man eine solche Figur im Volksmund auch den „Zahnwehherrgott“ genannt. Was der Künstler uns mit seiner an Christus erinnernden Darstellung sagen will, ist vor diesem Hintergrund eindeutig. Der Reiche hat sich nicht nur an Lazarus versündigt, sondern zugleich auch an Christus. „Was ihr nicht getan habt einem von diesem meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir auch nicht getan“, sagt Christus als der Weltenrichter im 25. Kapitel des Matthäusevangeliums. Der Opferstock erinnert uns an einen elementaren Zug des Evangeliums: Wenn wir eine lebendige Beziehung zu Gott, zu Jesus Christus haben, dann können wir uns nicht nur um unsere eigenen Probleme kümmern; dann können uns die Notleidenden um uns herum und in der Welt nicht gleichgültig lassen. Wenn uns die Armen dagegen kalt lassen, dann ist uns unweigerlich auch Gott egal und umgekehrt.
Nun leben wir in einer Zeit, in der die Lazarusse unserer Tage in unserem Land durch unser Sozialsystem einigermaßen abgesichert sind. Ist die Aufschrift „Gebet den Armen“ damit nicht mehr aktuell?
So leicht können wir es uns leider nicht machen. Denn die Not ist auch in unserem Land nicht verschwunden und in der Welt ist sie immer noch riesengroß. Gerade in den armen Ländern arbeiten Menschen unter Bedingungen, die wir vermutlich nicht einen Tag lang aushalten würden. Gleichzeitig geht es uns wie dem Reichen. Wir sehen diese Menschen gar nicht. Wir profitieren sogar von ihren schlimmen Lebensbedingungen. Unseren Konfirmanden lasse ich im zweiten Jahr immer von Mitarbeitern unseres Eine-Welt-Ladens etwas über den Fairen Handel erzählen. Ich finde es jedes Mal erschütternd, zu sehen, unter welchen Bedingungen Menschen beispielsweise in afrikanischen Kaffeeanbaugebieten leben. Der Preis, den sie für ihre Arbeit erhalten, wird nicht von ihnen gemacht; den bestimmen Menschen in Europa oder Amerika an den Kaffeebörsen. Wenn er niedrig ist, freuen wir uns an der Kasse vom Supermarkt. Aber die Kleinbauern müssen dann möglicherweise hungern. Ihre Kinder zur Schule zu schicken wird unmöglich. Organisationen des sog. Fairen Handels versuchen dagegen, den Kaffeebauern einen fairen Preis zu zahlen. Damit haben die keinen Lebensstandard wie wir. Fairer Kaffee ist nicht so sehr viel teurer als der unfair gehandelte. Aber die Kaffeebauern können einigermaßen von ihrem Einkommen leben und nicht zuletzt auch ihre Kinder zur Schule schicken. So dass die später einmal bessere Chancen als Erwachsene haben werden. Damit werden dann übrigens auch Fluchtursachen beseitigt.
Der arme Lazarus liegt also nicht mehr unbedingt vor unserer Haustür und die Hunde lecken seine Geschwüre. Aber an der Supermarktkasse oder bei Textilketten wie Primark begegnen wir ihm indirekt schon. Die niedrigen Preise für Kaffee, T-Shirts und viele andere Dinge machen deutlich: Hier mussten andere Menschen bereits einen Preis bezahlen. Sonst könnte der Preis auf dem Etikett nicht so niedrig sein. Dann werden wir gefragt, ob es uns nur um unsere eigenen Probleme geht oder ob wir auch an die denken, die die Lazarusse unserer heutigen Zeit sind. Wir werden gefragt, ob wir uns nur für uns selbst interessieren oder auch für die, die es genauso verdient haben ein Leben in Würde zu führen.
So erinnert uns der Opferstock seit 500 Jahren, dass der Glaube an Gott und die Nächstenliebe untrennbar zusammengehören. Wer auf Gott vertraut, der hört auch heute noch die Ansprache des unbekannten Künstlers: „Gebet den Armen.“
Amen.

Bilder

Opferstock Lazarus von 1520

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