Predigt am 4. Advent, 22. Dezember 2019

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Predigt am 4. Advent, 22. Dezember 2019

22.12.2019

zu 2. Korinther 1, 18 - 22; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
in den Freundeskreisen meiner Kinder, so habe ich den Eindruck, heiraten viele. Sie gehen in den Augen der jungen Generation das Wagnis einer Ehe ein. Anders kann man es ja nicht verstehen, wenn auf Hochzeitanzeigen heute immer steht: Wir trauen uns. Es muss heutzutage wohl Mut erfordern, Ja zu einem Partner zu sagen. Denn die Eheschließung machen die Brautleute ja nicht selber. Das muss schon ein Standesbeamter machen. Sich selber trauen kann man nicht.
Viele junge Leute trauen sich aber dann doch, verbindlich zu einem anderen Menschen ja zu sagen
. Sie spüren offenbar, dass es nicht mehr viel gibt in unserer Welt, was wirklich verlässlich ist und uns Halt gibt. Unsere Welt verändert sich ja so rasant, dass es einem schwindelig werden kann. Da ist es ein Glück und ein Segen, wenn man jemanden gefunden hat, der sich verlässlich an einen binden mag und an dem man sich verlässlich binden mag. Es ist ein Glück und ein Segen, wenn man zu zweit durch diese sich ständig verändernde Welt gehen kann. Man braucht dazu nicht unbedingt einen Trauschein, aber die Verbindlichkeit eines Trauscheins, die braucht man dann schon. Dass eine verlässliche Bindung entsteht, das ist wichtig.
Im Kalender „andere Zeiten“ hat Herbert Grönemeyer seine Erfahrung geschildert, dass seine Freunde in seinem Leben die waren, auf die er sich wirklich verlassen konnte, gerade in schwierigen Zeiten. Andere machen die Erfahrung, dass man sich vor allem auf die Familie verlassen kann, wenn es hart auf hart kommt. Ehe, Familie, Freunde: dort finden wir die Verlässlichkeit und Verbindlichkeit, die wir alle für unser Leben brauchen.
Ein Mangel an Verlässlichkeit wurde dem Apostel Paulus vorgeworfen. Er hatte einen Besuch angekündigt und war dann doch nicht gekommen. Er hatte seinen Besuch nicht vergessen. Er kam absichtlich nicht. Er wollte einen Streit um sein Amt als Apostel vermeiden, der bei einem Besuch wohl unausweichlich geworden wäre. Daraufhin warfen ihm die Korinther vor, er habe Probleme mit der Verbindlichkeit seiner Zusagen.
Paulus wehrt sich gegen diese Vorwürfe mit dem Hinweis auf die Verlässlichkeit Gottes. Seine Argumentation leuchtet uns heute nicht mehr so richtig ein. Er sagt sinngemäß: Wenn Gott verlässlich ist, in dem was er ankündigen lässt, und verbindlich in dem, was er tut, dann bin ich als sein Apostel nicht weniger verlässlich. Uns würde heute eher der umgekehrte Gedankengang einleuchten. Das war damals aber eine plausible Argumentation.
Interessant für uns ist heute am 4. Advent des Jahres 2019 die Frage nach der Verlässlichkeit des Paulus kein Problem, umso mehr aber die der Zusagen Gottes. Im Dom führen Konfirmanden heute zwei kleine Anspielszenen auf. In beiden Szenen des Anspiels der Konfirmanden kommt diese Frage ja zum Vorschein. In der 1. Szene kann es sich die Nachbarin von Maria nicht vorstellen, dass Gott seine Verheißungen ausgerechnet in einem neugeborenen Nachbarskind erfüllen soll. Das erscheint ihr unglaubwürdig. In der 2. Szene unseres Anspiels hat der Sohn der Familie unserer Zeit seine Zweifel: Wenn man sich diese Welt ansieht, dann fragt er sich zu Recht: Was ist das eigentlich für eine Welt, die wir von den Älteren übernehmen? Und zu Recht vermisst er, dass von dem Licht, das mit Christus zu Weihnachten in die Dunkelheiten unserer Welt gekommen ist, so wenig zu sehen ist. Da mag man sich die Frage stellen: Ist eigentlich Gott verlässlich? Steht er zu seinen Verheißungen? Hat er mit dem Kind in der Krippe wirklich den Heiland geschickt? Wird er wirklich die Brüche unseres Lebens heilen und diese Welt sichtbar in ein Himmelreich verwandeln? Können wir uns darauf verlassen, dass Gott seine Verheißungen wahrmachen wird?
Paulus beantwortet diese Frage mit einem klaren Ja. Auf alle Gottesverheißungen ist in Jesus Christus das Ja, schreibt der Apostel. Die Propheten haben den Messias, den Heiland, den Erlöser angekündigt. Gott hat dieses Versprechen eingehalten. In dem Sohn der Maria ist er im Stall von Bethlehem buchstäblich zur Welt gekommen. Die Menschen, die Jesus begegneten, haben das in seiner Gegenwart gespürt. Ihr Leben wurde heil, wenn er zu ihnen sprach, sie anrührte, sie heilte an Leib und Seele. Darum strömten die Menschen zusammen, wenn Jesus irgendwo auftrat. Die Evangelien sind ja voller wunderbarer Geschichten über Begegnungen Jesu mit Menschen. Diese Leute waren krank, mutlos, innerlich zerrissen, grenzenlos egoistisch oder auf schuldhafte Weise gebrochene Existenzen. In der Gegenwart Jesu aber veränderte sich ihr Leben. Sie wurden heil. Das Leben fühlte sich neu an. Es fühlte sich nicht nur so an. Es war neu. Sie waren wie auferstanden von den Toten. Sie spürten: Jesus war der Retter, der Heiland, der Erlöser. Er war es für diese Menschen – erst einmal allerdings nur für sie.
Mit Jesu Weg ans Kreuz und seiner Auferstehung hat Gott den zweiten Schritt zur Erfüllung seiner Verheißungen getan. Die Zeugen dieses so unglaublichen Geschehens erkannten: Gottes heilsame Liebe heilt sogar Schuld und Tod. Die Menschen hatten sich an Jesus versündigt, als sie ihn kreuzigten. Aber er vergab ihnen und mit seiner Auferstehung wurde ihre Schuld überwunden. Jesus gab sein Leben hinein in den Tod als Zeichen der grenzenlosen Liebe des Vaters. Dadurch eröffnete er uns schwachen, sterblichen, schuldigen Menschen einen neuen Zugang zu dem allmächtigen und ewigen Gott.
Noch aber sieht unsere Welt so aus, wie sie aussieht. Der junge Mann aus der 2. Anspielszene beklagt es zu Recht: Was für eine Welt hinterlassen wir frühere Generationen der heutigen Jugend und den nachfolgenden Generationen? Wo bleibt Gottes nächster Schritt? Wann wird diese Welt so verwandelt, wie das Leben der Menschen in der Begegnung mit Jesus verwandelt wurde? Wann wird Jesus Christus das Leid und den Tod dieser Welt endgültig überwinden, so wie er Leid und Tod für sich – und damit grundlegend für alle – schon überwunden hat?
Der Apostel Paulus hat auch auf diese Fragen eine wie ich finde faszinierende Antwort. Er schreibt an die Korinther, Gott habe als ein Unterpfand den Geist in unsere Herzen gegeben.
Wenn wir beim Notar sind und einen Vertrag machen, dann nehmen wir ein unterschriebenes Exemplar des Vertrages mit nach Hause. Die Unterschrift des Vertragspartners ist unsere Sicherheit, dass es auch so kommen wird, wie es in dem Vertrag vereinbart worden ist.
Die Unterschrift unter die Zusagen Gottes ist nun nach den Worten des Apostels der Heilige Geist, der unsere Herzen anrührt. Oder mit einem anderen Bild: Das Siegel unter dem Vertrag, das ist der Glaube, den Gottes guter und heiliger Geist uns ins Herz gelegt hat.
Wenn ich also auch nur einen Funken der Hoffnung in mir trage, dass alles einmal gut wird, dann ist dieser Hoffnungsfunke so etwas wie die Unterschrift Gottes unter seine Zusagen. Wenn es mir gegeben ist, auf Jesus Christus zu vertrauen, dann ist das das Siegel unter den Zusagen Gottes. Er hat uns eine neue Erde unter einem neuen Himmel verheißen. Dass wir darauf unsere Hoffnung setzen, zeigt: Es wird wahr werden; Gott lässt uns nicht allein. Er ist in dem Kind in unsere Welt gekommen. Er ist in dem Geist in unser Herz gekommen. Er wird auch diese Welt nicht alleinlassen. Alles wird gut werden. Alle Tränen werden abgewischt. Alle Einsamkeit vergeht. Alle Schuld, die zwischen Menschen steht, wird vergeben. Alle Zerstörungen der guten Schöpfung werden geheilt.
Zu diesen seinen Zusagen steht Gott verlässlich und treu. Das Kind in der Krippe ist ebenso ein Zeichen dafür wie unser Glaube und unsere Hoffnung, die Gottes Geist uns schenkt.
Amen.

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