Predigt am 3. Sonntag vor der Passionszeit (Septuagesimae), 9. Februar 2020

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Predigt am 3. Sonntag vor der Passionszeit (Septuagesimae), 9. Februar 2020

09.02.2020

zu Matthäus 20, 1 - 16a; gehalten von Pfarrer Urs Ebenauer in Großvoigtsberg

Liebe Gemeinde,
was Jesus da seinen Zuhörern auftischt, ist eine unglaubliche Geschichte. Stellen Sie sich doch einmal vor, so würde ein Landwirt oder ein Unternehmer heute arbeiten. Da hat ein Bauunternehmer beispielsweise einen Auftrag, der muss in vier Wochen fertig gestellt werden. Zunächst einmal stellt er alle ein, die sich bei ihm beworben haben. Nach einer Woche merkt er aber, dass er mit diesen Arbeitskräften nicht auskommt. Also setzt er eine Anzeige in die Zeitung und stellt die ein, die sich daraufhin melden. Nach einer weiteren Woche merkt er, dass es immer noch nicht reicht. Also lässt er sich ungelernte Arbeitskräfte vom Arbeitsamt schicken. Und als er eine Woche vor Abschluss der Arbeiten merkt, dass er immer noch weiteres Personal braucht, sucht er sich noch weitere Mitarbeiter in den öffentlichen Anlagen und vor den Getränkemärkten zusammen. Zu einer vernünftigen Personalplanung scheint dieser Mann nicht in der Lage zu sein.
Was dann aber die Geschichte geradezu absurd werden lässt, das ist die Lohnauszahlung, als der Auftrag dann abgearbeitet ist. Denn denjenigen, die er wenige Tage vor Beendigung des Auftrags angestellt hat und von denen manche die meiste Zeit stark angetrunken waren und auch nur zu Handlangerarbeiten taugten, zahlt der Chef den gleichen vollen Lohn für einen vollen Monat wie den hochqualifizierten Facharbeitern, die er am Anfang des Monates eingestellt hat.
So ein Mann würde wahrscheinlich ganz schnell Konkurs anmel­den müssen. Er würde zudem mächtig Ärger bekommen. Stellen wir uns doch mal vor, wie die anderen Unternehmen reagieren würden. „Der Mann macht uns ja die ganze Tarifpolitik kaputt“, würden sie schimpfen. Und auch die Arbeitnehmervertreter wären nicht zufrieden. Schließlich wären diejenigen ziemlich aufgebracht, die den ganzen Monat gearbeitet haben und dafür dann keinen Cent mehr bekommen. Dass die zuerst Eingestellten das als extrem ungerecht empfinden würden, ist ja wohl klar.
Jesus hat die Geschichte von den Arbeitern im Weinberg solchen erzählt, die sich über Jesus aufregten. Jesus gab sich mit Menschen ab, auf die sie selber nur herabsehen konnten. Er ging zu den Armen. Die konnten es sich einfach nicht leisten, die Speisevorschriften des Alten Testaments zu beachten. Sie mussten das essen, was sie gerade bekamen. Sie hatten im Kampf um das Überleben gar keine Zeit, sich mit den religiösen Vorschriften zu befassen. Diese „Armen im Geiste“ hat Jesus sogar selig gepriesen. Jesus gab sich vor allem sogar mit Menschen ab, die in einem äußerst zweifelhaften Ruf standen: Er hatte Kontakt mit jungen Witwen, die zur Prostitution gezwungen waren. Was sollten die machen, wenn sie keine Familie hatten und es für Frauen keine anständige Arbeit außerhalb einer Familie gab? Er aß mit den Steuereintreibern, die für die verhasste Besatzungsmacht arbeiteten und sich damit noch bereicherten. „Wie kann Jesus sich mit solchen Leuten – solchem Pack – abgeben? Wie kann er sich als ein Prediger Gottes auf deren Niveau herab begeben? Wie kann er ausgerechnet zu denen gehen, die völlig gegen die Gebote Gottes leben? Wie kann er als ein angeblicher Mann Gottes Gemein­schaft mit ihnen haben? Wie kann er so tun, als gelte die Liebe Gottes solchem Gesindel, das sich an Gottes Gebote nicht hält?“ So fragten es sich die Frommen.
Ihnen hat Jesus diese Geschichte erzählt. „Gott ist nicht so wie wir“, wollte Jesus ihnen mit seiner Geschichte deutlich machen. „Gott verteilt seine Liebe und Gnade nicht wie ein normaler Arbeitgeber sein Geld: streng nach Leistung und Ansehen. Wenn Gott ein Arbeitgeber wäre, dann würde er sich so verhalten, wie dieser merkwürdige Weinbergbesitzer. Denn Gottes Liebe gilt allen seinen Geschöpfen: den Frommen ebenso wie den Unfrommen, den Gerechten ebenso wie denen, die sich an Gottes Gebote nicht halten können oder wollen. Für Gott sind alle Menschen gleich viel wert. Seine Liebe gilt ohne Unterschiede allen! Darum gehe ich zu denen, auf die Ihr herabseht.“
Liebe Gemeinde, manche von uns kennen diese Geschichte seit der Christenlehre oder dem Konfirmandenunterricht. Wir spüren darum vielleicht gar nicht mehr, wie provokativ und anstößig sie ist. Kann es denn wirklich sein, dass Gottes Liebe auch denen gilt, die sie gar nicht verdient haben? Ja klar, sagen wir vielleicht als Kinder der Reformation Martin Luthers. Aber wenn es ernst wird, dann sieht es schnell anders aus. Nach der Wende gab es zum Beispiel einige, die plötzlich am Heiligen Abend in der Kirche auftauchten oder auch in andere Gottesdiensten, obwohl sie vorher mit der Kirche nach außen hin nichts zu tun haben wollten oder gar Funktionen in Partei oder Staat hatten. Da gab es in manchen Kirchgemeinden etliche Christen, die über solche Leute die Nase rümpften und sie am liebsten aus der Kirche hinausgeworfen hät­ten. Oder ich erinnere mich, wie in meinen Hauskreis während meiner Zeit als Referent des Landesbischofs ein Mann kam, der so gar nicht zu uns passte. Er war Hartz IV-Empfänger, erzählte gern sehr merkwürdige Dinge, gab offen zu, dass er kein Christ war, kam aber zu jedem Termin. Manche stöhnten über ihn. Ich habe aber immer gesagt, dass eine christliche Gemeinde auch so jemanden aushalten und aufnehmen muss.
Denn Gott hat offene Arme gerade auch für solche Menschen. Für Gott haben alle Menschen die gleiche Würde und den gleichen Wert, unabhängig davon, wie sie leben und was sie leisten. Auch wenn uns das manchmal gegen den Strich gehen sollte.
Für uns ist das eine Gabe und eine Aufgabe zugleich. Eine Gabe ist es, weil ja auch wir Gottes Liebe nicht unbedingt verdient ha­ben. Wir alle wissen, wie nachlässig wir oft im Glauben sind, wie wenig brennend unsere Hoffnung sein kann und wie lieblos wir manchmal miteinander umgehen. – Wir bemühen uns ja schon, nach Gottes Willen zu leben, unser Vertrauen auf ihn zu setzen, die Gemeinde Christi durch unser Engagement und unsere finanziellen Beiträge zu stärken. Verdient haben wir es dennoch nicht, dass Gott uns als seine Kinder annimmt. Auch für uns ist das ein ganz großes Geschenk. Das ist die Gabe.
Die Aufgabe für uns ist es, dann aber auch ein offenes Herz für die zu haben, die anders sind als wir. Eine junge Frau sagte mir kürzlich, sie sei eine lebendige Christin im Unterschied zu denen, die bestenfalls mal sonntags in die Kirche gehen. Man würde den Unterschied im Alltag erkennen. Ein solcher Hochmut hat mit der Botschaft Jesu nicht allzu viel zu tun. Ich kann aber leider nicht behaupten, dass ich völlig frei von solchen Gedanken wäre. Im Freiberger Dom ist es beispielsweise so, dass vor allem im Sommer ständig Leute im Eingang stehen und sich an den Glasscheiben des Windfangs die Nasen plattdrücken. Manche kommen sogar in den Dom – scheinbar nur, um ihn mal von Innen zu sehen. Wenige machen dann sogar ein Foto. Die Gemeinde sieht das nicht, aber ich sehe es natürlich, weil ich ja vor dem Altar oder auf der Kanzel stehe. Das nervt mich manchmal schon sehr. Jesus würde aber  vielleicht sagen: „Sei doch froh, dass sie in den Dom kommen. Kannst Du wissen, was eine betende und singende Gemeinde in diesen Menschen auslöst?“
Die Geschichte von dem großzügigen Weinbergbesitzer ist aber auch noch in einer anderen Hinsicht brisant. Ich glaube nämlich, dass es kein Zufall ist, dass die Arbeiter im Weinberg alle einen Denar bzw. einen Silbergroschen bekommen. Das war damals ein Tageslohn, mit dem man seine Familie für diesen einen Tag ernähren konnte. Sozusagen das, was wir heute als Mindestlohn ansehen würden. Ich verstehe diese Geschichte auch so, dass Jesus sagen will: Wenn für Gott alle Menschen gleich viel wert sind und sie alle die gleiche Würde haben, dann sollten auch alle Menschen die Möglichkeit haben, in Würde zu leben. Insofern ist es vom Evangelium her sehr fragwürdig, wenn viele meinen, das Arbeitslosengeld II sei zu hoch. Mit dem Evangelium ist es darum auch nicht zu vereinbaren, wenn wir nicht bereit sind, von unserem Wohlstand etwas abzugeben und ihn mit anderen zu teilen. Menschen in Not verdienen unsere Hilfe und Unterstützung – Menschen in und aus der Ferne wie Menschen in der Nähe, wie auch immer die Hilfe im Einzelfall aussehen mag.
Wie gut, dass Gottes Liebe so verschwenderisch ist. Gut für die anderen. Gut aber auch für uns.
Amen.

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