Predigt zum 2. Sonntag vor der Passionszeit (Sexagesimae), 20. Februar 2022

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Predigt zum 2. Sonntag vor der Passionszeit (Sexagesimae), 20. Februar 2022

20.02.2022

zu Hebräer 4, 12 - 13; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,

in den letzten Wochen haben meine Frau und ich in Vorbereitung unseres Umzugs alles, was wir haben, gesichtet und sortiert. Was wir in unsere neue Wohnung mitnehmen wollen, kommt demnächst in die Umzugskartons. Was nicht mit umziehen soll, was wir nicht mehr verwenden können oder wollen, wurde zur Mülldeponie gefahren, verkauft, verschenkt. Nun haben wir unseren Hausstand so weit, dass wir damit unsere neue Wohnung einrichten können.
Dieses Beispiel mag deutlich machen, worauf das Bild von dem zweischneidigen Schwert abzielt. Wir dürfen das nicht zu wörtlich verstehen. Es geht nicht darum, Gottes Wort mit einer Waffe zu vergleichen. Das wäre zwar grundsätzlich bei einem Wort oder Worten nicht abwegig. Menschliche Worte können ja auch wie eine Waffe wirken, nämlich verletzend und zerstörerisch. So sind aber nur menschliche Worte. Gottes Wort dagegen ist keine Waffe. Ganz im Gegenteil. Gottes Wort wirkt zwar durchaus scheidend wie ein Schwert. Aber zugleich ist es kreativ, schöpferisch. Und wie es zu einem schöpferischen Handeln wie dem Einrichten einer Wohnung oft gehört, zu trennen zu sortieren, zu unterscheiden, so ist es auch bei Gottes Wort und dessen Schöpferkraft. Schon am Anfang der Bibel lesen wir bekanntlich, dass Gottes Wort Himmel und Erde erschaffen hat. „Und Gott sprach: Es werde Licht und es ward Licht“, lesen wir im ersten Kapitel des Ersten Mosebuches. Und diese Erschaffung des Lichtes ist zugleich eine Trennung, nämlich des Lichtes von der Finsternis. Ebenso werden der Himmel und die Erde, das Land und das Wasser voneinander geschieden in dem kreativen Prozess Gottes zur Erschaffung der Welt.
Das Bild von dem zweischneidigen Schwert steht also für einen schöpferischen Prozess, in dem es zur Scheidung und Unterscheidung kommt. Dieses Bild wendet der Apostel auf uns Menschen an. Auch in uns herrscht ein Chaos wie zu Beginn der Schöpfung. Auch in uns gibt es Dinge, die im Einklang mit Gottes gutem Willen mit uns stehen. Aber auch in uns gibt es das, was seinem Willen entgegensteht. Gottes Wort scheidet das eine von dem anderen, so wie meine Frau und ich die brauchbaren und die nicht mehr für uns brauchbaren Dinge voneinander geschieden haben. Am Ende dieses Scheidens und Unterscheidens, am Ende dieses schöpferischen Prozesses Gottes steht der Mensch, dessen Leben ganz und gar von Jesus Christus geprägt ist. Am Ende dieses schöpferischen Prozesses steht unser Heil, die Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott im ewigen Licht seiner Liebe.
Wie das konkret aussehen kann, ist mir in den vergangenen Tagen an einer Diskussion deutlich geworden, die unser Land noch sehr beschäftigen wird. Sie alle wissen, dass das Bundesverfassungsgericht das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe aufgehoben hat. Nun muss sich der Gesetzgeber daran machen, ein neues Gesetz zu verabschieden. Darin wird dann zu regeln sein, wer unter welchem Umständen Sterbewilligen dabei helfen darf, ihren Wunsch zu verwirklichen.
Mich beschäftigt diese Diskussion schon seit ein paar Jahren. Denn ich bekam während meiner Zeit in der Bischofskanzlei einen Anruf von einem Kollegen, der innerlich ziemlich aufgewühlt war. Er suchte Rat beim Landesbischof, der war aber leider zu diesem Zeitpunkt nicht verfügbar. So erzählte er erst einmal mir, was vorgefallen war. Angehörige einer alten und kranken Frau hatten sich an ihn, ihren Pfarrer gewandt. Die Ehefrau, Mutter und Großmutter sah eine Zeit der Krankheit, der Schmerzen und der Hilflosigkeit auf sich zukommen und wollte dem aus dem Weg gehen. Darum war es ihr Wunsch, von ihrer Familie in die Schweiz gebracht zu werden und bei einem dort ansässigen Sterbehilfeunternehmen den letzten Weg aus eigenem Entschluss zu gehen. Die Angehörigen waren verzweifelt. Sie wollten diesen vorzeitigen und willkürlichen Abschied von ihrer Angehörigen nicht. Sie konnten es sich erst recht nicht vorstellen, sie auch noch dabei zu unterstützen und sie in die Schweiz zu fahren.
Was hätte der Landesbischof zu diesem Fall von Gottes Wort her sagen können? Was würde Gottes Wort durch ihn oder den Pfarrer in diese Angelegenheit hinein sagen? Was würde Gottes Wort durch ihn oder den Pfarrer zu dieser Frau sagen? Vielleicht:
Bedenke doch, dass es nicht um Dich allein geht. Für Dich steht die Angst vor den Schmerzen, vor der Ohnmacht, vor der Hilflosigkeit im Vordergrund. Aber da sind die Menschen, die Dich lieben. Ihnen wird es auch so sehr schwer fallen, wenn Du gehen musst. Aber wie sollen sie es aushalten, dass Du sie freiwillig vorzeitig verlässt? Der Selbstmord eines Angehörigen ist eigentlich das Schlimmste, was einem zustoßen kann. Bedenke: Du bist nicht allein mit dem Entschluss, aus diesem Leben zu scheiden. Er hat Folgen nicht nur für Dich.
Bedenke auch, dass Dein Entschluss noch weiterreichende Folgen hat. Deine Lieben werden die Last der Krankheit und des Sterbens mit Dir tragen. Aber viele Angehörige werden das in Zukunft nicht mehr wollen. Es werden Menschen unter Druck gesetzt werden, noch bei Kräften aus dem Leben zu gehen. Vielleicht werden sie diesen Druck auch nur empfinden, wie viele schon heute bei der Grabpflege ihren Angehörigen nicht zur Last fallen wollen und sich für eine Beisetzung im Gemeinschaftsgrab entscheiden. Du machst es denen nicht leichter, wenn Du die Entscheidung so triffst, wie Du es vorhast.
Andererseits würde Gott aber vielleicht auch so zu der Frau sprechen:
Dein Leben lang hast Du auf Jesus Christus vertraut. Bei der Konfirmation ist es Dir ernst gewesen, Ja zu sagen zu Deiner Taufe. Für Deine Ehe hast Du Dir den Segen Gottes zusagen lassen. Deine Kinder hast Du versucht im Glauben zu erziehen. Du bist ein Kind Gottes! Hab darum keine Angst! Du bist nicht allein auf dem Weg, der vor Dir liegt. Denn Deine Lieben wollen ihn mit Dir gehen bis zu dem Zeitpunkt, der Dir bestimmt ist. Hab keine Angst! Du bist nicht allein auf dem Weg, der vor Dir liegt. Denn ich werde mit Dir sein. Hab Vertrauen: Christi Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Sicherlich aber hätte Gottes Wort auch zu dem Landesbischof oder dem Pfarrer gesprochen. Was hätte es ihnen gesagt? Vielleicht:
Wisch den Schmerz und die Angst dieser Frau nicht vorzeitig zur Seite. Du teilst beides nicht in Deiner jetzigen Lage. Du weißt auch nicht, was sie schon in ihrem Leben durchgemacht hat. Mag sein, das Maß an Leid und Schmerz, das sie in ihrem Leben tragen konnte, ist schon erfüllt. Mag sein, sie fürchtet sich auch davor, dass ihre Lieben die eigenen Kräfte überschätzen. Fühl Dich in sie hinein; bilde Dir nicht vorschnell eine Meinung über sie. Du kannst ihr den anderen Weg nicht zeigen, wenn Du sie innerlich verurteilst.
Sicherlich aber auch: Mach ihr aber Mut, ihr Leben in Gottes Hand zu legen. Mach ihr Mut, auf die Kraft zu hoffen, die ihr und ihrer Familie zuwachsen wird. Mach ihr Mut, auf Christus an ihrer Seite zu vertrauen. Du wirst die passenden Worte finden. Ich schenke sie Dir.

Liebe Gemeinde,
Gottes Wort scheidet und unterscheidet. Es zeigt uns, wo wir im Einklang mit dem Willen Gottes leben, fühlen, denken und wo nicht. Gottes Wort ist dabei lebendig und kräftig. Lebendig ist es auch, indem es zu uns in ganz unterschiedlicher Weise spricht. Je nachdem, wie wir es hören können, scheidet und unterscheidet es. In unterschiedlichen Situationen kann das auch Unterschiedliches bedeuten. Denn es ist lebendig. Es geht auf das Leben ein. Und es ist kräftig. Es bewirkt etwas.
Leider weiß ich nicht, wie sich die Frau am Ende entschieden hat. Ich hoffe, es hat für sie wie für ihre Angehörigen die Gelegenheit gegeben, ihren Wunsch vom Wort Gottes her – und hoffentlich auch im Gebet – zu bedenken. Dann wird Gottes Wort sich an ihr als lebendig und kräftig erwiesen haben – und der Weg wird ein guter gewesen sein, den sie gegangen ist.
Amen.

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